• Medienentwicklung für Pioniere: Wie Medienmacher in schwierigen Ländern überleben können

Medienentwicklung für Pioniere : Wie Medienmacher in schwierigen Ländern überleben können

Klaas Glenewinkel und Thomas Koch beraten Medienunternehmer in Ländern wie Libyen, Tunesien, dem Irak, dem Sudan oder auch Afghanistan, wie sie ihre Publikationen auf wirtschaftlich gesunde Füße stellen können.

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Im Tagesspiegel-Salon: Klaas Glenewinkel und Thomas Koch (zweiter von links und dritter von links) haben ein Buch über ihre Erfahrungen mit Medienmachern in Transitionsländern geschrieben. Am Montagabend haben sie mit Tagesspiegel-Herausgeber Sebastian Turner (von rechts) und dem G-8-Afrika-Beauftragten der Kanzlerin, Günther Nooke, über Pressefreiheit diskutiert. Corinna Visser (ganz links), Wirtschaftsredakteurin des Tagesspiegels, moderierte den Abend vor rund 100 Gästen.
Im Tagesspiegel-Salon: Klaas Glenewinkel und Thomas Koch (zweiter von links und dritter von links) haben ein Buch über ihre...Foto: Kai-Uwe Heinrich

2004 hat sich Klaas Glenewinkel etwas in den Kopf gesetzt: Er wollte ein Radio im Irak gründen. Da hatte er schon ein paar Jahre als innovativer Medienunternehmer hinter sich. In Japan hatte er ein Kulturmagazin gegründet, und zurück in Deutschland ein Kulturportal, das es übrigens bis heute gibt: www.kulturserver.de. Auf seiner Reise in den Irak traf Glenewinkel mitten in der Übergangsphase vom Krieg in die Mühen des Neuaufbaus "Hunderte Zeitungen" vor, berichtete er am Montagabend beim Tagesspiegel. Im Tagesspiegel-Salon haben Glenewinkel und sein Geschäftspartner Thomas Koch, die 2011 das Unternehmen Plural Media Service gegründet haben, ihr Buch "Media Business for Pioneers" vorgestellt, an dem auch Tagesspiegel-Herausgeber Sebastian Turner mitwirkte. Doch bevor Glenewinkel und Koch gemeinsam begonnen haben, Medienhäusern - Radio, Fernsehen, Zeitungen - in Ländern im Übergang wirtschaftlich auf die Beine zu helfen, hatte Glenewinkel erst einmal die Idee, Journalisten auszubilden. Genau das wollte er mit seinem Wahl-Radio im Irak erreichen. 2004 also im Irak stellte er fest, dass die meisten Medien, die zu dieser Zeit halbwegs professionell arbeiteten "von den USA finanziert waren". Also sei er "zu den Amerikanern gegangen und habe gesagt: Ich will ein Radio gründen". Die Amerikaner hätten ihm daraufhin gesagt: "Sie sind kein Amerikaner." Und "damit hatten sie ja auch Recht", erzählte er im Tagesspiegel-Salon. Am Ende finanzierte das Auswärtige Amt Glenewinkels Idee.

Aus dem Radio im Irak wurde schließlich das gemeinnützige Unternehmen Mict International (Media in Cooperation and Transition), das im Irak, im Sudan, Tunesien und Afghanistan inzwischen fest vertreten ist. Aus dem journalistischen Projekt zur Begleitung des Unabhängigkeitsreferendums im Südsudan wurde inzwischen die Online-Publikation "The Niles". Dort veröffentlichen sudanesische und südsudanesische Journalisten ihre Geschichten von vor Ort. Auf der Onlineplattform "Afghanistan Today" schreiben afghanische Journalisten über ihre Beobachtungen und Recherchen vor Ort. Beide Publikationen erscheinen auf englisch und sind so für Interessierte aus aller Welt zu wichtigen Informationsquellen geworden. Finanziert werden diese Projekte weiterhin vom Auswärtigen Amt, das die Förderung der Pressefreiheit für ein wichtiges Element der Demokratieentwicklung hält.

