Japan-Tagebuch : Schleppender Wiederaufbau - mit neuen Perspektiven

Die japanische Stadt Rikuzentakata muss nach dem Tsunami völlig neu aufgebaut werden. Das ist nicht einfach. Doch manche bringt der Neuanfang auch auf neue Ideen. Bericht eines Besuchs.

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Das alte Rathaus in Rikuzentakata. Nur wer es aufs Dach schaffte, hat überlebt.
Das alte Rathaus in Rikuzentakata. Nur wer es aufs Dach schaffte, hat überlebt.Foto: Ulrike Scheffer

Vor einer Woche hätte ich Rikuzentakata wohl noch für eine Stadt in Madagaskar gehalten. Sie irgendwo jenseits von Antananarivo, der Hauptstadt Madagaskars, verortet. Doch Rikuzentakata liegt an der Ostküste Japans. Das heißt: Es lag an der Ostküste Japans, bevor der Tsunami es im März 2011 fortschwemmte. Wo einst Häuser standen und direkt am Strand ein großer Pinienwald, ist jetzt nichts als graue Wüste. Allein in den Schuttbergen am Rand der riesigen Fläche gibt es einige Farbsprenkel - Plastikkanister und Stoffreste, die zwischen Überresten der Holzhäuser festklemmen. Bagger schichten den Schutt nun um, während kleine Arbeitstrupps sich ans Sortieren machen. 80 Prozent von Rikuzentakata wurde vor einem Jahr zerstört, rund 1800 der einst 25.000 Einwohner getötet. Jetzt endlich ist alles bereit für den Wiederaufbau. Manch einem eröffnet der sogar ganz neue Perspektiven.

Erst einmal standen hier jedoch alle vor dem Nichts. Das Krankenhaus und ein paar andere öffentliche Gebäude haben dem Wasser zwar standgehalten, wieder in Betrieb nehmen kann man sie aber wohl nicht. Die meisten sind schwer beschädigt, die Fenster fehlen sowieso. Die Gardinenfetzen flattern weithin sichtbar im kalten Seewind. Dort, wo kurz vor dem Tsunami noch ein neues Baseball-Stadion eingeweiht worden war, stehen nur noch vier Flutlichtmasten. Dabei war Rikuzentakata besonders gut vor der Flut geschützt. Nach früheren Tsunamis hatte die Stadt eine hohe Barriere errichtet, doch genau die wurde vielen Bewohnern am 11. März 2011 letztlich zum Verhängnis. Als die ersten Tsunamiwarnungen kamen, fühlten sich die Menschen hier vollkommen sicher. Viele verließen ihre Häuser erst gar nicht. Nach einer ersten, noch beherrschbaren Welle geschah dann aber das Unvorstellbare: Das Wasser stieg bis zu 15 Meter hoch. Für die meisten, die geblieben waren, gab es da keine Rettung mehr.

Auch Bürgermeister Futoshi Toba war am Katastrophentag im Rathaus geblieben. Die Schule seiner Kinder galt sogar ganz offiziell als Anlaufstelle für Evakuierungsfälle. „Doch plötzlich mussten sie um ihr Leben rennen“, erzählt Toba einer Gruppe ausländischer Journalisten, die auf Einladung der Regierung das Land bereisen. Toba selbst wurde vom Dach des Rathauses gerettet, 68 seiner Mitarbeiter, rund ein Viertel der Verwaltungsangestellten, kamen dagegen in den Fluten ums Leben. Seine Frau hat ebenfalls nicht überlebt.

Atomkatastrophe von Fukushima und weltweite Folgen
Kurz vor der ersten Explosion. Ein Hubschrauber fliegt am 12. März 2011 am Reaktor eins des Akw Fukushima Daiichi vorbei.Weitere Bilder anzeigen
1 von 25Foto: Reuters
09.03.2012 15:27Kurz vor der ersten Explosion. Ein Hubschrauber fliegt am 12. März 2011 am Reaktor eins des Akw Fukushima Daiichi vorbei.

Heute arbeitet der Bürgermeister in einem provisorischen Containerbau. Vor seinem Bürofenster fahren Baumaschinen auf und ab, und auch drinnen sieht es aus wie auf einer Baustelle, denn beinah alle Angestellten hier tragen weiße Arbeitsanzüge. „Wir packen es an“, soll das wohl symbolisieren und erinnert an den früheren Premierminister Naoto Kan, der nach der Erdbebenkatastrophe ebenfalls im Arbeitsanzug auftrat.

Ulrike Scheffer
Ulrike SchefferFoto: Tsp

Acht Jahre soll der Wiederaufbau Rikuzentakatas dauern, schon jetzt hinkt man allerdings im Plan hinterher. Toba macht dafür vor allem die starre Bürokratie in Tokio verantwortlich. Als die Stadt schnell einen neuen Supermarkt errichten wollte, erzählt er, habe Tokio Subventionen zurückverlangt, weil das Baugrundstück bis dahin als landwirtschaftliche Fläche genutzt worden sei. „In einer Notlage muss es doch pragmatische Lösungen geben“,  klagt er. Toba ist einer der wenigen, die offen Kritik üben am Krisenmanagement der Regierung. Elf Monate hat die allein gebraucht, um eine Behörde zu schaffen, die den Wiederaufbau koordinieren soll.

Andere verlassen sich lieber auf sich selbst. Michihiro Kohno zum Beispiel. Er produziert Soja-Sauce. Weil der alte Standort zerstört wurde, ist er mit seinen Mitarbeitern erst einmal ins Hinterland umgezogen. Sein Vater hat ihm gleich nach dem Tsunami die Geschäftsleitung übertragen. „Wir mussten bei null anfangen, sogar die Rezepte für unsere Saucen gingen verloren. Das hat mein Vater nicht verkraftet“, berichtet der 38-Jährige. Der unverhoffte Generationswechsel an der Spitze könnte sich am Ende als Glücksfall für das 200 Jahre alte Familienunternehmen erweisen. Kohno sprüht geradezu vor Ideen. Neue Produkte will er entwickeln und auch neue Märkte erschließen. Solange die Produktion noch nicht wieder voll angelaufen ist, sind deshalb einige der Arbeiter in Tokio und Osaka als Vertreter unterwegs. Das hätten die sich vor einem Jahr sicher auch nicht träumen lassen.

Japans Regierung will die Ereignisse des vergangenen Jahres aufarbeiten und hat Journalisten aus aller Welt zu einer Rundreise eingeladen. Für den Tagesspiegel ist Ulrike Scheffer exklusiv dabei. Lesen Sie hier ihre anderen Berichte.

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