Jeden Tag ein getötes Kind

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Kindesmisshandlung in Deutschland : Milliarden zum Schutz der Täter?
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Jedes Jahr werden laut Polizeistatistik derzeit 3600 bis 4000 Minderjährige, oft sehr kleine Kinder, krankenhausreif geschlagen. Auf einen Fall der bei der Polizei angezeigt wird, kommen, je nach Schätzung unterschiedlicher Institutionen im Kinderschutz, 50 bis 400 ähnlich schwere Fälle von Misshandlung, die nicht angezeigt werden. Die offizielle Statistik weist 160 getötete Kinder pro Jahr auf. Auszugehen sei jedoch, so Guddat und Tsokos, von einer Dunkelziffer von mindestens 320 bis 350 getöteten Kindern – annähernd ein Kind am Tag - und 200.000 misshandelten Kindern pro Jahr.

Andere Schätzungen gehen noch darüber hinaus. Im Alter von zwölf Monaten bis vier Jahren, sterben Kinder nach Aussage der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH), in Deutschland am häufigsten durch Unfälle. Professor Guido Fitze, Vorstandsmitglied der Gesellschaft, mahnte schon im Juni 2013, man müsse bei diesen Fällen „auch daran denken, dass Kindeswohlgefährdung eine Rolle gespielt haben könnte“. Für die DGKCH erklärte er: „Wir vermuten, dass etwa ein Drittel aller Sterbefälle im Säuglingsalter mit äußerer Gewalteinwirkung zusammenhängen.“ Dabei sei die häufigste Ursache das Schütteltrauma – einer vorsichtigen Schätzung zufolge erlitten es jährlich zwischen 100 und 200 Säuglingen. (Quelle: http://idw-online.de/de/news537230) Äußerlich sind dabei jedoch mit ungeschultem Blick oft kaum Verletzungen zu sehen. Von den etwa 2200 Todesfällen bei Kleinkindern und Säuglingen wären demnach an die 700 im Jahr auf Gewalteinwirkung zurückzuführen – fast zwei getötete Kinder pro Tag.

Da es beim Tod eines Kindes in Deutschland, anders als etwa in Schweden oder in den USA, keine Leichenschaupflicht gibt, gehen die Experten von einer erheblich höheren Dunkelziffer aus. Pro Jahr werden ganze 16 Schulklassen ermordet, rechnen  die Autoren vor. Gäbe es so viele Ermordete durch Amokläufer an Schulen, wäre der Alarm massiv, die Causa gälte als Top-Chefsache der Kanzlerin und des Kabinetts. 

Laut einer 2013 vom Konzern Bayer in Auftrag gegebenen Gewaltstudie für Deutschland geben 22,3 der Kinder an, dass sie von Erwachsenen „manchmal“ physische Gewalt erfahren. Eine Studie des Familienministeriums von 2003 ergab: 17 Prozent der Familien setzen gesetzlich verbotene, physische Gewalt gegen Kinder ein, 54 Prozent „leichte physische Gewalt“, nur 28 Prozent halten sich, jedenfalls körperlich, an das Recht auf gewaltfreie Erziehung. 2010 hatten 866.000 Kinder in Deutschland einen Familienhelfer, jedes Jahr werden es im Schnitt 30.000 mehr. Kommt eine solche „Hilfe zur Erziehung“ zum Einsatz bedeutet das, die Situation in der Familie erscheint dem Jugendamt so kritisch, dass einige Wochen oder Monate lang Sozialarbeitern regelmäßig Hausbesuche machen. Bundesweit wurden 2010 rund 40.000 Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen. In solchen Fällen ist sind Gewalt und Vernachlässigung so sehr eskaliert, dass das Jugendamt akut um das Kindeswohl fürchtet. Doch meistens erhalten die Täter nach kurzer Zeit ihre kindlichen Opfer wieder zurück, und meist, weil Familiengerichte aus Unwissen, Ideologie oder Mangel an Beweisen so entscheiden. Immer wieder erleben die Rechtsmediziner darüber hinaus, dass man ihren Expertisen keinen Glauben schenkt, schenken will. Und geschätzte 60 Prozent der schweren Misshandlungsfälle – vermutlich viel mehr – landen nie vor Gericht.

Im Schnitt kommen pro Jahr 60.000 Kinder nach einem „Unfall“ in Kliniken. Sehr oft, bemängeln die Autoren, können Ärzte Symptome von Verletzungen, wie sie etwa beim Spiel entstehen, nicht von Misshandlungen unterscheiden. Ihnen fehle die Schulung, ihnen fehle der Wille, die Fakten anzuerkennen. So beziffern die beiden Mediziner die gesellschaftlichen Reparaturkosten für unterlassene frühe Prävention und fehlende exzellente Kitas mit Summen in zweistelliger Milliardenhöhe. Misshandelte und missbrauchte Kinder kosten, meist ein Leben lang. Es kostet: Kinder- und Jugendhilfe, medizinische und therapeutische Behandlung, Heime, Pflegeeltern, Behindertenbetreuung, Traumatherapie, eingeschränkte Arbeitsfähigkeit, Transferleistungen, Folgekriminalität, Haft, Resozialisierung - und die transgenerationale Weitergabe der dysfunktionalen Handlungsmuster. Ein vermeidbarer Zyklus von Gewalt, Trauma, Gewalt wird, so Guddat und Tsokos, staatlich finanziert am Leben erhalten.  

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