Politik : Hilfe und Hilflose

In Äthiopien laufen viele Programme für Flüchtlinge aus Somalia an – die Einheimischen fühlen sich zurückgesetzt

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Entwicklungshelfer Costes. Die Technik ist nicht das Problem. Foto: Ingrid Müller
Entwicklungshelfer Costes. Die Technik ist nicht das Problem. Foto: Ingrid Müller

Glenn Costes ringt um Fassung. Heute sollte der Wassertank im Flüchtlingscamp Halloween fertig sein, morgen wollte er aus den blauen Plastikrohren eine Pipeline zum zweieinhalb Kilometer entfernten Fluss verlegen und den Tank auffüllen. Dann könnten endlich die ersten somalischen Flüchtlinge hierher umziehen, die sich seit Wochen in dem überfüllten Durchgangslager an der äthiopischen Grenze in Dolo Ado drängen. Doch davon ist der junge Mann von den Philippinen weit entfernt. Nicht einmal ein Meter des Tankfundaments steht hier auf dem steinigen Grund in der Einöde. Dafür stehen 20 grimmig dreinblickende Äthiopier vor seinem Wellblechrund. Sie gestikulieren und reden lauthals durcheinander – immer wieder zeigt einer auf ein Grüppchen Männer, die zehn Meter weiter am Boden hocken. Es sind somalische Flüchtlinge aus dem Camp Kobe. Sie sagen kein Wort. Auch sie sind zum Arbeiten hergebracht worden.

So geht das schon seit Tagen. Die Einheimischen wollen die Arbeit machen und dafür bezahlt werden, denn Arbeit gibt es in dieser unwirtlichen Gegend kaum. Diese Einnahmequelle sollen ihnen jetzt nicht auch noch die Somalier wegnehmen. Schließlich bekommen die Flüchtlinge ohnehin schon Hilfe. Sie selbst müssen aber auch in der Dürre überleben. Also verhindern sie, dass es vorangeht. Streik auf äthiopisch.

Glenn Costes von Oxfam baut den Tank im Auftrag des UN-Flüchtlingswerks UNHCR. Er hat schon alles versucht, um zu vermitteln. Am Morgen hatten die Äthiopier erst mal wieder angefangen zu arbeiten. Jetzt fordern die Einheimischen mehr Geld. Bei einer anderen Organisation würden sie besser bezahlt, behaupten sie. Jetzt muss das UNHCR ran. „Technische Lösungen sind nicht das Problem“, sagt Glenn und lacht. „Die sind ganz einfach.“

Glenn Costes telefoniert. Das Essen soll kommen. Wenn ihn jetzt sein Stuttgarter Professor sehen könnte, bei dem er in Vaihingen Infrastrukturmanagement studiert hat. Der, erzählt Glenn, macht sich ohnehin immer lustig über ihn, dass er mit dem Studium nun Toiletten und Tanks für Flüchtlinge baut. Vorher war er schon im sudanesischen Darfur. Glenn zieht sein Palästinensertuch fester, schiebt das Basecap – ein Geschenk seiner Mutter – aus der Stirn, streckt die Brust unter dem blauen Shirt heraus. Wird schon werden. Schließlich hat er sich zum Prinzip gemacht, den Menschen zu helfen. „Es geht im Leben nicht nur um Geld. Ich hatte nach dem Studium auch luxuriöse Gehaltsangebote von Planungsunternehmen. Hier kann ich Leute glücklich machen, die wirklich nichts mehr haben.“ Heute hört sich das ziemlich trotzig an.

Innerhalb von wenigen Stunden könnten sie über die Pipeline vom Fluss Wasser für 7000 Leute heranschaffen. „Wenn wir pumpen, kann jeder Flüchtling 15 bis 20 Liter Wasser am Tag bekommen“, sagt Glenn. In ein paar Tagen werde es so weit sein, spricht er sich ein wenig Mut zu. Er versteht den Aufstand nicht. „Wir bringen doch auch Wasser in die Schulen, in die Moschee. Und hier können die Einheimischen auch ihr Wasser zapfen, dann sparen sie sich die zweieinhalb Kilometer hin und den Weg zurück.“ Ein Einheimischer grinst. So einfach, wie die Internationalen sich das vorstellen, gehe das nicht, sagt er. „Die Leute hier sind Nomaden, da redet man nicht einmal und dann ist alles klar. Das geht immer mehrfach hin und her, ehe eine Verabredung steht.“

Ingenieur Ray Hobbs schüttelt den Kopf über den enthusiastischen jungen Kollegen. „Der träumt, das klappt nie so schnell.“ Der 56-Jährige, ein Australier vom Typ lonesome Cowboy, mit dreckverschmiertem Gesicht und ehemals weißen Joggingschuhen, will eigentlich schon seit zwei Stunden zurück in Dolo Ado sein. Er muss noch Geld holen, damit er die Leute bezahlen kann. Aber heute geht zu viel schief in dieser unwirtlichen Gegend. Der Bagger zum Ausheben der Latrinen ist auch immer noch nicht angekommen.

Die Vertreter des äthiopischen Flüchtlingswerks Arra haben unterdessen den Umzug der 16 000 Flüchtlinge nach Halloween wegen der Unzulänglichkeiten verschoben. Doch auch dort ist die Lage unzumutbar. Inzwischen machen auch erste Meldungen von Todesfällen in Folge von Masern die Runde. Am vergangenen Freitag starteten deshalb die ersten 1000 Flüchtlinge in Bussen aus dem Transitcamp nach Halloween. Der Wassertank und die Pipeline lassen noch immer auf sich warten – obwohl sogar die obersten Vertreter von Arra und dem UNHCR aus Dolo zum Vermitteln einschritten. Jetzt wird Wasser erst einmal 30 Kilometer von Dolo Ado aus per Tankwagen herangekarrt. Eine teure und aufwendige Aktion.

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