Flüchtlinge und Schule : „Lehrer meiden das Thema Islam“

Die Professorin für Politische Bildung, Sabine Achour, im Interview über Unterrichtsinhalte und Herausforderungen für Lehrer bei der Integration von Flüchtlingskindern.

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Lehrer sind bei der Integration von geflüchteten Kindern besonders gefordert.
Lehrer sind bei der Integration von geflüchteten Kindern besonders gefordert.Foto: picture alliance / dpa

Frau Achour, in Deutschland befürchten viele, Flüchtlinge könnten sich nicht an das Grundgesetz halten. Brauchen diese Schüler eine spezielle Staatsbürgerkunde?

Die Vorstellung, dass man Wertkonflikte austragen kann, indem man die Schüler Top down mit dem Grundgesetz konfrontiert, ist falsch. Es wäre aber absolut wünschenswert, wenn es in der Schule einen Raum gäbe, in dem Wertedebatten gründlich ausgetragen werden können.

Wird denn nicht im Geschichts- oder Politikunterricht über Werte diskutiert?

Im Geschichtsunterricht haben die Lehrkräfte für aktuelle Fragen oft keine Zeit. Und der Politikunterricht ist in vielen Bundesländern wegen der Konzentration auf die Pisa-Fächer zusammengeschrumpft. In Berlin gibt es ihn oft erst in der Oberstufe. Zwischen der 7. und der 10. Klasse sollen die Geschichtslehrer politische Bildung fachfremd unterrichten. Das schaffen sie oft aus Zeitgründen nicht.

Sind die Lehrkräfte auf harte Debatten mit muslimischen Schülern überhaupt vorbereitet?

Manche Lehrkräfte haben entsprechende Fortbildungen gemacht, und in Berlin werden inzwischen auch die Lehramtsstudierenden bei uns vorbereitet, in anderen Bundesländern eher weniger. Generell meiden Lehrkräfte das Thema Islam am liebsten. Eher befassen sie sich mit Buddhismus. Dabei muss man an der Lebenswelt der Schüler ansetzen, um sie anzusprechen. Geschieht dies, reagieren sie aufgeschlossen. Sie wissen selbst oft nur wenig über die Vielfalt des Islam.

Sabine Achour ist Professoren für Politikdidaktik und Politische Bildung an der Freien Universität.
Sabine Achour ist Professoren für Politikdidaktik und Politische Bildung an der Freien Universität.Foto: Promo

Wie kann man die Schüler am besten gewinnen?

Es geht um einen anerkennenden Umgang mit dem Islam. Dann kann man die Schüler bei dem verbreiteten Konstrukt der „Ehre“ packen, etwa, indem man ihnen die Vielfalt des Islam vor Augen führt und ihnen auch Beispiele für beeindruckende feministische Musliminnen zeigt. Es geht um Identifikationsfiguren, mit denen man die Schüler stärken kann. Lehrer können dafür aufgeschlossene Imame aus den Moscheevereinen oder Bildungsträger in den Unterricht einladen.

Lehrer müssen in diesen Zeiten auch gut mit fremdenfeindlichen Schülern umgehen.

Das ist ihnen sicher weniger fremd. Aber wirklich kompetent dafür fühlen sich die meisten sicher auch nicht. Sie brauchen auch hier die Unterstützung guter Experten. Vieles kann mit einer guten Schulkultur auch kompetent bearbeitet werden. Besorgniserregend ist es, wenn Lehramtsstudierende, auch angehende Politiklehrkräfte, mit dem Gedankengut von Pegida sympathisieren.

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