Mon BERLIN : Einen Prosecco auf die 68er!

Rechtspopulisten arbeiten sich an den Revolutionären von vor 40 Jahren ab. Doch ohne diese Generation würden wir in einer bleiernen, unfreien Zeit leben. Eine Kolumne.

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Gegen den Schah. Uniformierte und Demonstranten am 2. Juni 1967. Am Abend wird der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen.
Gegen den Schah. Uniformierte und Demonstranten am 2. Juni 1967. Am Abend wird der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten...Foto: bpk

Die neuen populistischen Parteien sind Meister darin, sich Sündenböcke zunutze zu machen. Das Becken der Sühneopfer ist prallvoll, aus ihm schöpfen all die Frustrierten, die momentan in Europa Aufwind haben: Da sind etwa die Ausländer, die uns die Arbeit wegnehmen, die Parasiten, die eine ruhige Kugel schieben und zum Monatsbeginn Sozialhilfe einstreichen, rundum geschützte Beamte, die den ganzen Tag unnützes Papier herumschieben, Homosexuelle, die unsere sanfte Heimat in Sodom und Gomorrha verwandeln, Karrierefrauen, die keine Kinder mehr bekommen, der Abschaum von den Plattenbausiedlungen, faule Lehrer, hinterhältige Journalisten, raffsüchtige Arbeitgeber, eine korrupte politische Klasse, der Islam, der Euro, Europa und tutti quanti. Die AfD in Deutschland und der Front National in Frankreich mögen diese angeblichen Nichtsnutze, sind sie doch in der Lage, die Stammtische aufzuwiegeln.

Die 68er haben für Marine Le Pen alle einen "Joint im Schnabel"

Ein weiterer Klassiker, der in schönster Regelmäßigkeit auftaucht: der 68er, dieser Opportunist ohne Glauben und Moral, laut Marine Le Pen mit „Joint im Schnabel“ , vergleichbar mit einer Seuche, wie AfD-Chef Jörg Meuthen beim Stuttgarter Parteitag am vergangenen Wochenende sagte. Der Multikulti-68er hat den Muslimen Tür und Tor geöffnet, sodass die nun unser Land einnehmen und unser Wertesystem abschaffen können.

Aus dem Drang heraus, mit jedem ins Bett zu gehen, hat der 68er die heilige Familie in eine verfilzte Patchworkfamilie verwandelt. Antiautoritär, wie er ist, will er Schüler nicht mit allzu anstrengenden Mühen traumatisieren. Ergebnis: die Unkultur der jungen Generationen, die von Rechtschreibung keine Ahnung haben und in der Schule keine Klassiker mehr lesen. Der 68er ist ein zugkräftiger Magnet für die diffusesten Ängste und absurdesten Fantasien.

Eine ganze Generation wird verteufelt

Wie leicht es doch ist, eine Generation zu verteufeln, die, gleich nach dem Krieg geboren, im deutschen Wirtschaftswunder und in Frankreichs Trente Glorieuses zur Blüte kamen, für beide Länder eine Zeit des Wachstums, der Vollbeschäftigung und der Ruhe. Kein Vergleich zur verdrehten Welt von heute.

Gott weiß, wie nervig diese Gauche caviar bei uns und die „Toskana-Fraktion“ bei Ihnen ist. Was für Machos sie sein können, in den Institutionen der Macht, in den Redaktionen. Und all diese absurden Übertreibungen in Deutschland: verbotsfreie Kindergärten, Frauen, die ihre BHs verbrennen … Es gibt reichlich einfache Bilder, die den Hunger der Populisten auf Sündenböcke stillen. Wie einfach dagegen lässt es sich mit der Generation der 40-Jährigen leben, weniger exaltiert und vor allem weniger dogmatisch! Durch dieses unaufhörliche Bashing vergessen wir die fundamentale Rolle der 68er, vor allem in Deutschland. Hinter den verbalen Angriffen steckt eine ungesunde Sehnsucht nach dem Traumbild einer vergangenen Ordnung.

West-Berlin in den 60er Jahren
John F. Kennedy grüßt links von der Wand. Was aussieht wie 20er Jahre, wurde in Wirklichkeit in den 60ern aufgenommen - wahrscheinlich im Wedding, in einem der West-Berliner Altbauquartiere, die nach dem sogenannten Flächensanierungsplan zum Abriss vorgesehen worden waren.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Heinrich Kuhn/aus dem besprochenen Buch
07.04.2014 17:01John F. Kennedy grüßt links von der Wand. Was aussieht wie 20er Jahre, wurde in Wirklichkeit in den 60ern aufgenommen -...

Nur ein paar Verrückte wünschen sich die 50er Jahre zurück

Ich hätte nicht gern im Deutschland der 50er Jahre gelebt. Auch nicht in dem der 60er, diesem reichen Land, das durch seinen erstickenden Konservatismus völlig steif und in seinem Schweigen eingemauert war. Die schwarze Pädagogik, Mutti in Rüschenschürze, die ohne Erlaubnis des Ehemannes nicht arbeiten durfte, ehemalige Nazis in Ministerien und Gerichten, dieser virulente, ungenierte Antisemitismus, der mir auffiel, als ich Anwaltsberichte aus den Akten zur Nachkriegsrestitution jüdischer Besitztümer einsah. Aber vor allem war da diese bleierne Schicht über dem, was so monströs passiert war. Alle diese Familiengeheimnisse, die nach dem Krieg eilig unter den Teppich gekehrt wurden.

Hand aufs Herz: Wer hätte Lust, in dieses Deutschland zurückzukehren? Mal abgesehen von einer Handvoll Nostalgiker vergangenes Wochenende in Stuttgart? Wenn das heutige Deutschland so viel verlockender ist, liegt das zu einem guten Stück an der Revolte der „verseuchten“ Generation, die – den Joint im Schnabel – den Teppich des deutschen Wohnzimmers anhob.

Aus dem Französischen übersetzt von Angie Pohlers.

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