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Immer deutlichere Differenzen : Türkei dementiert US-Luftangriffe auf IS

Washington meldet, erstmals seien US-Kampfflugzeuge aus der Türkei gestartet, um IS-Stellungen anzugreifen. Ankara dementiert dies, es habe sich nur um Aufklärungsflüge gehandelt - ein Zeichen für die Spannungen zwischen den USA und der Türkei.

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F-16-Kampfflieger der US-Luftwaffe sind auf türkischen Stützpunkten stationiert.
F-16-Kampfflieger der US-Luftwaffe sind auf türkischen Stützpunkten stationiert.Foto: AFP

So also sieht die angekündigte Großoffensive von Türkei und USA gegen den "Islamischen Staat" (IS) in Syrien aus? Kaum hatte die amerikanische Regierung den Beginn der US-Luftangriffe auf den IS von türkischen Stützpunkten aus bekannt gegeben, dementierte die türkische Regierung die Meldung. Es habe lediglich Aufklärungsflüge gegeben, sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu in einem Fernsehinterview. Das Gezerre über die Frage, ob nun bombardiert wurde oder nicht, ist ein Zeichen für die wachsenden Spannungen zwischen Ankara und Washington hinter den Kulissen.

Für die USA zählt nur der Kampf gegen den IS

Die Wurzel des Streits liegt in den grundverschiedenen Interessen der beiden Partner in Syrien. Für die USA zählt nur der Kampf gegen den IS. Für die Türkei spielt der IS dagegen lediglich eine Nebenrolle. Die Aufmerksamkeit in Ankara konzentriert sich auf die PKK-Kurdenrebellen und auf das Autonomiestreben der syrischen Kurden, die bei der türkischen Regierung im Verdacht stehen, einen eigenen Staat gründen zu wollen. Die Türkei habe den aktiven Kampf gegen den IS nur pro forma aufgenommen, um sich die Rückendeckung der USA und der Europäer für das Vorgehen gegen die Kurdenrebellen der PKK zu sichern, lautet der Verdacht, der in Washington immer unverhohlener geäußert wird.

Fest steht, dass die Türkei wesentlich härter gegen die PKK vorgeht als gegen den IS. So besteht in der Zahl der Luftangriffe ein großes Ungleichgewicht. Während die Türkei ihre Luftwaffe fast täglich für Angriffe auf die PKK im Nordirak und in Südostanatolien einsetzt, bedachte sie den IS bisher aber nur an einem einzigen Tag, dem 24. Juli, mit drei Luftangriffen.

Dass die türkische Luftwaffe seitdem nichts mehr gegen den IS in Syrien unternommen hat, liegt teilweise an noch laufenden Bemühungen, die Aktionen der türkischen Jets mit den Luftangriffen anderer Mitglieder der internationalen Anti-IS-Koalition zu koordinieren. Aber das ist nicht der einzige Grund. US-Regierungsvertreter haben den Eindruck, dass Ankara unter dem Deckmantel des Ende Juli verkündeten "Anti-Terror-Kampfes" vor allem die PKK-Rebellen im Visier hat und den IS gewähren lässt.

Washington fühlt sich von der Türkei verschaukelt

Das "Wall Street Journal" zitierte einen hochrangigen US-Militärvertreter mit den Worten, die Türkei habe nach einem Vorwand gesucht, um gegen die PKK losschlagen zu können. Der angebliche Kampf gegen den IS habe diesen Vorwand geliefert. Türkische Regierungsvertreter hätten die PKK als Priorität bezeichnet, während der Kampf gegen den IS "weniger dringend" sei.

Washington fühlt sich vom türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan verschaukelt und lässt deshalb immer mehr Details an die Öffentlichkeit durchsickern, die Ankara schlecht aussehen lassen. So meldete der US-Sender Fox News, die Türkei habe beim Start ihrer Angriffe auf die PKK im Nordirak die amerikanischen Militärs nur zehn Minuten vor dem ersten Bombardement informiert. Die US-Generäle waren entsetzt, weil im Nordirak amerikanische Ausbilder tätig sind, die nordirakische Regierungstruppen für den Kampf gegen den IS schulen.

Auch beim Thema der von Ankara angestrebten Schutzzone im Norden Syriens gehen die Meinungen weit auseinander. Die US-Regierung distanzierte sich bereits mehrmals von dem Plan, doch für die Türken ist das Projekt als Bollwerk gegen die befürchtete Ausweitung des Gebietes der syrischen Kurden sehr wichtig.

Scheidender US-Generalstabschef Ray Odierno sieht Fortschritte

Währenddessen sieht der scheidende Generalstabschef des US-Heeres Ray Odierno Erfolge im Einsatz gegen die Terrormiliz Islamischer Staat. Odierno sagte am Mittwoch in Washington, viele der obersten Befehlshaber des IS seien getötet worden. Dies habe die Gruppierung geschwächt. Die Terrormiliz sei stark auf die Rekrutierung von Kämpfern über soziale Netzwerke angewiesen. Nach Einschätzung des US-Verteidigungsministeriums habe der IS zwischen 20.000 und 30.000 Kämpfern, so etwa wie vor einem Jahr. Die Terrormiliz hätte keine Fortschritte gemacht, seit dem die Alliierten mit ihren Bombenangriffen gegen den IS im Irak und später in Syrien begonnen hätten. Erfolgreich seien auch die kurdischen Kräfte gewesen, die die Terrormiliz aus eroberten Gebieten im Irak und Syrien verdrängt hätten.

Odierno wird am Freitag von Mark Milley auf seinem Posten abgelöst. Odierno hat insgesamt mehr als vier Jahre im Irak gedient. Nach Ansicht von Odierno sollten die USA überlegen, ob sie nicht US-Militärs in Einheiten der irakischen Sicherheitskräfte einbinden sollten, die den IS bekämpften, berichtete die US-Militärzeitung "Stars and Stripes" auf ihrer Webseite. Das würde nicht notwendigerweise bedeuten, dass US-Soldaten direkt an Kampfhandlungen teilnähmen. Sie könnten jedoch als direkte Berater kämpfender irakischer Einheiten fungieren. Das könne den irakischen Sicherheitskräften mehr Dynamik bei der Bekämpfung der Terrormiliz verleihen.

Mehr als 2900 US-Soldaten sind in der Region stationiert

Zur Zeit sind mehr als 2900 Soldaten im Irak und anderen Region des Nahen Ostens zur Unterstützung der multinationalen Koalition, die gegen den IS im Irak und Syrien kämpft. Die US-Soldaten sind als Berater im Einsatz, greifen aber nicht auf dem Schlachtfeld ein. Die Last der Kampfhandlungen selbst liegt auf den Schultern moderater syrischer Rebellen, kurdischer Kämpfer und den irakischen Sicherheitskräften. Odierno machte aber zugleich klar, dass die USA diese Problem für die Region nicht lösen könnten. "Das muss von denen in der Region gemacht werden." Es sei aber wichtig, dass die USA bei der Ausbildung Unterstützung leisteten und versuchten Fähigkeiten und Kapazität zu entwickeln. ( mit dpa)

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