Krieg in Gaza und Krieg in Kosovo : Alles aus der Luft

Die Kritik an Israels Vorgehen in Gaza vergisst oft: Der Westen führt nicht anders Krieg. Ein Kommentar

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Israelisches Geschützfeuer auf den Gazastreifen
Israelisches Geschützfeuer auf den GazastreifenFoto: dpa

Ob 2006, 2009 oder 2014: Es ist immer wieder die gleiche Abfolge von Aktion und Reaktion – militärisch, politisch, medial. Israel wird mit Raketen attackiert, ob aus dem Libanon oder dem Gazastreifen, ob von der Hisbollah oder der Hamas. Die israelische Antwort: Luftangriffe, Artilleriebeschuss und dann schließlich der Einsatz von Bodentruppen. Politisch und medial folgt auch das Echo aus Europa bisher immer dem gleichen Muster: Anfänglichem Verständnis für die Reaktion Israels folgt Kritik, die sich teilweise bis zu Empörung steigert. Recht schnell halten viele Europäer die israelischen Militäroperationen für „unverhältnismäßig“. Die allabendlichen Fernsehbilder in den Hauptnachrichtensendungen von getöteten Zivilisten und zerstörten Wohnhäusern lassen dies verständlich erscheinen. Auch 2014 steigt von Tag zu Tag die Zahl der Opfer. Am Freitag berichtete die Weltgesundheitsorganisation von bisher fast 800 Toten im Gazastreifen – auch eine Schule der Vereinten Nationen wurde getroffen.

Zugleich stellt sich die Frage, ob das moralische Überlegenheitsgefühl, das sich angesichts solcher Opferzahlen regelmäßig in der europäischen Öffentlichkeit verbreitet, wirklich vollends gerechtfertigt ist. Denn die Europäer haben in den vergangenen Jahren zusammen mit ihren amerikanischen Verbündeten immer wieder selbst Feldzüge geführt, die mit dem Vorgehen der Israelis große Übereinstimmungen aufweisen.

Den Feind an seiner schwächsten Stelle treffen

Die Bundesrepublik Jugoslawien bekam im Kosovo-Konflikt 1999 die Zerstörungskraft der amerikanischen und europäischen Luftwaffen zu spüren. Aus wohlbegründeter Furcht vor hohen Verlusten in einem Bodenkrieg griff die Nato auf den strategischen Luftkrieg zurück. Im Gegensatz zum taktischen Luftkrieg, der vor allem die Streitkräfte des Gegners zum Ziel hat, handelt es sich hierbei um eine Variante der nach dem Ersten Weltkrieg vom britischen Militärtheoretiker B. H. Liddell Hart entwickelten Strategie des „indirect approach“, die den Feind an seiner schwächsten Stelle treffen will: seiner Infrastruktur. Während im Seekrieg die äußeren Versorgungswege attackiert werden, nimmt der strategische Luftkrieg die wirtschaftlichen Zentren ins Visier. Die systematische Bombardierung von Industrieanlagen und Verkehrswegen soll die Rüstungsproduktion und den Nachschub der gegnerischen Streitkräfte einschränken.

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist diese Strategie zu einem festen Bestandteil der Kriegführung westlicher Mächte geworden. Um verlustreiche Entscheidungen auf dem Schlachtfeld zu vermeiden und den Gegner dennoch durch die Zufügung erheblicher Schäden zur Aufgabe seines politischen Willens zu bewegen, wird dessen Infrastruktur angegriffen. Im Luftkrieg gegen Japan steigerte sich dies bis zum Abwurf von zwei Atombomben. Eine Vorgehensweise, die ihre Fortsetzung in den Flächenbombardements von Korea und Vietnam fand, um schließlich in den sogenannten „chirurgischen Angriffen“ auf Brücken, Hörfunk- und Fernsehsender, Telekommunikationseinrichtungen sowie Wasser- und Elektrizitätswerke auf dem Balkan, in Afghanistan, im Irak und zuletzt in Libyen weiterentwickelt zu werden.

Die wachsende Bedeutung des Luftkrieges für die Kriegführungsfähigkeit westlicher Demokratien hat wesentlich damit zu tun, dass hier technologische Überlegenheit am stärksten ausgespielt und die Zielvorstellung einer Kriegführung ohne eigene Verluste am ehesten realisiert werden kann. Die politische Unterstützung einer militärischen Intervention ist am größten, wenn klar ist, dass es sich dabei lediglich um den Einsatz von Luftstreitkräften handelt. Es steht aber außer Frage, dass ein wesentlich aus der Luft geführter Krieg trotz des Einsatzes moderner Kampfmittel die Minimierung eigener Verluste mit einem erhöhten Risiko für die Zivilbevölkerung des bombardierten Landes begleicht.

