Politik : Hoffnung schenken

Eine Berlinerin rettet Kinder in Kiew vor dem Absturz – und bewahrt der Ukraine die Chance auf eine Zukunft in Europa.

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Katja und Barbara. Im privaten Kinderschutzzentrum „Our Kids“ lernen vernachlässigte Mädchen und Jungen, ein geregeltes Leben zu führen. Foto: Christoph von Marschall
Katja und Barbara. Im privaten Kinderschutzzentrum „Our Kids“ lernen vernachlässigte Mädchen und Jungen, ein geregeltes Leben zu...

Katja hatte kaum Chancen auf ein normales Leben. Mutter und Großmutter, bei denen sie in der ukrainischen Hauptstadt Kiew aufwuchs, waren Trinker. Der Vater fehlte. Früher oder später landen solche Kinder meist auf der Straße, geraten in einen Kreislauf aus Drogen, Kriminalität, sexueller Belästigung und ungewollten Schwangerschaften. Sie schnüffeln an Klebstofftüten, um das Leiden am Alltag zu betäuben. Dann laufen bunte Trickfilme im Kopf ab.

Katja hatte Glück. Sie gehörte 2008 zu den Ersten, die im privaten Kinderschutzzentrum „Our Kids“ aufgenommen wurden, dem zivilgesellschaftlichen Projekt der Berlinerin Barbara Monheim. Rot leuchten die Ziegeldächer der drei lang gestreckten dreistöckigen Gebäude aus dem Grau der Plattenbauten im Osten Kiews hervor.

Inzwischen ist Katja 17. Mit schüchternem Stolz zeigt sie ihr kleines Reich: die Wohnung im Obergeschoss, die sie mit ihren „Sozialeltern“ Maria und Wolodymyr sowie fünf anderen Kindern bewohnt. Die Räume sind mit hellen Ikea- Möbeln eingerichtet. Ihr Bruder Jaroslaw, ein Jahr jünger und einen Kopf größer, surft im Wohnzimmer im Internet. Katja teilt ein Zimmer mit ihrer kleinen Schwester Natalia. Den Kleiderschrank hat sie mit Tierfotos beklebt: Hasen, Katzen, Hundewelpen. Aus dem Fenster blickt sie auf Pappeln und Ahornbäume, deren Blätter sich herbstlich färben.

Als Katja vor fünf Jahren einzog, war sie zwölf, konnte weder lesen noch schreiben, auch nicht mit Essbesteck umgehen, sagt Heimleiter André Poddubny. Auf unbekannte Geräusche reagierte sie mit Angstausbrüchen. Pädagogen, Psychologen und Ärzte halfen. Sie lernte, Vertrauen aufzubauen. In der Schule wurde sie zur Klassensprecherin gewählt. Vor wenigen Wochen hat sie eine Lehre als Konditorin und Köchin begonnen.

Dass aus Katja kein Straßenkind wurde, verdankt sie Barbara Monheim. Vor 13 Jahren hatte ein ukrainischer Journalist ihr deren Welt in Kiews Abwässerkanälen gezeigt. Dort suchen sie Schutz vor der Kälte und aggressiven Erwachsenen, auch wenn es bestialisch stinkt. Monheim war so erschüttert, dass sie versprach, ihnen ein Zuhause zu bauen. Zum Glück wusste sie damals nicht, wie mühselig das werden würde. Sonst hätte sie womöglich den Mut verloren.

Am Donnerstag wurde „Our Kids“ offiziell eröffnet: Das dritte Gebäude ist bezugsfertig, nun ist Platz für 54 Kinder. Die Regierung der Ukraine richtet das Festdinner aus, um ihren Anteil am Erfolg herauszustreichen. EU-Kommissar Stefan Füle und Außenminister Guido Westerwelle sind gekommen. „Our Kids“ ist zu einem Vorbild in der hohen Politik geworden. Beim Gipfel in Vilnius Ende November entscheidet die EU, ob sie ein Assoziierungsabkommen mit der Ukraine schließt. Eigentlich hat das Land die Bedingungen dafür nicht erfüllt. Der Umgang mit Oppositionsführerin Julia Timoschenko, die nach einem politischen Prozess im Gefängnis sitzt und auf die Ausreisegenehmigung zur medizinischen Behandlung in der Berliner Charité wartet, ist nur eines von vielen Hindernissen. Auch die Reform des Justizwesens und des Wahlrechts lässt auf sich warten. Europas Strategen fürchten jedoch, die Ukraine russischer Hegemonie zu überlassen, wenn sie die Assoziierung jetzt ablehnen. Das Kinderheim „Our Kids“ ist eines der wenigen Beispiele für Erfolg.

