Margot Honecker : Warum der Tod der Unerbittlichen manche doch berührt

Sie war die getönte Eminenz eines furchterregenden Staates, ideologisch starrer als ihr Mann. Margot Honeckers Tod ist eine späte Erleichterung - aber etwas stirbt mit dabei.

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Margot Honecker
Margot HoneckerFoto: dpa

Margot Honecker lebt. Auf ihrem Twitteraccount – natürlich nicht betrieben von ihr selbst, sondern von einem möglicherweise ostalgischen Spaßvogel – begrüßte sie ihren online ebenfalls noch längst nicht verstorbenen Ehemann im Himmel: „Hallo Erich!“ Ihren Wohnort änderte sie von Santiago de Chile in „Wolke 7“.

Es war der meistgeteilte Tweet am späten Freitagabend, als eine Nachricht aus dem wahren, wenn auch fernen Leben nach Deutschland drang: Margot Honecker ist tot. Eine echte Twitter-Nutzerin aus Berlin mit dem Namen Eris fasste die Gefühle vieler Ostdeutscher angesichts dieser Nachricht treffend zusammen: „Auf eine merkwürdige, völlig unsinnige Art berührt mich das.“ Wieder ist ein Stück DDR gestorben. Eine halbe Welt, in der man erwachsen geworden ist, eine halbe Welt entfernt in Chile.

Dabei ist, abgesehen von ihrem 1994 verstorbenen Ehemann Erich, eigentlich kaum ein ehemaliger Bürger der selbst ernannten Deutschen Demokratischen Republik bekannt, der diese Frau geliebt hat. Im Gegenteil. Margot Honecker, die eiserne Lady eines von sich selbst eingemauerten Landes, die auf jedem Parteitag der Staatspartei SED mit ihren markant blau-lila gefärbten Haaren ins Auge stach, verursachte nicht nur bei vielen Jugendlichen ein schmerzhaftes Herzstechen.

Unliebsame Jugendliche ließ sie von der Schule werfen

Denn die Ministerin für Volksbildung, die sie von 1963 bis zum Ende dieses halben Deutschlands im stürmischen Herbst 1989 war, blieb bis zum Schluss eine der härtesten Verfechterinnen des unsozialistischen Sozialismus made in GDR. Sie war nicht nur die Frau von Staats- und Parteichef Erich Honecker, dem die Macht erst in der Zeitenwendezeit innen- und außenpolitisch entglitt. Sie war auch das Faktotum einer erbarmungslosen, weil für die Bürger unberechenbaren Macht, die noch im Juni 1989 höchstpersönlich forderte, die Jugend so zu erziehen, dass sie den Sozialismus „wenn nötig mit der Waffe in der Hand“ verteidige.

Diese Frau war selbst eine gefährlich scharfe Waffe im Kampf gegen den vermeintlichen Imperialismus aus dem Westen. Und gegen den Feind von innen, der meist nur aus Jugendlichen bestand, die sich nach Freiheit und Westmucke sehnten. Für Margot Honecker waren dies „Konterrevolutionäre“, die von Schulen geworfen, in Jugendwerkhöfen eingesperrt oder wenigstens mit der Nicht-Zulassung zum Abitur bestraft wurden. Nur eine Revolution konnte das ändern. Eine friedliche, wie sie mutige Ostdeutsche, die in den Westen oder auf die Straße gingen, tatsächlich vor 26 Jahren zustande bekamen.

Margot Honecker, diese Schlussfolgerung lassen all ihre Äußerungen bis zu ihrem Tod zu, hat diese glückliche Wendung der Geschichte nie verstehen und verwinden können. Die DDR blieb ihr Land auch nach dem Untergang.

Verstockt. Für Menschen wie sie hält die deutsche Sprache wohl dieses störrische Wort bereit. Bis in ihr höchstes Alter von 89 Jahren verteidigte Margot Honecker in ihrem Exil in Santiago de Chile die DDR und auch die Zwangsmaßnahmen, die diese Diktatur für alle Andersdenkenden stets vorgesehen hatte. Sie war eine Ideologin, noch mehr als ihr Mann, der mit Instinkt und List die Macht seines Vorgängers und Ziehvaters Walter Ulbricht 1971 an sich gerissen hatte und erst dann abgab, als es für die DDR angesichts von Massenflucht und Massendemos schon zu spät war. Seine Machtpolitik bestand darin, selbst im innersten Zirkel der in Wandlitz bei Berlin abgeschotteten SED-Führung jeden einzelnen Spitzengenossen zu isolieren und von den anderen ab- und auszugrenzen. Sie aber war nicht isoliert, weil qua Person die erste Helferin des ersten Mannes.

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