Inwieweit neben diesen strategischen Überlegungen auch technische Fähigkeiten beziehungsweise Unfähigkeiten dafür sorgen, dass nicht wirkungsvoll zwischen Kombattanten und Non-Kombattanten unterschieden werden kann, zeigt ein Blick auf die Entwicklungsgeschichte der im Luftkrieg eingesetzten Waffen: Selbst in den „Hightech-Kriegen“ der vergangenen Jahre haben die sogenannten Präzisionswaffen eine hohe Fehlerquote aufgewiesen, meist zum Leidwesen der Zivilbevölkerung.

Nicht zuletzt daher weisen die Kampfhandlungen im Libanon und im Gazastreifen sowie die Kriege im Kosovo, in Afghanistan, im Irak und in Libyen ähnliche Charakteristika auf: Obwohl weder Israelis noch Amerikaner und Europäer gezielt zivile Ziele im engeren Sinne angreifen, fallen ihren Luftschlägen hunderte bis tausende Zivilisten zum Opfer. Bereits ein Vergleich der Kriege 1999 im Kosovo und 2006 im Libanon führt hier zahlreiche Parallelen vor Augen: Amerikanische und europäische Kampfflugzeuge setzten im Kosovo Cluster- und Splitterbomben ein, die auch viele Non-Kombattanten töteten, bombardierten versehentlich Flüchtlingstrecks und verschossen umstrittene Uranmunition. Auf serbischer Seite starben nach Angaben von Human Rights Watch und der Nato fünfhundert Zivilisten und fünftausend Soldaten. Belgrad sprach von fünftausend Zivilisten und fünfhundert Soldaten. Die Zahl der getöteten Kosovo-Albaner wurde auf etwa zweitausendfünfhundert geschätzt. Die Nato-Staaten verloren keinen Soldaten.

Nach Angaben der libanesischen Regierung starben 2006 bereits in den ersten Kriegswochen mehr als tausend Libanesen, davon über 90 Prozent Zivilisten. Auf israelischer Seite bestätigte die Regierung im gleichen Zeitraum hundert Tote, davon rund zwei Drittel Soldaten.

Der Versuch, dem Gegner durch Bombardements den eigenen politischen Willen aufzuzwingen, löste in beiden Fällen große Flüchtlingswellen aus: Serbische Truppen intensivierten 1999 unter den Luftangriffen der Nato ihre „ethnischen Säuberungen“. Über eine Million Kosovaren flohen oder wurden vertrieben. Auch im Libanon befanden sich 2006 nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks UNHCR eine Million Libanesen auf der Flucht. Jerusalem sprach indes davon, dass 300 000 Israelis den Norden des Landes verlassen hatten, um dem Raketenbeschuss der Hisbollah zu entkommen.

Die ökonomischen wie ökologischen Schäden des strategischen Bombardements waren auf beiden Schauplätzen ebenfalls immens. Belgrad bezifferte die Kosten des Wiederaufbaus auf mehr als hundert Milliarden Dollar. Auch die Schätzungen des libanesischen Rats für Entwicklung und Wiederaufbau gingen in die Milliarden. Im Norden Israels wiederum vernichteten die Raketen der Hisbollah über eine Million Bäume und viele Quadratkilometer Felder. Die Kosten für den Wiederaufbau lagen gleichfalls im Milliardenbereich.

Doch nicht nur die Auswirkungen, auch die Logiken des Vorgehens ähneln sich: In der Bundesrepublik Jugoslawien wollten die Europäer 1999 mit Luftschlägen die Infrastruktur der serbischen Streitkräfte vernichten und damit die Vertreibung und Ermordung der Kosovo-Albaner beenden. Dies sollte deren Autonomie, aber auch die Opposition gegen das Belgrader Regime stärken. 2006 wollte Jerusalem mit einem Bombardement die militärische Infrastruktur der Hisbollah vernichten und damit deren Autonomie im Libanon beenden. Dies sollte nicht nur Israel, sondern auch den Libanon als souveränen Staat stärken.

Im Gazastreifen wiederum sollte 2009 und nun erneut die Infrastruktur der Hamas zerstört werden, um ihre militärische und politische Macht für einen möglichst langen Zeitraum zu schwächen. Denn vernichtet werden soll die Hamas nach Aussage israelischer Militärs nicht. Auch soll der Gazastreifen nicht erneut besetzt werden. Jerusalem geht es lediglich darum, den – wenn auch letztlich fragilen – Zustand wiederherzustellen, der zumindest für mehrere Monate nach der letzten Operation gegen die Hamas 2012 herrschte: Sicherheit vor Angriffen für die Bewohner Israels.

