Humanistentag : Mein Weg zum Humanismus

Wie findet man seine Weltanschauung? Unser Gastautor beschreibt seinen Weg vom Protestanten zum Kommunisten zum Humanisten.

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2009 antworteten Atheisten mit dieser Aufschrift auf den Werbeflächen von Bussen auf eine kirchliche Kampagne, die graphisch sehr ähnlich gestaltet war. Auf den christlichen Plakaten hieß es: "There definitely is a god."
2009 antworteten Atheisten mit dieser Aufschrift auf den Werbeflächen von Bussen auf eine kirchliche Kampagne, die graphisch sehr...Foto: Andy Rain/dpa

Vor ein paar Wochen fragten mich Zehntklässler in meinem Ethikunterricht, ob ich „Atheist“ sei. Ich antwortete mit „Ja, aber …“ und versuchte zu erklären, dass ich mich keineswegs nur negativ, also in Ablehnung eines Glaubens an eine höhere Macht, definiere, sondern vor allem positiv die Werte meiner „humanistischen Weltanschauung“ vertrete. Bei den meisten der Schülerinnen und Schüler war Nachdenklichkeit die erste Reaktion – bis ein Pfiffikus etwas spontan in die Klasse rief: „Ach, Sie meinen Atheist-Plus!“ Interessanterweise verstanden das seine Mitschülerinnen und -schüler offenbar viel besser.

Sind Humanisten nur "Atheisten-Plus"?

Dieses kleine Erlebnis zeigt bereits die besondere Problematik, wenn es darum geht, den Humanismus als nicht religiöse Ethik und Weltanschauung zu erklären. Im Unterschied etwa zu Frankreich wird der Begriff bei uns facettenreicher assoziiert. So rief auch der damalige deutsche Papst Benedikt XVI. zu einem „neuen christlichen Humanismus“ auf. Wenn im Folgenden von „Humanismus“ gesprochen wird, dann im Sinne einer Konzentration auf den Menschen und seine Fähigkeit zu einem „guten Leben“ ohne religiöse Begründung. Die entsprechende Ethik orientiert sich an den Werten und Grundsätzen der Selbstbestimmung und Verantwortung, Solidarität und Gerechtigkeit, der Vernunft und des kritischen Denkens und nicht zuletzt am Toleranzgebot. Es sei daran erinnert, dass ein solches Denken seinen Ursprung in den Humanitätsidealen der antiken und vorchristlichen stoischen Philosophie hat.

Doch wie wird man „Humanist“?

Wie bei vielen Menschen meines Alters (Jahrgang 1952) war dieser Weg keineswegs einfach. So gehöre ich zu jener Kriegs- und Nachkriegsgeneration von Humanistinnen und Humanisten, die sich – ähnlich wie der bekannte Kinderbuchautor und -illustrator „Janosch“, der Vater der Tigerente – nur allzu oft unter großen Mühen von einer sehr ambivalenten christlichen Erziehung emanzipieren mussten. Diese war bei mir zum einen geprägt durch ein hohes Maß an Liebe und Geborgenheit – so wurde ich als kleines Kind immer mit einem „Gute-Nacht-Gebet“ von meinen Eltern ins Bett gebracht. Die Kehrseite aber war zumeist ein Kaleidoskop repressiv-autoritärer Erziehungsmethoden mit zum Teil dezidiert religiösen Motiven. In unserem hessischen Dorf gehörten dazu rigide körperliche Züchtigungen selbst bei minimalen Vergehen. Sexualität oder Körperlichkeit waren für Kinder völlig tabuisiert.

Der Tod meines Vaters brachte mich schon als Kind zu existentiellen Frage

Als mein katholischer polnischer Vater 1951 meine evangelische Mutter nach protestantischem Ritus heiratete, wurde er exkommuniziert. Trotzdem suchte er mit mir regelmäßig seine katholische Kirche auf – allerdings immer erst zehn Minuten nach Gottesdienstbeginn, um sich kurz vor Ende auch wieder rechtzeitig wegzuschleichen und nicht vom Pfarrer erkannt zu werden. Stärker kann ein Kind religiöse Bigotterie kaum erleben. Doch verstehen konnte ich die Zusammenhänge freilich noch nicht.

