Giftgasangriff in Irak : Brennende Luft

Als es plötzlich nach süßen Äpfeln roch, wussten die Menschen, da stimmt etwas nicht. Saddam Hussein setzte an diesem Frühlingstag im Nordirak eine neue Waffe ein: Giftgas. 25 Jahre nach dem Massenmord sind die Folgen längst nicht zu überblicken.

Theresa Breue
Beten für die Opfer. Auf dem Friedhof von Halabja mussten die Toten in Massengräbern beerdigt werden.
Beten für die Opfer. Auf dem Friedhof von Halabja mussten die Toten in Massengräbern beerdigt werden.Foto: Safin Hamed/AFP

Halabja war eine Stadt der Künstler und Intellektuellen. Bis in die 80er Jahre sind Frauen hier in kurzen Röcken und ohne Kopftuch aus dem Haus gegangen. Das ist vorbei. Heute gilt Halabja als konservative Stadt, selbst junge Mädchen sind schon vollständig verschleiert. Während es in anderen Gegenden im Nordirak Alkohol zu kaufen gibt, ist das in Halabja nicht möglich. Die liberalen Bewohner, die es an diesem Ort noch gehalten hat, beklagen, dass der Einfluss der Islamisten immer stärker werde.

Omar Mohammed Kadir ist einer von ihnen, ein Intellektueller. Und er sieht die Veränderung mit Sorge. „In Halabja gibt es über 200 Moscheen“, sagt er, „aber nicht ein einziges funktionierendes Krankenhaus.“

Kadir hat im nahe gelegenen Suleymaniyah Theaterwissenschaften studiert. Und er hat mehrere Bücher über den Tag geschrieben, der Halabja verändert hat. Der 16. März 1988. Tage vorher hatte Diktator Saddam Hussein damit begonnen, die kurdische Stadt zu bombardieren. Doch an diesem Märztag setzt er eine neue Waffe ein. Sie zieht als weiße, schwarze und gelbe Rauchschwaden durch die Stadt.

Als dies geschieht, sitzt Akram Mohammed Mahmud mit seiner Familie im Keller. Er ist elf Jahre alt und schon den dritten Tag in Folge hier unten. Er kann hören, wie Saddam Husseins Truppen immer wieder Bombenangriffe auf die Stadt fliegen. Es ist Mittagszeit, gerade will die Familie essen, da stimmt irgendetwas nicht. Es riecht nach süßen Äpfeln. Sie fliehen nach draußen, wollen wissen, was geschieht. Mahmud sieht den Nachbarsjungen vor seinen Augen zusammenbrechen. Akram Mahmuds Haare fühlen sich an, als würden sie brennen, er muss sich übergeben. Seine Mutter presst dem Elfjährigen ihren Schal auf Mund und Nase. „Wir müssen hier weg“, schreit jemand. Ein Mann hievt den Jungen auf die Ladefläche eines Pick-up-Trucks.

Halabja liegt nur 15 Kilometer von der iranischen Grenze entfernt. Zuerst beschießen die irakischen Mirage-Jets damals die Wege in den Iran mit Gas, um den Menschen die Flucht zu erschweren. Etwa 5000 von ihnen, überwiegend Zivilisten, sterben innerhalb weniger Minuten, 10 000 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Jetzt jährte sich das Massaker zum 25. Mal.

Deshalb steht Mahmud, heute 36 Jahre alt, wieder neben dem weißen Dodge Pick-up. Der Wagen steht vor dem Halabja Monument, die Gedenkstätte ähnelt einer eisernen Faust, die in den Himmel ragt und soll an die Angriffe von 1988 erinnern. Mahmud arbeitet seit einigen Jahren hier, führt Besucher durch die Ausstellungsräume und erzählt seine Geschichte. Berichtet, wie sich über 40 Menschen damals auf der Ladefläche des Pick-ups drängen, der auch die Mahmuds aus der Stadt bringen soll. „Immer wieder fielen die Menschen vom Auto“, erinnert er sich, „manche waren gelähmt, konnten sich nicht bewegen.“ Der Fahrer hält immer wieder an und legt die Leute auf die Ladefläche zurück. Unermüdlich. Keinen will er zurücklassen. Bis er selbst hinter dem Steuer zusammensackt und gegen eine Mauer fährt. Sie haben es nicht einmal bis zur Stadtgrenze geschafft.

Als ein iranisches Hilfsteam den Wagen einen Tag später entdeckt, steckt der Schlüssel noch in der Zündung. Die Helfer bringen die Überlebenden in ein Krankenhaus im Iran. Wie viele es sind, weiß Akram nicht mehr. „Wenige“, sagt er, „sehr wenige.“ Seine Mutter, sein Vater, seine drei Brüder – sie sind da bereits tot.

Ein Faust in den Himmel. Im Halabja Monument wird der mehreren tausend Opfer des Giftgasangriffs vom 16. März 1988 gedacht.
Ein Faust in den Himmel. Im Halabja Monument wird der mehreren tausend Opfer des Giftgasangriffs vom 16. März 1988 gedacht.Foto: AFP

Die Namen jener, die die Angriffe nicht überlebt haben, stehen im Inneren des Monuments, grau geätzt auf schwarzen Stein. Über der Decke ist die kurdische Flagge gespannt, die sich rot, weiß und grün in den Steinen spiegelt. In den Nebenräumen verleihen Farbfotografien dem abstrakten Grauen ein Gesicht. Sie zeigen Menschen mit aufgerissen Mündern und Augen, die Körper verkrümmt, die Finger im Krampf erstarrt. Manchen läuft Blut aus Mund und Nase, manchen grüner Schleim, einige haben Blasen auf der Haut, als seien sie verbrannt. Am Stadtrand, in der Mitte eines Kreisverkehrs, steht zudem eine Bronzestatue. Sie zeigt einen Mann, der sich schützend über ein Kind wirft. Es ist die Nachbildung eines bekannten Fotos, das nach den Angriffen gemacht wurde.

Auf dem Friedhof der Stadt reihen sich hunderte Grabsteine aneinander. Mal steht ein Name, mal stehen mehrere Namen darauf, ganze Familien wurden damals ausgelöscht. Die Steine stehen symbolisch für die wenige Meter entfernt in Massengräbern bestatteten Opfer. 1500 Leichen liegen da zusammen unter der Erde. Während des Krieges war es nicht möglich, die Menschen zu identifizieren und einzeln zu beerdigen.

Der kurdische Norden des Irak ist wohl die einzige Region, in der die Menschen dankbar für die Invasion der Amerikaner 2003 sind. In beinahe jedem Buchladen liegt eine Ausgabe der Autobiografie von George W. Bush in kurdischer Sprache aus. Saddam Hussein war hier so verhasst, dass die Kurden einfach nur froh sind, dass er weg ist. Egal wie.

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