Leben in Fukushima am Rande der Sperrzone : Die Katastrophe ist der Nachbar

Seit dem Super-GAU leben die Menschen im japanischen Fukushima im permanenten Ausnahmezustand. Die Strahlung ist allgegenwärtig, was sie anrichtet, weiß niemand genau. Viele Bewohner sind aber geblieben, hier sind ihre Familie und ihre Arbeit. Aber nicht alle wollen sich damit abfinden.

von
Wie leben die Menschen zweieinhalb Jahre nach der Atom-Katastrophe von Fukushima? Unsere Kollegin Inga Höltmann hat die Region bereist und dokumentiert hier einige ihrer Eindrücke. Rund um den Reaktor ist eine Sperrzone komplett geräumt worden, tausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Am Rande der Sperrzone leben die Menschen aber noch - so wie in Fukushima City. Sie versuchen, sich mit der Strahlung zu arrangieren und das Gebiet von den radioaktiven Partikeln zu bereinigen. Hier bereiten Arbeiter die Dekontaminierung eines Hauses vor.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Inga Höltmann
25.07.2013 08:24Wie leben die Menschen zweieinhalb Jahre nach der Atom-Katastrophe von Fukushima? Unsere Kollegin Inga Höltmann hat die Region...

Eine weiße Schutzmaske bedeckt Chieko Shiinas Mund. Es ist ein kühler Tag in Fukushima City, ein schneidender Wind weht durch die Straßen. „An so windigen Tagen tragen wir besser einen Schutz“, sagt sie. Die radioaktiven Partikel, die alle Straßen und alle Gebäude bedecken, werden dann aufgewirbelt, sie möchte sie nicht einatmen.

Shiina ist eine kleine, schlanke Frau. Ihre Haare sind schulterlang und zu einem Zopf gebunden. Sie betritt das Restaurant, das gegenüber dem ausladenden Bahnhofsvorplatz liegt. Ein Plakat flattert dort im Wind. „Imakoso tamashii no chikara wo“ steht darauf: „Jetzt sammeln wir die Kräfte der Seele.“ Es kündigt ein Fest an, das in diesem Jahr zum ersten Mal stattfinden soll. Ein Fest für die Bürger von Fukushima, es soll ihnen Mut machen. Und sie vielleicht auch ein bisschen ablenken.

Das Restaurant, in das Shiina gegangen ist, heißt Sobakobo Sakichi, es ist für seine Ramen-Nudeln bekannt. Drinnen zieht sie einen Geigerzähler aus der Tasche. Es ist ein russisches Modell mit kyrillischen Buchstaben. 0,1 zeigt das Display. Hier im Gebäude ist nur wenig Radioaktivität, Shiina legt den Mundschutz ab.

Sie legt das Gerät auf den Tisch, neben ihre Schüssel mit den Nudeln. Es sind Buchweizennudeln, gemacht aus der Ernte vom vergangenen Oktober – eineinhalb Jahre nach dem Super-GAU im nur 60 Kilometer entfernten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. „Die Kinder müssen raus aus der Stadt“, sagt Shiina. Erst die Kinder, dann die Erwachsenen, dafür setzt sie sich ein: dass Fukushima City aufgegeben wird.

Zusammen mit Sachiko Sato hat sie die Bewegung „Frauen gegen Atomkraft“ gegründet, die Mütter von Fukushima wollen ihre Kinder schützen. Satos Kinder haben die Stadt längst verlassen, sie hat sie weggeschickt. Ihr Ältester ist schon über 20, die Jüngste gerade 15, sie leben jetzt in einer anderen Präfektur. Shiina hat vier Enkelkinder, zwei von ihnen leben noch immer hier. Sie ist geblieben, weil sie sie nicht im Stich lassen wollte.

