Gewalt in Syrien : In der Nacht von Damaskus

Plötzlich ein Schuss. Die Menge rennt wild davon. Weitere Schüsse fallen. Obwohl Beobachter der Arabischen Liga in Syrien sind, geht die Gewalt gegen die Aufständischen unvermindert weiter. Bericht aus einem verzweifelten Land.

Layla Haj Yahya
Fotografieren verboten. Die wenigen, oft verschwommenen Bilder, die von den Aufständischen in Syrien in die Welt gelangen, sind meist mit Handykameras aufgenommen.
Fotografieren verboten. Die wenigen, oft verschwommenen Bilder, die von den Aufständischen in Syrien in die Welt gelangen, sind...Foto: REUTERS

Wer heutzutage noch Damaskus besucht, ist überrascht, wie normal hier der Alltag wirkt. In der lebhaften Innenstadt mit ihren pulsierenden Bazaren erscheint der Gedanke, dass in der Stadt Beobachter der Arabischen Liga gastieren, die brutale Menschenrechtsverletzungen untersuchen sollen, fast unwirklich. Und doch ist etwas anders als zuvor: Die Menschen in den Cafés und in den Taxis reden über Politik. Zwar noch nicht mit lauter Stimme, aber auch nicht mehr im Flüsterton. In den Vororten finden allabendlich Demonstrationen statt, sterben täglich Protestierende. Der Aufstand rückt näher an die Hauptstadt.

Ich erhalte einen Anruf, dass am Abend eine „Party“ in Harista steigen soll. Aktivisten holen mich ab und fahren mich in ein sogenanntes Safe House. Fünf junge Männer empfangen uns in einem Wohnzimmer, das hell mit Neonlampen beleuchtet ist. Die Vorhänge sind zugezogen, die Luft ist dick vom Zigarettenqualm. Ein älterer Mann kommt dazu, die anderen grüßen ihn respektvoll. Ahmad S.* ist einer der Anführer der Proteste in Harista, einem Vorort von Damaskus in dem die Arbeitslosigkeit und die Demütigungen durch die Sicherheitskräfte die Menschen auf die Straße treiben. Was sie von den Beobachtern der Arabischen Liga erwarten, frage ich. „Was können wir schon erwarten“?, antwortet Ahmad S. „Sollte die Mission nicht sofort ihre Arbeit einstellen, sobald noch eine Kugel abgefeuert wird? Jeden Tag sterben 20, 30, 40 Menschen. Das Regime hat das Abkommen nur unterschrieben, um Zeit zu kaufen.“

Ein junger Armeedeserteur serviert Tee. Einige verlassen die Wohnung nur für die abendlichen Demonstrationen, andere gehen tagelang nicht vor die Tür. Sie haben seit Monaten ihre Familien nicht gesehen und wechseln den Aufenthaltsort alle paar Wochen. Im Fernsehen läuft „Orient News“, ein Oppositionskanal, der von Dubai aus sendet. Er zeigt die Brutalität des Regimes ungefiltert. Es sind grauenerregende Aufnahmen, gefilmt mit Mobiltelefonen: Knochen, die unter den Stiefeln von Sicherheitsbeamten brechen, Rücken mit Spuren von Peitschenhieben, Kinder in Blutlachen.

Als ich frage, ob die Revolution weiter friedlich bleiben kann, lächeln die Männer. Niemand wolle Gewalt, und die Revolution sei tatsächlich lange friedlich geblieben, erklärt einer. „Aber das Regime bringt unser Volk um. Sie schießen auf Frauen, auf Kinder.“ Um sich dagegen zu wehren, um Waffen zu kaufen, fehle es jedoch an Geld. Ahmad S. zieht einen alten Revolver aus der Schublade unter dem Fernseher, Marke Mauser. „Wie sollen wir uns damit verteidigen?“, fragt er. Er steckt eine Patrone in die Revolvertrommel, dreht sie und lacht. „Die ist höchstens für russisches Roulette zu gebrauchen.“

Wir warten auf den Anruf eines Fahrers, der uns zu der Demonstration nach Harista bringen soll. Der Armeedeserteur schaut aus dem Fenster. Ahmad S. weist ihn zurecht. Ob er nicht verstanden habe, dass die Vorhänge geschlossen bleiben müssen, solange es draußen dunkel ist und Licht im Zimmer brennt. Schließlich kommt der Anruf. Ahmad S. springt auf, ein kleiner weißer Wagen wartet auf uns, Ahmad S. und der Fahrer tauschen Neuigkeiten aus: Wer ist heute verhaftet worden, gibt es Tote?

Blutiger Aufstand gegen Assad
18. Juli 2012: Assads Verteidigungsminister Daud Radscha wird bei einem Anschlag der Freien Syrischen Armee in Damaskus getötet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 99Foto: AFP
18.07.2012 16:0418. Juli 2012: Assads Verteidigungsminister Daud Radscha wird bei einem Anschlag der Freien Syrischen Armee in Damaskus getötet.

Der Fahrer kennt sich aus, er vermeidet die Militärcheckpoints und fährt stattdessen unter verlassenen Brücken her, durch Tunnel, in denen das Wasser steht, über dunkle Feldwege. Vom zentralen Platz von Harista hat sich bereits eine Menschenmenge in Bewegung gesetzt. Überall sind bewaffnete Männer der revolutionären Freien Syrischen Armee postiert. Obwohl immer mehr Aufständische versuchen, Waffen ins Land zu schmuggeln. sind die Männer der Freien Syrischen Armee, die aus der regulären Armee desertiert sind, bis jetzt die einzigen, die von Beginn an bewaffnet waren und auch mit den Waffen umgehen können.

Ich bin die einzige Frau und soll mich eng an meine Begleiter halten. Wenn mich die Demonstranten für eine Informantin halten, könnte ich Schläge kassieren. Ein junger Mann führt den Zug an. Auf Schultern getragen, singt er in ein Megaphon: „Nieder mit Baschar jetzt! Das Geschenk der Arabischen Liga an uns ist der langsame Tod!“

Vor der Kirche der kleinen christlichen Gemeinde von Harista hält der Zug an. Der Sänger ruft: „Christen hört, Christen hört! Wir wünschen euch ein geheiligtes Fest. Das syrische Volk ist eins, egal ob Muslim oder Christ. Wir sind eins, wir sind eins!“ Bis jetzt unterstützen die syrischen Kirchen offiziell das Regime, aus Angst vor islamischen Parteien, die an seine Stelle treten könnten. In der Opposition gibt es jedoch zahlreiche Christen. Meine Begleiter erklären mir, dass es wichtig sei, ihnen die Angst zu nehmen. „Das Regime hat ihnen jahrzehntelang eingebläut, dass nur es allein die Minderheiten schützen kann. In Wirklichkeit spielt es die Konfessionen gegeneinander aus und tut alles, um das Volk zu spalten.“

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