Kritische Lage in den USA : Barack Obama - Ein Präsident in Nöten

Boston, Texas, Waffenrecht, Schulden – die Liste der Probleme ist lang. Der amerikanische Präsident Barack Obama ist derzeit vielfach gefordert. Schafft er das?

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Schwere Zeiten für Obama.
Schwere Zeiten für Obama.Foto: Reuters

Ein Präsident muss in der Lage sein, sich um mehr als ein Problem gleichzeitig zu kümmern. So beschrieb Barack Obama die Anforderung an das Amt im September 2008, als er sich zum ersten Mal um den Job im Weißen Haus bewarb. In den Tagen zuvor war die Investmentbank Lehman Brothers zusammengebrochen. Russland war nach Georgien einmarschiert, und es war unklar, ob der Waffenstillstand halten und Moskau seine Truppen abziehen würde. In dieser Lage schlug der republikanische Kandidat John McCain, der in den Umfragen zurückzufallen begann, eine Pause im Wahlkampf vor, um eine gemeinsame Strategie gegen die sich vertiefende Finanzkrise zu beraten. Obama lehnte ab: Wer Präsident werden wolle, müsse in der Lage sein, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen: Wahlkampf, Krisenmanagement, Außenpolitik.

In dieser Aprilwoche 2013 muss Obama mehr denn je beweisen, dass er das kann. Er wird auf vielen Gebieten zugleich gefordert: Bombenanschlag in Boston, Rizin-Giftbriefe in Washington, die Explosion einer Düngemittelfabrik in Texas samt der Frage, ob das ein Unfall war. Im Senat ist sein monatelanger Anlauf zu einer Verschärfung des Waffenrechts gescheitert, und er muss mit der Niederlage so umgehen, dass er dabei nicht den Misserfolg anderer aussichtsreicher Vorhaben riskiert, wie die Reformen des Einwanderungsrechts, des Steuersystems und der Sozialversicherungen. Im Ausland stellen ihn die Konflikte in Nordkorea, Syrien und dem Nahen Osten auf die Probe. Wie schafft er das alles gleichzeitig?

Eine geplante Terrorserie oder zufälliges Zusammentreffen?

Obama ist jetzt ganz besonders darauf angewiesen, dass seine Mitarbeiter sowie die diversen Ministerien und Behörden ihm zuverlässig zuarbeiten. Es ergeben sich ganz unterschiedliche Prioritäten für seine Terminplanung, je nachdem wie man die Ereignisse, die Amerika im Abstand weniger Tage überrollen, einordnet. Sind die Bomben in Boston, die Giftbriefe und die Explosion in Texas Einzelfälle, die nur zufällig im selben Zeitraum geschehen, oder gibt es Hinweise auf Zusammenhänge, im Extremfall auf eine koordinierte Anschlagsserie? Spricht er vielleicht auf der falschen Trauerfeier, wenn es in Texas weit mehr Tote gab als in Boston? Und: Geht von Nordkoreas Bomben- und Raketenprogramm womöglich größere Gefahr für die USA aus, nämlich ein Atomwaffenangriff, als von der latenten Bedrohung durch lokale Anschläge in Amerika? Bisher behandelt das Weiße Haus die Themen als getrennte Herausforderungen. Obama wird von seinen Spezialisten aber regelmäßig über die jeweiligen Entwicklungen informiert.

Der Anschlag in Boston

Am Donnerstag redete Obama bei der konfessionsübergreifenden Trauerfeier in der Kathedrale von Boston. Die Ermittler melden einerseits Fortschritte bei der Suche nach den Tätern: Aus Videoaufnahmen haben sie die Gesichter von zwei Menschen herausgefiltert, die im Verdacht stehen, die Bomben abgelegt zu haben. Das beantwortet aber nicht die Kernfrage: Stecken ausländische Terroristen oder heimische Radikale hinter dem Anschlag? In seiner Ansprache muss Obama darauf nicht eingehen. In solchen Momenten ist der Präsident als Seelenheiler gefordert, der der betroffenen Stadt aber auch der ganzen Nation Trost spendet und Mut zuspricht.

Viel zu oft hat er das in den jüngsten Jahren tun müssen: nach den Schüssen auf die Abgeordnete Giffords und ihre Wähler in Tucson, dem Kinomassaker in Aurora, dem Amoklauf in der Schule in Newtown. Die Frage nach politischen Reaktionen spart er dabei aus. Der Kern seiner Botschaft lautet: Amerika steht zusammen, die Schuldigen werden gefunden und bestraft. Er und seine Frau Michelle seien doch auch Bostoner, sagt er. Beide haben hier studiert, an der Harvard University.

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