Die Annäherung der Ukraine an Europa kostet Kraft. Barbara Monheim hat es in den 13 Jahren erfahren. Nach dem Mauerfall kümmerte sie sich zunächst um ihr Heimatland Polen, das sie 1981 verlassen hatte. Sie wollte helfen beim Umbau zu Demokratie, Marktwirtschaft und Rechtsstaat. Aus ihrer Studienzeit an der Wirtschaftshochschule Warschau kannte sie die neue polnische Elite. Exkommilitone Leszek Balcerowicz gehörte zu den Vätern des polnischen Wirtschaftswunders, andere wurden Bankpräsidenten und Unternehmer. In Berlin knüpfte sie Kontakte zu deutschen Politikern, Wirtschaftsführern und Künstlern. Sie nutzt dieses Netzwerk – seit dem Besuch in der Kanalisation von Kiew – für den Aufbau von „Our Kids“. Ein Benefizkonzert auf der Pfaueninsel brachte die Anschubfinanzierung. Volker Schlöndorff drehte einen Film über die Straßenkinder – unentgeltlich. Musiker der Deutschen Oper und des Deutschen Symphonieorchesters spielten unter Leitung von Christian Thielemann – Ehrensache.

Es dauerte drei Jahre, bis sich ein Gelände fand. In dieser Zeit erlebte Barbara Monheim alle Abgründe des Umbruchs in der Ukraine. Behördenvertreter wollten Staatsimmobilien zum eigenen Nutzen vermarkten und Geld für die Genehmigung privater Projekte erhalten. Sie ging nicht darauf ein. Sie kämpfte. 2004 stellte die Stadt einen leer stehenden Kindergarten zur Verfügung. Als sie die maroden Gebäude mit Richard von Weizsäcker besichtigte, beschlichen sie Zweifel. „Ist das nicht eine Nummer zu groß“, habe sie gefragt. „Ja“, habe er geantwortet. „Aber du musst es dennoch machen.“

Seither sind ihre Tage ausgefüllt mit Bittanrufen bei Sponsoren, Förderanträgen und Flügen. Königin Silvia von Schweden besuchte die Baustelle 2006. George Soros, der US-Finanzinvestor ungarischer Herkunft, half ebenso wie der Vorstandsvorsitzende der Metro-Kette, Hans-Joachim Körber. Entscheidend war die „orange Revolution“ 2005. Sie brachte Bewegung in die Ukraine. 2006 stießen die ersten ukrainischen Unternehmer zu den Förderern. 2007 erklärte die Regierung „Our Kids“ zum Modellprojekt. Der Staat gab nach langem Widerstand sein Monopol bei der Betreuung gefährdeter Kinder auf. Privatinitiative ersetzte sozialistische Bevormundung. Das Kinderheim wurde zum Anwendungsbeispiel einer gesellschaftlichen Revolution.

Das Umdenken war kein glatter Prozess, immer wieder gab es Rückschläge. Heizkörper wurden an der Grenze festgehalten, erneut verweigerte Monheim die erhoffte Bestechung. 2008 zogen die ersten Kinder mit ihren Ersatzfamilien ein, darunter Katja – mehr als sieben Jahre, nachdem Monheim den kleinen Obdachlosen in der Kanalisation ihr Versprechen gegeben hatte. Keines dieser Kinder war nach so langer Zeit mehr aufzufinden.

Allmählich gleitet „Our Kids“ von der Aufbau- in die Alltagsphase. Neue Kinder kommen mit Läusen, kaputten Zähnen und verwundeten Seelen. Sie erhalten eine Therapie, gehen zur Schule, erleben Bootsfahrten und Zeltlager. Man zeigt ihnen Vorbilder für ein geregeltes Leben, aus denen Berufswünsche wachsen können. Sie besuchen Autowerkstätten, Anwaltskanzleien, Hotels. In den letzten Monaten haben sie eine Tanzperformance mit Volker Schlöndorff für die Eröffnungsfeier eingeübt.

Inzwischen haben die ersten Kinder das Heim wieder verlassen, weil eine „richtige Familie“ sie adoptiert hat. Katja wird in betreutes Wohnen wechseln, um sich auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten. Die EU muss entscheiden, ob sie auch der Ukraine eine Wende zutraut. Die Therapie durch Assoziierung soll Hilfe zur Selbsthilfe sein. Julia Timoschenko sitzt weiter im Gefängnis.

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