Kapitalismus-Kritiker Thomas Piketty : "So wie jetzt kann Kapitalismus nicht funktionieren"

Thomas Pikettys Kapitalismuskritik wird weltweit gefeiert - seit Jahrzehnten hatte kein Ökonom solchen Erfolg. Folgt auf Reaganomics die soziale Wende?

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Banken- und Globalisierungskritiker protestieren in Frankfurt am Main
Banken- und Globalisierungskritiker protestieren in Frankfurt am MainFoto: dpa

Bücher haben ihr Schicksal – die Weisheit jenes Satzes hat seinem Schöpfer, einem lateinischen Grammatiker des zweiten Jahrhunderts, ehrendes Dauerandenken verschafft. Am Erfolg von Büchern lässt sich recht gut ablesen, was das Publikum gerade umtreibt. Ein weltweiter Trend ist demnach seit ein paar Jahren Ungleichheit. Im Sommer 2011 landete ein bis dato unbekannter Ethnologe, den die Eliteuni Yale gefeuert hatte, einen Welterfolg, indem er sich unsere Schulweisheit über Schulden vorknöpfte. Gürtel enger, jeden Pfennig zurückzahlen, notfalls über Generationen? Pustekuchen, schrieb David Graeber. Die Geschichte ist die Geschichte von Schuldenschnitten, die Moral der Verschuldung eher Theologie als Ökonomie.

"Alles versenkt, was Kapitalisten übers Geldmachen denken"

Thomas Piketty
Thomas PikettyFoto: AFP

Jetzt hat einer aus der Mitte der Zunft zum richtig großen Schlag ausgeholt. Thomas Piketty lehrt im Tempel der französischen Wissenschaft, der „Ecole des Hautes Études en Sciences Sociales“ und hat an einer Eliteschmiede studiert. Sein Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ wird, erst recht seit es kürzlich auf Englisch herauskam, hymnisch besprochen. „Großartiges, mitreißendes Nachdenken über Ungleichheit“, eine „Revolution“, lobte Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman. Das „Handelsblatt“ erklärte Piketty zum zweiten, besseren Marx, er werde „Epoche machen“. Piketty versenke „rigoros alles, was Kapitalisten über die Ethik des Geldmachens denken“, schrieb der „Guardian“. Und wunderte sich: Ein Volkswirt, der eine solche Welle macht? „Man muss schon bis in die 70er und auf Milton Friedman zurückschauen.“ In Rom staunte „la Repubblica“: Obama schicke seine Berater zum Zuhören, seit Keynes habe kein europäischer Ökonom mehr die USA so beeindruckt.

Wende in der Wissenschaft - demnächst in der Politik?

Piketty und sein Team haben weltweit Wirtschaftsdaten zusammengetragen, jahrhundertealte Steuerlisten ausgewertet und dabei ein Muster gefunden: Vermögen wachsen immer und überall schneller als die Wirtschaftsleistung, wer Grund und Aktien besitzt, hält stets die auf wachsenden Abstand, die arbeiten müssen, um zu leben. Alle bis auf das obere eine Prozent würden so immer ärmer, wir seien bereits ins vordemokratische 19. Jahrhundert zurückgefallen: „Unter den aktuellen Bedingungen kann Kapitalismus nicht funktionieren.“

Der Hinweis des „Guardian“ auf Milton Friedman, Vater der berühmt-berüchtigten Chicagoer Schule und der Reagonomics, ist womöglich prophetisch. Friedmans Radikalkapitalismus wurde etwa ab den 80er Jahren politische Wirklichkeit – und beschleunigte, was nicht erst Pikettys Zahlen belegen, die Bereicherung oben und die Verarmung unten. Übrigens weisen diese Zahlen auch Auswege: Nach 1945 war die eiserne Regel einmal außer Kraft, der Krieg hatte viel Kapital vernichtet, was blieb, wurde drastisch besteuert, um wieder öffentliche Infrastruktur zu schaffen.
Ob Piketty als linker Friedman demnächst die Anleitungen für die Politik liefert? Der Debattentrend knöpft sich passend gerade einen andern Mythos vor, den bösen Staat: In der renommierten „New York Review of Books“ wurden zwei Bücher freundlich besprochen, die sich mit Kreativität und Unternehmergeist beschäftigen – des Staats.

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