Politik : Hunderte Flüchtlinge in Seenot

400 Menschen werden vermisst / Keine Einigung über Rückführung mit Tunis

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Ankunft auf Lampedusa. Diese Flüchtlinge aus Afrika haben es geschafft. Foto: dpa
Ankunft auf Lampedusa. Diese Flüchtlinge aus Afrika haben es geschafft. Foto: dpaFoto: dpa

Bei der Flucht übers Mittelmeer sind in den vergangenen Tagen möglicherweise mehrere hundert afrikanische Armutsflüchtlinge ertrunken. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerkes (UNHCR) werden zwei Boote mit insgesamt rund 400 Migranten vermisst, die bereits vor über einer Woche von der libyschen Küste ablegten. Von beiden Kähnen seien Notrufe abgesetzt worden, weil sie offenbar in Seenot waren, doch habe man bisher die Schiffe nicht lokalisieren können.

An der Küste Libyens trieben derweil etwa 70 Leichen von Immigranten an, die offenbar versucht hatten, per Boot nach Südeuropa zu gelangen. Nach Angaben des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes des EU- Mittelmeerstaates Malta handele es sich dabei überwiegend um Migranten aus dem ostafrikanischen Krisenstaat Eritrea. Ob es sich bei den Toten um Insassen der beiden vermissten Boote handelt, ist nicht bekannt.

Erst am Wochenende hatte Italiens Küstenwacht 98 Flüchtlinge von einem sinkenden Boot vor der Insel Lampedusa gerettet. Ende März war vor der Insel Sizilien ein Boot mit elf Flüchtlingsleichen geborgen worden. Schätzungen gehen davon aus, dass jedes Jahr etwa 1000 afrikanische Migranten während der Flucht nach Europa im Mittelmeer sterben.

Seit Jahresbeginn kamen etwa 22 000 Bootsflüchtlinge aus Nordafrika auf den italienischen Inseln Lampedusa und Sizilien an. Auf Malta strandeten in den vergangenen Tagen etwa 1000 afrikanische Migranten. Die meisten stachen von Tunesien aus in See, doch auch von der libyschen Küste kommen immer mehr Schiffe. Tausende sollen in Nordafrika noch auf eine Chance zur Überfahrt warten. „Die meisten sind aus Eritrea und Somalia, darunter auch viele Frauen und Kinder“, sagte UNHCR-Sprecherin Melissa Fleming. Aber auch Flüchtlinge aus anderen schwarzafrikanischen Ländern sowie aus Tunesien und Libyen seien unter den Ankömmlingen. Eine Migrantin habe während der Überfahrt nach Südeuropa sogar ein Kind geboren, zwei weitere hätten durch die Strapazen der lebensgefährlichen Flucht Fehlgeburten erlitten.

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi drängte die Regierung in Tunesien bei einem Besuch in Tunis, die weitere Flucht von Migranten zu stoppen. Ein Rückführungsabkommen wird es jedoch vorerst nicht geben. Eine italienisch-tunesische Kommission soll sich nun mit dem Problem befassen. Berlusconi bot der Übergangsregierung, die seit dem Sturz des Diktators Zine al Abidine Ben Ali im Amt ist, zudem millionenschwere finanzielle Hilfe und Ausrüstung an. Die Rede war von Schnellbooten, Geländewagen und Nachtsichtgeräten, um die Grenzkontrolle zu verbessern. Mit dem Ende des Regimes vom Ben Ali war auch die Grenzüberwachung zusammengebrochen.

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