Mon BERLIN : Kaffee in Pankow – die leichte Erlösung

Einfach nur Kaffee? Gibt's nicht. Heutzutage muss man sich entscheiden: Zeige mir Deinen Kaffee - und ich sage Dir, wie gut Du bist. Ein Kommentar.

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Kommt die Bohne nun aus Äthiopien, Brasilien oder Indien? Foto: dpa
Kommt die Bohne nun aus Äthiopien, Brasilien oder Indien?Foto: dpa

In Pankow einen Espresso bestellen – das kann vertrackter werden als ein Sudoku, Niveau „sehr schwer“, zu lösen. Am Sonntagmorgen bestelle ich an der Theke eines Cafés in aller Unschuld: „Einen Espresso bitte!“ Espresso? Die Bedienung mustert mich, als hätte sie es mit einer Analphabetin zu tun. Was für einen Espresso denn? Mit dem Handrücken deutet sie auf ein Dutzend Aluminiumdosen auf einem Regal hinter ihr und dekliniert erstaunliche Kreuzungen: äthiopisch-brasilianisch-indisch („ündüsch“ auszusprechen). Kolumbisch-kenianisch. Costa Rica-vietnamesisch.

In rasender Geschwindigkeit zählt sie die Besonderheiten jeder einzelnen Sorte auf: Diese hier wird während der Monsunzeit in Indien geerntet, ist gewaschen und erinnert an Schokolade. Die da kommt von einer brasilianischen Plantage, was ihr eine dezent würzige Note verleiht. Heutzutage wird man leichter Sommelier für Grands Crus als Experte für Kaffee.

Verwirrt starre ich die Kellnerin an. In meinem Kopf dreht sich alles, als hätte ich die Speisekarte eines chinesischen Restaurants mit ihren Dutzenden durchnummerierter Gerichte vor mir. Äh … stottere ich verlegen: einen Espresso, wie in Italien. Ja, einen kleinen, ristretto, stark und ohne komplizierte Herkunftsbezeichnung. Einer von der Sorte, die einem mitten am Vormittag einen Peitschenhieb versetzt. Und der gut riecht. Ich verheddere mich.

Die Kellnerin macht aus ihrer Herablassung kein Geheimnis. Sie hat gemerkt, dass ich nichts verstanden habe. Also fängt sie von vorne an: brasilianisch und äthiopisch, eine besonders milde Crema … Um diese Litanei zu stoppen, wähle ich nach dem Zufallsprinzip eine Kreuzung aus drei Kontinenten, mit wenig Milch, aber schön heiß, bitte! Ich setze mich auf die Terrasse und warte. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Schließlich kommt der Kaffee, in einem überproportionierten Whiskyglas. Ein wenig bitter. In lauwarmer Milch ertränkt.

Er ist intensiv. Und köstlich. Man trinkt ihn in einem Schluck

Sehnsüchtig denke ich an die Schlichtheit des Ristretto, der überall in Italien schmeckt. Ob man am Bahnhof ist, auf der Straße steht, sich an den Tresen in einer süditalienischen Bar lehnt … Er ist im Nu fertig. Ein wortkarger Wirt serviert ihn mit gelassener Selbstverständlichkeit in einem Mini-Pappbecher. Er ist intensiv. Und köstlich. Man trinkt ihn in einem Schluck und sieht dabei dem Leben auf dem Bürgersteig zu. Mit dem Gefühl unendlichen Glücks.

In Pankow dagegen schreitet man auf dem Kreuzweg zur Erlösung. Als ich an der Theke zahle, erteilt die Bedienung mir die Absolution: „Danke. Sie haben ein soziales Projekt in einer kleinen äthiopischen Plantage unterstützt. Dank Ihnen können mehrere Kinder die Schule besuchen. Sie sehen: Bei uns stimmt das Gesamtpaket. Beim Italiener haben Sie das nicht!“ Und bei Nespresso auch nicht, denke ich errötend. Unübersehbar steht die kleine Kaffeemaschine in meiner Berliner Küche. Jede Woche landen Dutzende nicht abbaubarer Kapseln im Mülleimer. Mir wird klar, dass ich mich bei jeder Tasse schuldig mache. Ich denke an die Nespressowerbung mit George Clooney und Jean Dujardin … Dieses Gesamtpaket ist auch nicht übel, finde ich und gebe der überlasteten Kellnerin meine Euros. Vor der Theke wartet eine lange Schlange von Kaffeedurstigen, die eben aus dem Bett gefallen sind. Die an die Maschine gekettete Bedienung macht aus jeder Tasse ein Zauberkunststück. Am Ende zeichnet sie ein Herz, einen Smiley oder ein Eichenblatt auf den weißen Schaum.

Plötzlich überkommt mich der Wunsch, mit energischen Schritten – genauso, wie die Cowboys in den Western meiner Kindheit die Schwingtüren des Saloons aufstießen – in das Café zu stürmen, mit der Faust auf den Tresen zu schlagen und mit dröhnender Stimme zu fordern: „Einen Filterkaffee bitte! Ohne Schnickschnack. Ohne Gesamtpaket. Und vor allem rucki zucki!“ Nur um den Schock der Kellnerin zu sehen. Ein wenig wie der charmante alte Engländer, der neulich in einem Hotel in Venedig neben mir saß und völlig ungeniert und natürlich auf Englisch bestellte: „A white coffee, please.“

Mit Zuneigung betrachtete ich den würdigen Nachfahren dieser Generationen britischer Bürger, die mit Bechern Nescafé, einer Wolke kalter Milch und einem trockenen Keks auf der Untertasse aufgewachsen waren. Ich stellte mir vor, wie er eines Morgens in Pankow auftauchte.

- Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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