Luftangriffe auf Türkei : Wie die Raketenabwehr den Krieg ins Land tragen könnte

Seit vielen Tagen sind die Menschen im türkischen Grenzgebiet zu Syrien Opfer von Luftangriffen. Wer kann, flieht ins Landesinnere. Trotzdem sind die allermeisten gegen die Patriot-Raketenabwehr aus Deutschland. Sie fürchten, noch tiefer in den Konflikt zu geraten.

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Eine Familie flieht nach Angriffen im türkisch-syrischen Grenzgebiet.
Eine Familie flieht nach Angriffen im türkisch-syrischen Grenzgebiet.Foto: dpa

Pferdekarren rattern über die holprige Marktstraße von Ceylanpinar, hinter ihnen hupen ungeduldige Minibusfahrer; die Händler lassen erstmals seit Tagen die Rollläden ihrer Geschäfte hochrasseln, und auf dem Schulhof toben endlich wieder Kinder. Der Alltag scheint wieder einzukehren in dieses türkische Städtchen – da wird der geschäftige Lärm plötzlich übertönt von einer gewaltigen Explosion in allernächster Nähe, gefolgt von lauten Maschinengewehrsalven. Mit einem Schlag wird es still auf der Straße, alles hält inne und horcht hinüber nach Ras al Ain, der syrischen Stadt auf der anderen Seite der Grenze. Dann krächzt ein Lautsprecher:„Werte Bevölkerung von Ceylanpinar, bitte verlassen Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit den Grenzbereich.“„Ich halte das einfach nicht mehr aus“, schreit Hatice Özdemir und lässt den Schlauch fallen, mit dem sie gerade die letzten Granatsplitter aus ihrem Innenhof wegspritzt. Gestern erst ist sie mit ihrer Mutter und ihren Schwestern von Verwandten in Urfa zurückgekehrt, zu denen sie sich während der Luftangriffe der syrischen Armee auf Rebellenstellungen in Ras al Ain letzte Woche geflüchtet hatten. Beim Frühstück saß die Familie in ihrem Häuschen in Ceylanpinar, als es losging – ein Schlag aus heiterem Himmel, der ihnen fast das Herz stehen bleiben ließ. Die Splitter ihrer Fensterscheiben flogen ihnen um die Ohren, erzählen die Schwestern, und das Ofenrohr wurde ihnen glatt vom Dach geschossen. „Wir können nicht mehr essen und nicht mehr schlafen seither, wir wagen uns kaum auf die Toilette“, sagt Hatice. „Und jetzt geht das schon wieder los.“

Konflikt an syrisch-türkischer Grenze droht zu eskalieren
Rauch in den Straßen der südosttürkischen Stadt Akcakale: Am 3. Oktober war der Ort von syrischer Seite mit Granaten beschossen worden. Die türkische Regierung reagierte sofort und nahm syrische Ziele unter Beschuss. Dies sei als Warnung an das Regime von Präsident Baschar Assad zu verstehen, sagte ein Berater des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan am Donnerstag.Alle Bilder anzeigen
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04.10.2012 13:26Rauch in den Straßen der südosttürkischen Stadt Akcakale: Am 3. Oktober war der Ort von syrischer Seite mit Granaten beschossen...

Den ganzen Vormittag rattern drüben in Ras al Ain, nur wenige hundert Meter entfernt, die Gewehre, immer wieder bebt der Boden von Detonationen. Syrische Rebellen und Kurdenkämpfer liefern sich schwere Gefechte. Die syrische Luftwaffe ist zwar erst einmal verschwunden aus Ras al Ain, doch die Jets könnten jederzeit wiederkommen, befürchten die Menschen in Ceylanpinar. Nach den syrischen Luftangriffen in Ras al Ain vorige Woche schickte auch die türkische Luftwaffe ihre Kampfjets vom Typ F-16 zur Grenze.

Nicht zuletzt wegen der Destabilisierung von Grenzstädten wie Ceylanpinar will die Türkei die Patriot-Raketenabwehrsysteme aus Deutschland und anderen Nato-Staaten in der Gegend entlang der 900 Kilometer langen Grenze sehen.

Die Patriots sollen aus türkischer Sicht nicht nur Nato-Gebiet gegen Luftangriffe und Raketenbeschuss aus Syrien schützen, sie sollen auch abschreckend auf die syrischen Regierungstruppen wirken: Konfrontiert mit den hochmodernen Nato-Waffen an der Grenzlinie, dürften die Truppen von Präsident Baschar al Assad die Grenzgegend in Frieden lassen, hoffen sie. Derzeit kann in Ceylanpinar von Frieden keine Rede sein. Für die Menschen hier ist der Bürgerkrieg in Syrien kein fernes Schauspiel, er ist eine akute Bedrohung.

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