Integration durch Sport : Bürokratische Hürden für Geflüchtete endlich abbauen!

Vielerorts werden Schulsporthallen für die Unterbringung von Geflüchteten benutzt. Das sollte aber nur eine Notmaßnahme sein. Berlin und andere Großstädte dürfen nicht den Schul- und Vereinssport gegen Flüchtlingsunterkünfte ausspielen. Ein Gastbeitrag

Özcan Mutlu
Flüchtlinge in Neuhaus am Inn (Bayern) spielen nach der Überquerung der österreichisch-deutschen Grenze an einer Versorgungsstation Fußball.
Flüchtlinge in Neuhaus am Inn (Bayern) spielen nach der Überquerung der österreichisch-deutschen Grenze an einer...Foto: dpa

Breitensport ist wichtig für die Gesellschaft: Er hält nicht nur fit und gesund,
sondern fördert auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Durch Sport lernen
Kinder, aber auch Erwachsene, was Fairplay bedeutet und wie man mit Konflikten
umgeht. Ein gemeinsames Fußballtraining oder Volleyballspiel kann verschiedene
Kulturen zusammenbringen. In der Außen- und Entwicklungspolitik ist der Sport
auch ein gern genutztes Mittel zum Kulturaustausch und zur Völkerverständigung.

Gerade in den vergangenen Wochen haben wir dieses Phänomen auf vielen
Bolzplätzen und Sporthallen in Deutschland beobachten können. Sportvereine
heißen die Geflüchteten willkommen und erleichtern ihnen das Ankommen.
Miteinander Sport treiben, in den sportlichen Wettkampf zu treten, nichts verbindet
schneller. Sprachliche Barrieren sind da nebensächlich. Dies ist auch
wissenschaftlich belegt: Eine im Jahr 2014 veröffentlichte Studie der University of
Sterling und der Loughborough University in Großbritannien zeigt: Geflüchtete, die
sich gemeinsam mit anderen sportlich betätigen, sind besser integriert. Sport kann
geflüchteten Menschen helfen, sich in der neuen Gesellschaft zurecht zu finden
und Beziehungen mit Einheimischen aufzubauen. Gleichzeitig werden
Verbindungen zu zivilgesellschaftlichen Gruppen und (Sport-)Vereinen aufgebaut.
Im Idealfall bauen die Geflüchteten dabei auch Beziehungen zu Organisationen
auf, welche die Geflüchtete mit Ressourcen unterstützen und aktiv unter die Arme
greifen können.

In Deutschland ist diese bedeutende Rolle des Sports durch viele Akteure erkannt
worden. Unter der Überschrift Sport und Integration haben sich in den letzten
Jahren viele positive Bündnisse entwickelt. So haben die Landessportbünde
Versicherungen abgeschlossen, die es Geflüchteten ermöglichen, am Vereinssport
teilzunehmen, ohne Vereinsmitglied zu sein. Auch die geplante Ausbildung zu
Übungsleitern ist ein wichtiger Schritt, mit dem das Ankommen von Geflüchteten in
Deutschland gefördert wird. Wichtig ist, dass die Vereine, Landessportbünde und
Sportverbände ausreichende personelle und finanzielle Ressourcen zur
Konzipierung und Umsetzung von solchen Programmen und Informationen haben.

Sowohl Politik als auch die großen Sportverbände sind hier gefordert, den
Initiativen finanziell unter die Arme zu greifen. Doch hier gibt es erhebliche
Probleme, da zum Beispiel Verwaltungsvorschriften es den 90.000 Sportvereinen in
Deutschland nicht leicht machen. So schreibt das Bundesamt für Migration und
Flüchtlinge Sportvereinen im Rahmen des Programmes „Sport durch
Integration“ des Deutschen Olympischen Sportbundes tatsächlich vor, dass
Geflüchtete in ihren ersten drei Monaten in Deutschland nicht angesprochen
werden dürften. Diese und andere zum Teil Jahrzehnte alten Vorschriften gehören
abgeschafft. Es sollte nicht ausschlaggebend sein, ob jemand eine
Bleibeperspektive hat oder nicht, um einmal die Woche Fußball zu spielen.

Es ist aber auch klar, dass die für Sport und Geflüchtete bereitstehenden
Finanzmittel ganz und gar nicht ausreichen. Sie sind nur ein Tropfen auf den
heißen Stein. Daher haben wir im Sportausschuss des Bundestages beantragt, die
finanzielle Ausstattung des Projekts „Sport durch Integration“ für die kommenden
Jahre auf zehn Millionen Euro zu verdoppeln.

Eine weitere Herausforderung ist die Bewältigung der Unterkunftsproblematik für
Geflüchtete. Vielerorts werden Sporthallen, besonders Schulsporthallen für die
Unterbringung von Geflüchteten benutzt. Zu Ferienzeiten und zum Übergang mag
das sinnvoll sein, aber kann auf Dauer keine Lösung sein, Sporthallen über Monate
als Flüchtlingsunterkunft zu nutzen. Dies kann und darf nur eine Notmaßnahme
sein, wenn keine anderen Möglichkeiten existieren. Berlin und andere Großstädte
dürfen nicht den Schul- und Vereinssport gegen Flüchtlingsunterkünfte ausspielen.
Solange in Berlin viele öffentliche Gebäude als Flüchtlingsunterkünfte in Frage
kommen, dürfen dem Schul- und Vereinssport die Sporthallen nicht entzogen
werden. Denn Schul- und Vereinssport ist auch eine wichtige Maßnahme für
"Integration durch Sport“.

Es ist noch viel zu tun. Dabei darf nicht vergessen werden, dass es auch
Sportprojekte braucht, die auf Frauen und Mädchen oder auch auf ältere Menschen
zugeschnitten sind und die unter Berücksichtigung von kulturellen Voraussetzungen
gestaltet werden. Der Sport wird sicherlich nicht alle gesellschaftlichen Fragen
lösen können, der Sport kann aber einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den vielen
geflüchteten Menschen einen guten Start in Deutschland zu ermöglichen. Packen
wir es gemeinsam an und fördern wir die „Integration durch Sport“!
Özcan Mutlu ist Sprecher für Sportpolitik der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen.

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