Riskantes Leben. Chieko Shiina kämpft für die Atom-Opfer. Foto: Inga Höltmann
Riskantes Leben. Chieko Shiina kämpft für die Atom-Opfer. Foto: Inga Höltmann

Ihre Sorgen seien unbegründet, meinen die Vereinten Nationen. Die Strahlung in Fukushima habe bisher „keine unmittelbaren gesundheitlichen Auswirkungen“ gehabt. Und auch in Zukunft sei es „unwahrscheinlich“, dass die Strahlung der Gesundheit schade, heißt es in einer Erklärung. Bewiesen ist diese Behauptung noch nicht – der Bericht einer Expertenkommission, der sie stützen soll, wird erst in einigen Monaten veröffentlicht. Nahezu gleichzeitig berichtete die „Japan Times“, dass bei zwölf Kindern in der Präfektur Schilddrüsenkrebs festgestellt worden sei, bei 15 besteht der Verdacht. Das wäre bis zu 40-mal mehr als in einer vergleichbaren Bevölkerungsgruppe. Und erst vor wenigen Tagen gab die Betreiberfirma Tepco bekannt, dass im Grundwasser bei der Atom-Ruine stark erhöhte Belastungen gemessen wurden. Werte der radioaktiven Substanz Cäsium-134 seien um das 90-fache angestiegen. Außerdem gab es vergangene Woche und auch gestern erst wieder unerklärliche Dampfentwicklungen in Reaktor 3.

Shiina beginnt, ihre Nudeln zu schlürfen. Laut – so lieben es die Japaner. Es ist die Melodie eines guten Essens, meint Shiina. Sie weiß, dass die Nudeln wahrscheinlich radioaktiv verseucht sind. Vor dem Super-GAU war sie Biobäuerin, sie baute Reis an und stellte Sake her. Dann wurde ihr Land verstrahlt. Dass die Strahlung niemandem Schaden zufüge? Shiina lächelt sanft. Dann erzählt sie von zwei Schülern, die unmittelbar nach der Katastrophe an einem Herzinfarkt gestorben seien. Manche Menschen hier denken, dass das mit der Radioaktivität zu tun hat.

Leben mit der Strahlung - Eindrücke aus Fukushima
Wie leben die Menschen zweieinhalb Jahre nach der Atom-Katastrophe von Fukushima? Unsere Kollegin Inga Höltmann hat die Region bereist und dokumentiert hier einige ihrer Eindrücke. Rund um den Reaktor ist eine Sperrzone komplett geräumt worden, tausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Am Rande der Sperrzone leben die Menschen aber noch - so wie in Fukushima City. Sie versuchen, sich mit der Strahlung zu arrangieren und das Gebiet von den radioaktiven Partikeln zu bereinigen. Hier bereiten Arbeiter die Dekontaminierung eines Hauses vor.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Inga Höltmann
25.07.2013 08:24Wie leben die Menschen zweieinhalb Jahre nach der Atom-Katastrophe von Fukushima? Unsere Kollegin Inga Höltmann hat die Region...

Shiina ist jetzt eine Hibakusha. Diese Bezeichnung haben die Bewohner von Fukushima von den Überlebenden der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki im Zweiten Weltkrieg übernommen. Hibakusha, das sind die Opfer der Explosion, die nicht sofort starben, sondern bei denen sich die Folgen der radioaktiven Strahlung erst Jahrzehnte später bemerkbar machten. Hibakusha sind heute in Japan offiziell anerkannt. Das Wort bezeichnet so etwas wie eine Behinderung.

Fukushima City ist eine lebendige Großstadt mit gut 280 000 Einwohnern im Herzen der japanischen Hauptinsel Honshu, malerisch eingerahmt von Bergen. Wenn es regnet, werden die radioaktiven Partikel von den Bergen in die Stadt geschwemmt. Seit März 2011 sind vier von sechs Reaktorblöcken des nahen Atomkraftwerkes schwer beschädigt, eine große Menge Radioaktivität wurde freigesetzt – wie viel genau, weiß niemand.

Ein schweres Erdbeben hatte zuvor den Nordosten Japans erschüttert, gefolgt von einem Tsunami, der sich kilometerweit ins Landesinnere fraß. Fast 20 000 Menschen gelten als tot oder vermisst. Die Leichen der Vermissten wurden von der Flutwelle aufs Meer hinausgerissen. Nach dem Erdbeben versagten die Sicherungssysteme des Atomkraftwerks. In ihrer Verzweiflung kühlten die Japaner die Reaktoren mit Meereswasser, ein Großteil der radioaktiven Partikel wurde in den Pazifik gespült. Den Super-GAU konnten sie trotzdem nicht verhindern. Eine große radioaktive Wolke wurde vom Wind aufs Meer hinausgeweht – dass sie nicht in Richtung Tokio zog, der größten Stadt der Welt, war reines Glück. Der Wind stand günstig, das verhinderte zumindest eine noch größere Katastrophe.

8 Kommentare

Neuester Kommentar