Frauenpolitik : "Auch Männer gewinnen durch Gleichstellung viel"

Schweden befördert schon seit Jahrzehnten politisch die Gleichheit von Männern und Frauen. Die zuständige Ministerin Asa Regnér sieht aber noch zwei große Baustellen.

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Genderpolitik für die andern: AfD-Wahlwerbung am Rande des Christopher Street Days in Berlin dieses Jahr. Foto: imago/snapshot
Genderpolitik für die andern: AfD-Wahlwerbung am Rande des Christopher Street Days in Berlin dieses Jahr.Foto: imago/snapshot

Schweden schien uns weiter südlich lange ein Paradies der Emanzipation. Dann gaben Stieg Larssons Milleniumsthriller eine Ahnung davon, dass es auch im Norden Männer geben mus, die Frauen hassen und teils grausam quälen. Was stimmt nun?

(Lachen) Ein Paradies für Frauen ist Schweden sicher nicht, ich habe schließlich meinen Job noch. Aber wir haben ein sehr gutes Niveau von Gleichberechtigung erreicht. Weil wir politische Entscheidungen dafür getroffen haben. Nach unserer Erfahrung darf man nicht auf künftige Generationen hoffen oder darauf, dass die Wirklichkeit sich automatisch verändert. Man muss politisch etwas wollen. Wir genießen heute die Früchte früherer Entscheidungen. Zum Beispiel die zur Individualbesteuerung, die schon 1974 eingeführt wurde. Das war bedeutend für die Arbeitsmarktteilnahme von Frauen. Grundlage unseres Gleichberechtigungsmodells ist, dass jede und jeder eigenes Geld hat, nicht das des Staats, aber auch nicht das des Mannes.

Die These von Simone de Beauvoir im feministischen Klassiker "Das andere Geschlecht" vor fast 70 Jahren hat also Schweden bewiesen: Die Art der Arbeit ist nicht so wichtig, wichtig ist, dass eine Frau ihr eigenes Geld damit verdient.

Das stimmt. Aber Schweden hat noch mehr getan: Schwangerschaftsabbruch ist erlaubt, wir haben inzwischen einen Elternurlaub von zwölf Monaten, der sich um drei Monate verkürzt, wenn nur ein Elternteil ihn nimmt. Außerdem sind bei uns Kinderbetreuung und Altenpflege öffentliche Aufgaben. Anders als in Deutschland haben erwachsene Kinder ihren Eltern gegenüber keine Pflichten. Es war ein ganzes Paket von Maßnahmen, das einen hohen Grad von Gleichberechtigung möglich gemacht hat.

Was fehlt?

Wenn wir die Bilanz der bisherigen Gleichberechtigungspolitik ziehen, dann werden noch zwei Gebiete sichtbar, wo mehr geschehen muss: Erstens die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt - da geht es nicht nur um Löhne, sondern auch um Arbeitszeiten und anderes, das Gleichberechtigung behindert. Auch bei uns haben Frauen immer noch lediglich 70 Prozent der Rente von Männern.

Asa Regnér Foto: Kristian Pohl/Regeringskansliet
Asa RegnérFoto: Kristian Pohl/Regeringskansliet

Trotz jahrzehntelanger Politik gegen die Ungleichheit?

Ja. Frauen arbeiten eben immer noch mehr in Teilzeit, leisten unbezahlte Arbeit und übernehmen mehr Verantwortung für Kinder - was die Altenpflege angeht, ist das weniger stark. Deshalb ist uns die Aufteilung des Elternurlaubs so wichtig. Und deshalb haben wir auf nationaler Ebene so viel Geld in die Altenpflege gesteckt, obwohl sie Aufgabe der Kommunen ist, damit sich die Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten dort verbessern. Insgesamt ging Geld ins Sozialsystem, wo viele Frauen arbeiten, oft mit Universitätsabschluss, aber einem sehr hartem Arbeitsalltag. Wir haben wie Deutschland das Prinzip der Sozialpartnerschaft, wir können und wollen keine Löhne festsetzen und es gibt in Schweden, anders als in Deutschland, auch keinen Mindestlohn. Aber an diesen Schrauben können wir drehen.

Und das zweite Gebiet, wo Sie Mängel feststellen?

