Politik : Nahe Verwandte

Jahrelang verteidigte Jens Rabe die Straftäter vor Gericht. Bis er plötzlich spürte: Er stand auf der falschen Seite. Heute vertritt er beim Winnenden-Prozess und im Fall des NSU die Interessen der Angehörigen. Als Opferanwalt hat er jetzt oft ein anderes Problem: Er verliert die Distanz.

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Warum? Der Amoklauf von Winnenden ist vielen Betroffenen auch Jahre nach der Tat noch unbegreiflich. Foto: Daniel Kopatsch/dapd Foto: dapd
Warum? Der Amoklauf von Winnenden ist vielen Betroffenen auch Jahre nach der Tat noch unbegreiflich. Foto: Daniel Kopatsch/dapdFoto: dapd

Zwei Jahre lang war er jede Woche zu Besuch bei den traumatisierten Familien. Viele Stunden hat er professionell zugehört und erklärt, was zu tun ist. Aber danach, als alle Fakten erörtert waren, holten die Eltern Bilder ihrer getöteten Kinder hervor oder Familienalben und zeigten sie ihm. Manche fragten, ob er das alte Zimmer sehen wolle, es sei noch so wie damals. Unberührt. Immer weinten sie.

Jens Rabe, von Beruf Anwalt, steigen jetzt selbst Tränen in die Augen, er sagt: „Viele gesunde Menschen tragen die Überzeugung in sich: Mir kann im Leben nichts passieren. Bei mir war dieses Gefühl mit 33 Jahren weg.“ Es ist nicht so, dass sein eigenes Leben nun dauerhaft beschwert wäre, das nicht, aber die Leichtigkeit von einst, die er immer fühlen konnte, ist fort.

Das ist in gewisser Weise ein Drama, mindestens aber eine Geschichte, die davon handelt, wie man als Anwalt lernen muss, das ungeschriebene, aber oberste Gesetz der Branche zu missachten: Distanz zu wahren zum Mandanten. Rabe ist ein Opferanwalt, er vertritt Menschen, die das Schicksal getroffen hat. Sein Job basiert auf Nähe, er muss verstehen, was seine Mandanten fühlen und was sie wollen.

Rabe, nunmehr 36 Jahre alt, erzählt seine Geschichte an einem sonnigen Herbsttag im Besprechungszimmer der Kanzlei Künzel und Partner in Waiblingen bei Stuttgart. Die Kanzlei sieht aus wie eine Kunstgalerie. Die Bilder haben Hintersinn und Humor, das sind Auffälligkeiten, die sich, trotz feiner Krawatte und randloser Brille, auch in Rabes jugendlichem Gesicht finden.

Der Fall, von dem Rabe eingangs erzählte, ist der Amoklauf von Winnenden. Ein Fall, der ganz Deutschland erschütterte. Am 11. März 2009 erschoss der 17-jährige Tim K. in seiner früheren Schule und auf der Flucht 15 Menschen und schließlich sich selbst. Unter den Opfern waren neun Schüler. Fünf ihrer Eltern vertritt Rabe. Das Gericht hatte den Vater des Amokläufers wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er die Tatwaffe ebenso ungesichert in seinem Wohnhaus aufbewahrt hatte wie 285 Schuss Munition. Aber der Bundesgerichtshof sah Verfahrensfehler, und nun muss das Landgericht Stuttgart den Prozess am kommenden Mittwoch neu aufrollen.

Winnenden ist nicht Rabes einziger Fall als Opferanwalt. Er vertritt gemeinsam mit dem Münchner Rechtsanwalt Stephan Lucas auch Kerim und Semiya Simsek, deren Vater mutmaßlich das erste Mordopfer der Zwickauer Terrorzelle um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe war. Rabe und Lucas haben zudem den Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, Michael Buback, im RAF-Prozess gegen Verena Becker vertreten.

Früher waren Opfer und Angehörige Zeugen, die zu erscheinen hatten, wenn es das Gericht wollte. Mit der Reform des Opferrechts und der gesetzlichen Verankerung der Nebenklage haben diese Gruppen Anspruch auf juristischen Beistand und können an der gesamten Verhandlung teilnehmen. Nebenkläger haben die Möglichkeit, durch Erklärungen, Fragen, Anträge und Rechtsmittel Einfluss auf das Verfahren zu nehmen. Die Betroffenen können also, wenn sie wollen, aus ihrer passiven Rolle heraustreten.