Als ich neun Jahre alt war, starb mein Vater ohne jegliche gesundheitliche Vorwarnung an einem Herzinfarkt. Dieser Schock verstärkte meine kindliche Religiosität, ein verzweifelter Versuch, zumindest im „Zwiegespräch mit Gott“ ein wenig Trost zu suchen. Zumal meine Mutter, die ihren ersten Mann bereits im Krieg verloren hatte, mit der Situation völlig überfordert war und meine Bedürfnisse in ihrer Trauer zumeist übersah. Zugleich motivierte der Schrecken bei mir eine besondere Sensibilität für existenzielle Fragen – individuelle wie gesellschaftliche.

Dass sich in meinen kindlichen Erfahrungen das spiegelte, was sich im Großen als das Dilemma des „christlichen Abendlandes“ darstellt, sollte ich erst später begreifen, als ich die „Thesen zu einer Diskussion über den Atheismus“ des langjährigen Chefs des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts, Alexander Mitscherlich, aus dem Jahr 1963 in die Hände bekam. Dort beschrieb er, wie sich die urchristliche Botschaft der Nächstenliebe seit der Etablierung des Christentums als Staatskirche immer wieder in ihr Gegenteil verkehrt hatte. „Die Innigkeit einer Riemenschneider’schen Madonna und der totgeprügelte Jude sind nicht zwei Welten, die nichts miteinander zu tun hätten, sondern zwei Seiten ein und derselben Kultur.“

In Gießen begann ich an allem zu zweifeln

Mittlerweile waren wir in die Universitätsstadt Gießen gezogen. Die Stadt beherbergte zahlreiche Kasernen der US-Armee, während in Indochina der Vietnamkrieg tobte. Entsprechend politisiert war die Atmosphäre. Fast täglich kamen Studenten des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) zu uns in die Schule, um uns zu „agitieren“. Ich begann an allem zu zweifeln. Über zwei betagte Buchenwald-Überlebende, die für mich zum Inbegriff moralischer Integrität wurden, kam ich bereits als Abiturient zur DKP. Der Schritt von der einen Religion in die Quasireligion der orthodoxen Kommunisten aber war nur äußerlich radikal, wie ich später erkennen musste. Etwa zwei bis drei Jahre nach meiner Konfirmation war ich nach heftigem inneren Ringen wegen des noch immer wirkenden schlechten religiösen Gewissens („Der liebe Gott sieht alles“) aus der Kirche ausgetreten. Ein fundierter naturwissenschaftlicher Unterricht hatte diesen Schritt wesentlich erleichtert.

Interessant ist, dass sowohl beim Kirchenaustritt als auch bei der Hinwendung zur kommunistischen Ideologie der Begriff des Humanismus seinerzeit nahezu keine Rolle spielte.

Ausgelöst durch eine Krise in meiner Ehe begann ich eine Psychotherapie, die in die Bearbeitung meiner Kindheitstraumata mündete. Nicht zuletzt wurde damit auch die Abnabelung von allen Formen „repressiver Über-Moral“ (Mitscherlich) eingeleitet – ob religiös oder ideologisch begründete. Nach dem Lehrerstudium in Kassel war ich mit meiner jungen Familie mittlerweile nach West-Berlin übergesiedelt. Die reale Konfrontation mit Mauer und Stacheldraht sowie die sympathisch-quirlige Szene aus Hausbesetzern, Punkkultur oder grün-alternativen Lebensformen beschleunigte meine endgültige Abkehr vom orthodoxen Marxismus.

Diese neu gewonnene Freiheit war aber nach Erich Fromm nicht nur eine „Freiheit von krank machenden regressiven Bindungs- und Orientierungsformen“. Es war zugleich auch die Freiheit, den inneren geistigen Kompass völlig neu zu justieren. Die Fragen wurden immer grundsätzlicher: Wo will ich hin? Was gibt mir Halt? Was ist der Sinn meines Lebens.

Der Pädagoge Bruno Osuch ist Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands im Landesverband Berlin-Brandenburg und wurde für seine Dissertation zur Werteerziehung im Jahr 2000 mit dem Internationalen Erich-Fromm-Preis ausgezeichnet.

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