Das andere Gebiet ist Gewalt. Schweden hat Einiges zum Schutz von Frauen und Kindern getan - auch Männer werden Opfer häuslicher Gewalt, aber die Mehrzahl sind Frauen - wir haben Gesetze geändert und inzwischen gibt es in jeder Stadt eine Frauennothilfe. Es ist aber noch zu wenig geschehen, um Gewalt zu verhüten: Deshalb sind jetzt Männer und Jungen in unserem Fokus. Wir wollen mit ihnen über Gleichberechtigung, Respekt, Gewalt sprechen. Da geht es nicht darum, einem Geschlecht kollektiv Schuld zuzuschanzen, sondern darum, allen bewusst zu machen, dass Gleichberechtigung wichtig für den Zusammenhalt der ganzen Gesellschaft ist. Die Frauen in Parteien und der Frauenbewegung haben viel in Gang gesetzt, aber das kann nicht immer nur Thema der Frauen sein. Zumal auch Männer durch Gleichberechtigung viel gewinnen können: Schließlich sind sie an beiden Enden der Gesellschaft überstark vertreten, nicht nur in den Spitzenpositionen, sondern auch ganz weit unten.  

Die Gleichstellungspolitik scheint seit langem Konsens zwischen Links und Rechts in Schweden zu sein.

Nun ja.

Droht ihr die Rolle rückwärts durch die rechtspopulistischen "Schwedendemokraten"? In Deutschland pflegt eine erstarkte und durch die AfD politisch repräsentierte Rechte wieder die alten Rollenbilder. 

Das zu beobachten, ist sehr interessant. Die Schwedendemokraten nehmen für sich in Anspruch, "schwedische Werte" zu vertreten. Insbesondere nennen sie Geschlechtergleichheit und die Rechte der Frau - die sie, übrigens ohne jeden statistischen Beweis, durch Menschen anderer Herkunft bedroht sehen. Sieht man sich dann allerdings ihr Parteiprogramm an, dann sind sie gegen alles, was Schweden auf das aktuelle Niveau von Gleichstellung geführt hat. Sie sprechen sich darin für das Betreuungsgeld aus, das wir Anfang des Jahres abgeschafft haben, weil es sich als nachteilig für die Stellung der Frau erwiesen hat, und sie wollen die Individualbesteuerung durch eine ersetzen, die die Familie als kleinste Einheit sieht. Die Schwedendemokraten sind sehr für Geschlechtergleichheit, wenn es um Migranten geht. Zur Gewalt gegen Frauen in der Mehrheitsbevölkerung hört man wenig von ihnen. Das halte ich übrigens für eine der Gemeinsamkeiten rechter Parteien in Europa und anderswo. 

Ereignisse wie die massenhafte Belästigung von Frauen an Silvester in Köln allerdings sind Wasser auf deren Mühlen. Auch Schweden hat Exzesse dieser Art erlebt - was tun Sie dagegen?

Zunächst einmal: Frauen sind frei, jeden öffentlichen Ort zu betreten. Wenn diese Freiheit bedroht ist, müssen wir dagegen vorgehen. Das Aufklärungsprogramm, das ich erwähnte, richtet sich an alle, denn wir wissen, dass sich in den letzten zehn Jahren das Gewaltniveau in Schweden praktisch kaum verändert hat. Es gibt darin aber auch ein Modul, das sich direkt an unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wendet, von denen Schweden allein im letzten Jahr 35 000 aufgenommen hat, und an neu angekommene ausländische Männer. Wir haben die Behörden dabei unterstützt, eine Aufklärungsbroschüre zu entwickeln, die über schwedische Gleichberechtigungspolitik aufklärt, über Gesetze, Rechte und Pflichten. Sie wird an Schulen eingesetzt, in Sportvereinen, aber auch in Flüchtlingsunterkünften. Darüber gab es keine Debatten. Es gibt 10 Millionen Schweden und wir haben pro Kopf der Bevölkerung mehr Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere Land. Da ist es im Grunde eine Selbstverständlichkeit, dass wir die Neuankömmlinge über das Land informieren, in das sie kommen. Zugleich müssen selbstverständlich Polizei und Justiz ihre Aufgabe erfüllen.

 

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