Migranten am Arbeitsmarkt : „Wir sind etwas zu preußisch“

Bundesagentur-Vorstand Alt erklärt, wie er Menschen mit Migrationshintergrund helfen will – und wie Bürokratie dabei hindern kann.

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Mehr Anstrengungen auch für Menschen mit Migrationshintergrund will Heinrich Alt in der Agentur für Arbeit umsetzen. -Foto: dpa

Herr Alt, die Arbeitslosigkeit von Migranten ist schon jetzt deutlich höher als die von ethnisch Deutschen. Wird der Abstand in der Krise noch größer?



Das sollte nicht passieren, zumal wir jetzt flexibler und weniger bürokratisch aktive Arbeitsmarktpolitik machen können. Deutschland wird älter, die Migranten sind eher jung, wir sind eine Exportnation und Menschen mit türkischen, russischen, arabischen Wurzeln und Kenntnissen sind da ein großes – auch volkswirtschaftliches – Potenzial.

Das heißt, um sie sollte sich die Arbeitsagentur vielleicht sogar stärker kümmern?

Ja.

Russlanddeutsche scheitern oft schon daran, dass ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden, Ingenieurinnen und Ärzte von dort gehen hierzulande putzen.

Eine halbe Million Migranten arbeitet deshalb hier unter Wert. Da sind wir eindeutig etwas zu preußisch aufgestellt. Auch wer nicht nach einem deutschen Curriculum studiert hat, kann zum Mond fliegen.

Was wäre zu tun?

Da sind die Länder und die Kammern gefordert. Es gibt nicht einmal in jedem Land Anerkennungsstellen, und ein Arzt, dessen Ausbildung der Freistaat Sachsen anerkannt hat, darf im Freistaat Bayern unter Umständen nicht praktizieren. Der Handwerkspräsident hat kürzlich gesagt: Der Handwerksmeister der Zukunft ist Türke. Das ist die richtige Botschaft, die jetzt nur überall ankommen muss. Abschottung führt zu nichts.

Hat die Arbeitsagentur denn die richtigen Instrumente, um Migranten zu helfen?

Wir können inzwischen alles tun, was am Arbeitsmarkt hilft. Da müssten aber viele Stellen an einem Strang ziehen. Wir wissen zum Beispiel, wie unüberwindbar oft die Sprachbarriere ist. Viele Migranten sind in zwei Sprachen Analphabeten, sie beherrschen weder Deutsch noch ihre Muttersprache. Wir haben etliche deutsch-französische Gymnasien, aber wie viele deutsch-türkische gibt es, in denen Schüler mit türkischen Wurzeln sich in ihrer Ursprungs- und in deutscher Sprache auszudrücken lernen?

Was tut die Arbeitsagentur, um die Sprachbarriere abzubauen?

Wir haben festgestellt, dass die Ergebnisse nicht unbedingt die besten sind, wenn die Sprache als Voraussetzung für Integration verlangt wird. Stattdessen setzen wir immer öfter auf eine niedrigschwellige Qualifikation, sagen wir zum Gabelstaplerfahrer, die mit einem Sprachunterricht verbunden wird, der auf Lager- und Transportarbeit zugeschnitten ist. Während der Arbeit spricht man mit den Kollegen und lernt dadurch leichter. Hier in Berlin gibt es – zum Beispiel in Spandau – ermutigende Beispiele.

Haben Sie selbst genügend Mitarbeiter mit Migrationshintergrund?

Unser Ziel ist, so viele Migranten zu beschäftigen, wie es ihrem Anteil an unseren Kunden entspricht. So weit sind wir leider noch nicht, aber dahin wollen wir kommen. Das liegt ein bisschen auch daran, dass die Arbeit in einer Verwaltung in einigen Einwandererkulturen als nicht besonders wertvoll angesehen wird. Wir können Migranten nur ermutigen, sich zu bewerben. Und wir hoffen dabei auch, dass ihre Anwesenheit die interkulturelle Kompetenz ihrer ethnisch deutschen Kolleginnen und Kollegen stark verbessert.

Heinrich Alt (58) ist im Vorstand der Bundesagentur für Arbeit zuständig für Fragen der Grundsicherung nach dem Sozialgesetzbuch II, das heißt für die heikle Gruppe der Langzeitarbeitslosen. Der studierte Politikwissenschaftler und Germanist hat fast sein gesamtes Berufsleben in der Arbeitsverwaltung verbracht. Bevor er 2001 als Vizepräsident nach Nürnberg ging – zur damaligen „Bundesanstalt für Arbeit“ – war SPD-Mitglied Alt 1998 bis 2000 Staatssekretär im schleswig-holsteinischen Arbeitsministerium. Mit Alt sprach Andrea Dernbach.

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