Nach dem Anschlag am Breitscheidplatz : Heroische Gelassenheit in Berlin

Es ist ein gutes Zeichen, wenn eine Gesellschaft trotz aller Trauer ohne Verzagen reagiert. Gerade das in Berlin demonstrierte Lebensgefühl achtsamer Unaufgeregtheit ist sogar instinktiv klug. Ein Kommentar.

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Beileidsbekundungen und Mutmacher.
Beileidsbekundungen und Mutmacher.Foto: dpa

Schlägt in einer Gesellschaft nach einem verbrecherischen Anschlag die Stunde nur der martialischen Paniker oder der pathetischen Apokalyptiker, es wäre tatsächlich der Triumph der Terroristen, der Amoktäter, der Zerstörer von Menschlichkeit und Gemeinschaft. Und würden jetzt überall Furcht und Schrecken herrschen, es wäre ein doppelter Erfolg des Verbrechens.

Deshalb ist es ein gutes Zeichen auch in schlechten Tagen, wenn eine Gesellschaft wie jetzt die der Berliner Bürgerinnen und Bürger trotz aller Trauer ganz überwiegend mit Besonnenheit und ohne Verzagen reagiert. Wenn eine manchmal gewiss ruppige Stadt sich das im Grunde doch lächelnde Gesicht nicht zur trostlosen Grimasse verzerren lässt. Mit anteilnehmender Entspanntheit. Mit Empathie statt Hysterie.

Die Franzosen, ob in Paris oder Nizza, haben es schon vorgemacht: sich das Leben und die Lebensfreude nicht durch die Anhänger des Todes verderben zu lassen. Berlin kann das auch. Nicht als immer fidele Partyhauptstadt, sondern als durchaus leidgeprüfte, leidgereifte Stätte des Überlebens und des Lernens aus den eigenen geschichtlichen Versehrungen. Aus den Wunden, die von Berlin aus der Welt geschlagen wurden – und die diese Stadt durch Krieg und Nachkrieg, durch bedrohende Einschnürung und Teilung exemplarisch erfahren hat. Deshalb atmet Berlin, Deutschlands größtes, buntestes Schaufenster zur Welt, über alle täglichen politischen oder bürokratischen Unzulänglichkeiten hinweg einen Geist der Freiheit. Er gehört zur Kultur und zur Kunst des Lebens, je für sich und miteinander.

„Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“ Das waren die Worte von Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg vor gut fünf Jahren in Oslo, nachdem dort tödliche Bomben explodiert waren und kurz darauf eine große Schar Schüler von einem rechtsradikalen Attentäter ermordet worden war. Auch Angela Merkel hat mit ihren Worten, auf ihre Weise ganz ähnlich auf den Berliner Anschlag reagiert.

Kameras helfen bei der Aufklärung

Es sind keine wohlfeilen Sätze. Und Jens Stoltenberg war kein naiver Pazifist. Er ist seit 2014 der Generalsekretär der Nato. Nein, es geht für die Gesellschaft und für die Politik in den Zeiten des globalen Terrors um eine Haltung, die der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler die notwendige „heroische Gelassenheit“ nennt. Sie meint einen rational kontrollierten Stoizismus statt Panikmache oder depressiver Verzweiflung, meint aber keine wurschtig-sorglose Ist- mir-egal-Haltung – und schon gar nicht Untätigkeit. Dabei ist das in Berlin gerade demonstrierte Lebensgefühl achtsamer Unaufgeregtheit instinktiv klug.

Eher ekelhaft wirken demagogische Instrumentalisierungen einer (noch unaufgeklärten) Tat, etwa wenn die AfD der Bundeskanzlerin hier Beihilfe zum Mord unterstellt. Doch auch das allfällige Gerede über Politikwechsel und schärfere Gesetze, ein Pawlow’scher Reflex beispielsweise der CSU, führt nicht zu mehr Sicherheit. Deutschland gleicht, wenn man persönliche Freiheit und individuelle wie auch soziale Sicherheit abwägt, im internationalen Vergleich noch immer einer der Inseln des Glücks.

Richtig ist natürlich, die Polizei personell und materiell besser aus- und aufzurüsten. Die Polizei, nicht die Bundeswehr, soweit es um Terrorbekämpfung geht. Denn wir sind nicht im „Krieg“. Mit solchen Formulierungen wertet man Kriminelle nur auf zu Kombattanten und hofiert Dschihadisten als (un)heilige Krieger.

Weniger gelassen als vielmehr ignorant wirkt dagegen die von der neuen Berliner Senatskoalition betriebene Verweigerung von mehr Videokameras auf öffentlichen Plätzen. In vielen freien Städten der Welt sind sie heute selbstverständlich, und am Breitscheidplatz hätten sie zumindest bei der Aufklärung helfen können. Das hat nichts mit Big Brother zu tun. Gefahren für unsere Freiheit lauern heute weniger beim Staat als bei der kommerziellen Totalerfassung durch „Big Data“. Der Staat sind ja – auch wir.

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