Die Europäer sind 1999 durch ihr Zurückschrecken vor einem Bodenkrieg im Kosovo beinahe militärisch gescheitert. Denn selbst die massive Ausweitung der Luftangriffe schien Belgrad über Wochen nicht zu beeindrucken. Erst nach drei Monaten begann der Rückzug der serbischen Truppen.

Mit einem solchen „Kriegsglück“, wie es der Nato damals widerfahren ist, kann Israel hingegen kaum rechnen. Seine Luftschläge treffen im Libanon und im Gazastreifen einen Gegner, der noch entschlossener und todesmutiger erscheint als Belgrad 1999. Für Jerusalem blieb daher nach wochenlangem Luftkrieg 2006 und 2009 allein eine Offensive am Boden als weitere militärische Option. Sie wurde damals wie auch jetzt erneut gewählt. Die Europäer können sich glücklich schätzen, dass sie diesen Schritt im Kosovo und auch in Libyen nicht gehen mussten, zumal sie dort nicht ihr eigenes Leben, sondern das von anderen zu schützen versuchten. Israel hat auch dieses Glück nicht. Es kämpft für seinen eigenen Schutz – in einem Konflikt, in dem die „Verhältnismäßigkeit“ der Mittel bisher ebenso selten gewahrt wurde wie auf dem Balkan, in Afghanistan, im Irak oder in Libyen.

Gemein haben all diese Schauplätze, dass sie immer stärker von einem grundlegenden Wandel des Kriegsverständnisses vor allem aufseiten der Gegner der westlichen Demokratien geprägt werden: Die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Non-Kombattanten ist in der Ära der zwischenstaatlichen Kriege von der Mitte des 17. bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts relativ gut gelungen, weil seitens der politischen wie militärischen Führungen ein Interesse an ihrer Durchsetzung bestand, während sie im Verlauf des 20. Jahrhunderts sukzessive erodiert ist. Hierbei hat der Bedeutungsverlust des sogenannten konventionellen Krieges eine entscheidende Rolle gespielt. Wurde er zu Zeiten des Kalten Krieges vor allem durch Atomkriegsszenarien und Partisanenkriege in den Stellvertreterkonflikten zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion überlagert, so löst seit den 90er Jahren die zunehmende Globalisierung von Terrorismus und seiner Bekämpfung aufgrund politischer wie technologischer Dynamiken die Selbstbindung durch Konventionen auf.

Verrechtlichung des Krieges

In den asymmetrischen Kriegen des 21. Jahrhunderts geht die Maßstäblichkeit der Haager Landkriegsordnung wie der Genfer Konventionen mehr und mehr verloren. Dabei scheint es, als ob die Fähigkeit, zwischen Kriegsgewalt und Kriegsverbrechen zu differenzieren, weniger von einer Verrechtlichung des Krieges als vielmehr vom Ehrenkodex der Kombattanten abhängt. Mit den Mitteln des Kriegsvölkerrechts lässt sich offenbar nicht aufrechterhalten, was in der Sozialorganisation bewaffneter Verbände keine Grundlage hat.

Während in den klassischen Staatenkriegen die kriegsvölkerrechtlichen Bestimmungen zum Schutz der Zivilbevölkerung der Organisationsrationalität des militärischen Apparats mehr oder weniger stark entgegenkommen und entsprechend durchgesetzt werden, sind die in jüngster Zeit unternommenen Bemühungen um eine Weiterentwicklung und Differenzierung der kriegsrechtlichen Bestimmungen für die meisten der entstaatlichten Kriege folgenlos geblieben.

Während im Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren auf ein ziviles Opfer noch zehn getötete Soldaten kamen, hat sich das Verhältnis heute nahezu umgekehrt. Kriege scheinen damit erneut mehr und mehr zu einer Angelegenheit von Gesellschaften als Ganzem gemacht zu werden. Diese „republikanische“ Sicht eines Jean-Jacques Rousseau, die keine Privatheit und daher auch keine Non-Kombattanten kennt, erlebt in den heutigen Kriegstypen und Kampfformen eine Renaissance. Sollte sie weiter andauern, dürfte dies elementare Folgen für die Durchsetzbarkeit der Genfer Konventionen wie allgemein des Völkerrechts haben.

Der Autor lehrt am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn.

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