• Interview: "Das Problem von Neukölln sind nicht die, die dort wohnen, sondern die die wegziehen"

Interview : "Das Problem von Neukölln sind nicht die, die dort wohnen, sondern die die wegziehen"

Etwa 40 Prozent der Stuttgarter sind Migranten, das ist - zusammen mit Frankfurt am Main - der höchste Anteil in einer deutschen Großstadt. Er kenne keine Ausländer, sondern nur Stuttgarter, sagte 2001 Stuttgarts OB Wolfgang Schuster (CDU), schaffte das Amt des Ausländerbeauftragten ab und berief den ersten Integrationsbeauftragten, Gari Pavkovic. Der hält wenig von den Thesen des Neuköllner Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowsky.

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Herr Pavkovic, Sie sind seit mehr als einem Jahrzehnt Integrationsbeauftragter einer Stadt mit deutlich höherem Migrantenanteil als Berlin. Ist Neukölln überall? 

Nein. Die Neuköllner Verhältnisse sind Ergebnis einer jahrelang unzureichenden Stadtentwicklungspolitik. Und sie lassen sich nicht übertragen, auch nicht auf andere Bezirke von Berlin. 

Nun kann man von Berlin aus sofort sagen: Ihr im reichen Süden habt’s gut – und folglich leicht reden. 

Nun, das ist nicht nur Schicksal. Wenn im Strukturwandel bestimmte Branchen und Wirtschaftszweige wegbrechen, dann muss man natürlich auch sehen, dass man für neue attraktiv wird, für die Kreativwirtschat und neue Technologien zum Beispiel. Wirtschaftsförderung kann der Verarmung etwas entgegensetzen. Ich gebe aber zu: Das ist in Berlin oder in Nordrhein-Westfalen sicher schwieriger. 

Aber sie sprachen von falscher Stadtentwicklungspolitik. Was meinen Sie? 

Wenn ich Neukölln vergleiche mit Stadtteilen von Stuttgart mit ähnlich benachteiligter Bevölkerung, dann kann ich sagen, dass dort durch gute Sozialpolitik, Bildungsförderung und das private Engagement von Bürgern viel erreicht wurde und wird. Nehmen Sie bei sich das Beispiel Rütli-Schule, das zeigt doch, dass gute Bildungspolitik eine Gegend auch aufwerten kann. Man muss investieren, nicht nur klagen. Das Problem von Bezirken wie Neukölln sind nicht die Leute, die dort wohnen, sondern die, die wegziehen.  

Haben Sie Tipps für uns im Norden? 

Ich kann nur sagen, was sich bei uns als erfolgreich herausgestellt hat: Wir haben in Stuttgart frühzeitig begonnen, in den Nachbarschaften Zugewanderte und Alteingesessene zusammenzubringen, Freiwillige einzubinden, auch die Migrantenvereine. Das war ein großer Erfolg und das das ist sicher auch anderswo möglich, nach meinem Eindruck auch in Berlin. Aber dazu ist ein Gesamtkonzept der Integration nötig, das auf Bürgerbeteiligung und Talentförderung setzt. Und natürlich braucht das Jahre. Berlin ist eine sehr interessante Stadt, die kreative und kluge Köpfe aus aller Welt anzieht. Ich bin sicher, dass es auch unter den Migranten hier Unternehmer gibt, die viel mehr leisten würden für den sozialen Zusammenhalt der Stadt oder in Bildungsfragen, wenn man sie nur gut anspricht. Wer aber ständig Probleme kulturalisiert, also mit der Herkunft in Verbindung bringt, der bewegt nichts. 

Sie nannten schon die objektiv schlechtere wirtschaftliche Situation von Berlin. Was ist außerdem schlechter hier? 

Mein Eindruck ist, dass man in Berlin stärker auf den Staat fixiert ist. Vieles was in Stuttgart gut läuft, ist  Ergebnis des Engagements nichtstaatlicher Akteure, zum Beispiel der türkischen Unternehmerverbände bei uns, die sich sehr für Ausbildung starkmachen. Aber dazu braucht es natürlich auch jahrelange Vernetzungsarbeit. Und, wenn Sie mir das erlauben: Ich kenne die Berliner Verhältnisse nicht wie meine Westentasche, aber ich bin oft hier. Und ich habe den Eindruck, dass vieles, was gut läuft, medial leider nicht ausreichend präsent ist. 

Sie meinen, die Berliner Blätter und Sender stürzten sich zu stark aufs Negative, wenn es um Migrationsfragen geht? 

Migranten tauchen in den Medien hauptsächlich als Personen mit Defiziten auf, außer im Sport. Als Betroffene oder Experten zu anderen gesellschaftlichen Fragen sind sie nicht gefragt. Lokale Printmedien in Stuttgart beziehen Migranten auch ein, wenn es um Bildung, Kultur, Wirtschaft oder den aktuellen OB-Wahlkampf geht, weil sie all diese Bereiche aktiv mitgestalten. Uns ist es wichtig, dass Eingewanderte auch medial präsent sind, wenn es nicht um Migrationsfragen geht. Das Leitmedium Fernsehen ist bei meisten gesellschaftspolitischen Themen noch weitgehend migrantenfrei.  Hinzu kommt: Gelingende Integration im Alltag hat keinen Nachrichtenwert. 

Sie kritisieren Deutschlands bekanntesten Bezirksbürgermeister nicht zum ersten Mal. Was passt Ihnen nicht an Heinz Buschkowsky? 

Ich verstehe nicht so richtig, warum er reale Probleme, die er sicher hat, generalisiert, dramatisiert und kulturalisiert. Wenn ich Probleme ständig an der türkischen und arabischen Herkunft von Menschen festmache, stoße ich damit auch gut Qualifizierte vor den Kopf und stelle in Frage, dass sie dazugehören. So etwas spaltet die Gesellschaft. Ein Beispiel: Wir haben in diesem Land ein Problem mit Rechtsextremisten. Kann man daraus schließen, dass alle Deutschen Rechtsextremisten sind? Buschkowsky produziert Unfrieden, obwohl er vermutlich wirklich aufrütteln will.

 

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