Für die Pressefreiheit kämpft auch Günther Nooke (CDU), der G-8-Afrikabeauftragte der Bundeskanzlerin Angela Merkel und neuerdings auch des Entwicklungsministeriums. Er wies am Montagabend darauf hin, dass es mit der Ausbildung von Journalisten eben nicht getan sei. Zumal die technische Revolution der elektronischen Medien auch in Afrika längst in vollem Gang sei. Smartphones oder Tablet-Computer eignen sich eben nicht nur dafür, mehr oder minder unabhängige Nachrichten zu konsumieren, sondern auch zur Weiterbildung und Ausbildung, sagte Nooke. Damit griff er einen Gedanken von Sebastian Turner auf, seit Anfang des Jahres Mitherausgeber und Miteigentümer des Tagesspiegels. Turner sagte: "In Afrika werden die Ernten besser, weil die Bauern inzwischen Zugang zu Smartphones haben. Und warum ist das so? Weil sie dort den Wetterbericht abrufen können und auch erfahren, was dann zu tun ist."

Journalismus jedenfalls, davon ist Klaas Glenewinkel überzeugt, "kostet Geld". Und damit Medien in Transitionsländern von ausländischen Geldgebern unabhängig und damit für ihr Publikum auch glaubwürdiger werden, müssen sie wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen können. Und da kommt Thomas Koch ins Spiel, der über sich selbst sagt: "Ich mache seit 42 Jahren Reklame." Glenewinkel hatte eigentlich Sebastian Turner zu seinem Partner machen wollen, als er 2011 Ashoka-Fellow geworden war und er aus seiner Überzeugung, dass Medien eine wirtschaftliche Basis brauchen, begann ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Doch Turner, der sich am Montagabend selbst als "Autodidakt" im Mediengeschäft bezeichnete, verwies Glenewinkel an Koch. Glenewinkel sagte: ""Du hast damals gesagt, er sei der Grand Seigneur der Medienentwicklung."

Koch erzählte darauf hin, wie er Journalisten in Übergangsländern Werbung als wirtschaftliche Basis schmackhaft macht. Amani Eltunsi betreibt das einzige Frauenradio Ägyptens, "Girls only Radio". Außerdem verschickt sie einen Newsletter an vier Millionen Adressen. "So viele Adressen hat hier niemand. Sie hatte überhaupt nicht gesehen, dass das ein Schatz ist", berichtete Koch. Eltunsi jedenfalls habe sich mit Händen und Füßen gegen Werbung gewehrt. Das wolle sie nicht. Aber den Vorschlag Kochs, eine mehrteilige Sendung über das Leben von Frauen in aller Welt zu machen, und das von einer großen Firma sponsern zu lassen, hatte sie dann nichts mehr einzuwenden.

Auf die Frage der Moderation, Tagesspiegel-Wirtschaftsredakteurin Corinna Visser, was deutsche Medien von den Medien in Transitionsländern lernen könnten, sagte Koch, dass es dort die Trennung in ein Online- und ein Printprodukt kaum gebe. Glenewinkel hatte noch ein Beispiel dafür parat, wie Zeitungen mit ihren Leistungen noch Geld verdienen könnten. In Bengazi in Libyen gebe es eine Zeitung, die habe einen Briefkasten aufgestellt. Wer dort einen Artikel abliefere und Geld dazu, dessen Werk werde in der Zeitung abgedruckt. Der Saal lachte. Das ist vielleicht doch kein Vorbild für deutsche Zeitungen.

In dem gemeinsamen Buch haben Glenewinkel und Koch ihre Erfahrungen festgehalten. Gleichzeitig ist das Buch aber auch eine Art Handbuch für die Medienentwicklung in Transitionsländern. Das Buch gibt es unter anderem bei Amazon. Zudem ist es das Buch auch auf der Homepage von MICT zu finden.

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