Frauen in der Neonazi-Szene : „Die Waffe bin ich selbst“

01.12.2011 11:14 UhrVon Armin Lehmann
Überzeugungstäterin. So sieht sich Ricarda Riefling, Mitglied des NPD-Bundesvorstands. Foto: Kai Budler
Überzeugungstäterin. So sieht sich Ricarda Riefling, Mitglied des NPD-Bundesvorstands. - Foto: Kai Budler

Immer mehr Frauen drängen in die NPD. Und Ricarda Riefling ist Mitglied des Bundesvorstands. Begegnung mit einer vierfachen Mutter mit extremen Ansichten.

Sie kommt im weiten Mantel und mit braunem Herrenhut im Retro-Stil. Die Treppe in das Café am Bahnhof in Hannover läuft sie unsicher hinauf, als fühle sie alle Blicke auf sich gerichtet. Aber es guckt gar keiner. Am Tisch zittern die Hände, dann hat sie sich drei Stunden lang unter Kontrolle, redet ruhig, antwortet gelassen.

Nur einmal reagiert Ricarda Riefling, eine der ranghöchsten Frauen der NPD, Mitglied des Bundesvorstands, verheiratet mit einem vorbestraften Neonazi, wütend. Als das Gespräch auf Beate Zschäpe kommt, die Frau aus der rechten Terror-Zelle, ruft Riefling, die sei kein Vorbild, sondern eine Verräterin.

„Für Menschen wie die, die keine Persönlichkeit haben, empfinde ich nur Mitleid.“

Dagegen findet Ricarda Riefling, dass sie selbst eine Persönlichkeit ist. Und dass sie den Auftrag, „meinen Auftrag“, wie sie es nennt, besser zu erfüllen versteht als diese Frau aus Thüringen, die sie gar nicht kenne: das deutsche Volk retten, vor Überfremdung, Verrohung, Kinderlosigkeit, Zerfall. Beate Zschäpe, glaubt Riefling, habe diesen Auftrag diskreditiert. Mord und Gewalt seien die falschen Mittel, sagt sie. Sie will den Deutschen „ihre Ängste persönlich mitteilen“, „mit schönen Worten“ kämpfen. Man könnte auch sagen mit dem schönen Schein.

Der Rechtsextremismus ist nicht nur gefährlich, weil er Gestalten wie Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe hervorbringt. Er ist gefährlich, weil viele denken, dass er nur dumpf ist. Ricarda Riefling ist hellwach, intelligent. Ihr Abitur hat sie im niedersächsischen Peine mit der Note 1,5 gemacht, nebenbei mit 17 ihr erstes Kind bekommen, nun ist sie 28 Jahre, verheiratet, Mutter von vier Kindern.

Ihr Gesicht verrät keine Härte. Sie fällt nicht auf in diesem Café. Man muss wissen, dass sie aktiv ist als Organisatorin der Initiative „Zukunft statt Überfremdung“, als Vorsitzende im Unterbezirk Oberweser, als Sprecherin der NPD-Niedersachsen und demnächst wohl als Spitzenkandidatin bei den Landtagswahlen. „Eine schillernde Figur“, wie es der Verfassungsschutz in Niedersachsen ausdrückt.

Sie plaudert so unschuldig wie ein junges Mädchen, aus dem Mund dieser Frau ist der von der NPD angestrebte Rassenstaat ein harmloses, aber starkes Volksparadies. Eingebettet in ein bürgerliches Milieu, fleißig und engagiert auftretend, soll sich Bahn brechen, was auch Ricarda Rieflings Ziel ist: Ausländer rausschmeißen, „rückführen“, wie es im traditionellen NPD-Sprech heißt, Kinderschänder töten lassen, Homosexualität unter Strafe stellen, eine homogene neue Volksgemeinschaft bilden. Ricarda Riefling drückt das so aus: „Wir wollen unbequem sein und auf den Putz hauen, aber als Vertreter und Sprachrohr unseres Volkes und nicht als Schreckgespenst. Wir müssen als Teil unseres Volkes und nicht in einer Parallelwelt leben … als Kümmerer vor Ort.“

Ginge es nach ihr, würde die NPD vor allem über „Familienpolitik“ reden und über die Gefahr, dass das „deutsche Volk“ aussterbe. Egal, was sie sagt, immer steht am Anfang das Bekenntnis zur Mutterschaft. Es ist Trick und Überzeugung zugleich. Im Rückblick, sagt sie, sei die Geburt ihres ersten Kindes ein Schlüsselerlebnis gewesen. Fortan sah sie lauter Menschen wie sich selbst, die, wie sie findet, „vom Staat alleingelassen werden, wenn sie Kinder haben“. Das sei der Grund, warum sie immer politischer geworden ist.

Ihr eigentlicher Auftrag lautet, einer menschenverachtenden Partei ein menschliches Gesicht zu geben.

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