Doris und Dieter Kleisch haben das getan. Das Ehepaar, über 20 Jahre verheiratet, sitzt nun ebenfalls in Rabes Besprechungszimmer und versucht, nicht die Fassung zu verlieren. Der Amokläufer hat an jenem Tag vor drei Jahren auch ihre Tochter Stephanie erschossen. Sie war 16. Direkt nach der Tat, „als alles verschwamm und ich nicht mehr wusste, wer ich war“, wie es Doris Kleisch formuliert, schickte ihnen die Opferorganisation „Weißer Ring“ einen Expolizisten als Betreuer. Aber der brachte nur Formulare. Als dann, auf Empfehlung, Jens Rabe zum ersten Mal vor ihrer Tür stand, dachten beide: „Der ist aber jung.“

Heute beschreibt Dieter Kleisch die Beziehung zu ihrem Anwalt so: „Er hat erklärt, was juristisch möglich ist. Er hat aber auch zugehört und Gefühle gezeigt, das hat gutgetan.“ Das Ziel der Kleischs war, alles zu erfahren. „Wir wollten jedes Detail wissen. Warum hat er unsere Tochter erschossen, warum ist er zum Mörder geworden, musste Stephanie leiden?“

Es sind große Erwartungen. Das ist ein Problem der Nebenklage. Hoffnungen können enttäuscht werden, und ein Gerichtsverfahren kann für Hinterbliebene zu einer zweiten Traumatisierung führen. Rabe kennt das Problem. Er sagt, sein wichtigstes Ziel als Anwalt sei es, den Opfern eine Stimme zu geben. Aber er muss seine Mandanten vor allem vor sich selbst schützen. Es gebe Mandanten, die nicht akzeptieren könnten, dass es oft „keine befriedigende Aufklärung gibt“. Opfersein dürfe dann nicht Lebensinhalt bleiben, sagt Rabe.

In den Gesprächen, wie er sie nun mit den Kleischs führt, ist gut zu beobachten, dass er Menschen lesen kann, um daraus seine Schlussfolgerungen zu ziehen. Er ist ein ruhiger Mann aus ruhigem Elternhaus. Der Vater Ingenieur, die Mutter Lehrerin, er das einzige Kind, aufgewachsen auf dem Dorf. Noch heute ist die dörfliche Natur sein Ort zur Besinnung.

Aus der inneren Ruhe heraus hat er Argumentieren gelernt. Erst vom sturen Großvater, dann während des Studiums, als er sich Geld als Türsteher vor Diskotheken verdiente. Er sagt: „Ich war der zum Reden, die starken Jungs standen hinter mir. Da hab’ ich gelernt, mit Leuten umzugehen, die anders drauf sind.“ Beim Amoklauf-Fall musste Rabe sehr gut argumentieren, sonst wären die Hoffnungen der Eltern schon anfangs zerstoben.

Der Täter von Winnenden war tot, und der Vater, das erfuhr Rabe aus guter Quelle, sollte per Strafbefehl belangt werden. Ein Strafbefehl ist nichts anderes als ein Deal. Der Angeklagte gibt seine Tat zu, das Gericht erspart ihm einen Prozess. In diesem Fall wäre der Wunsch der Hinterbliebenen nach Aufklärung nicht zu erfüllen gewesen. Rabe geht in Absprache mit den Angehörigen an die Medien und schafft es, öffentlichen Druck aufzubauen. Am Ende bekommen die Opferfamilien den öffentlichen Prozess.

Dieter Kleisch sagt: „Wir haben durch unseren Anwalt gelernt, nicht zu akzeptieren, dass nur der Staat aufklärt und wir am Rande zusehen müssen.“ Rabe diskutiert mit den Eltern intensiv, ob sie die grausamen Bilder der Tat ansehen sollen oder nicht. Sie besprechen, ob er in der Verhandlung den Gerichtsmediziner fragen soll, wie genau die Opfer gestorben sind. Der Opferanwalt ist oft eher Begleiter, weniger Akteur.

Die Eltern entscheiden, dass Rabe während der Verhandlung keine Details erfragen darf. Sie beauftragen ihn, den Gerichtsmediziner zu bitten, nach der Verhandlung Auskunft zu geben. „Es war uns extrem wichtig zu erfahren, wie unsere Tochter gestorben ist“, sagt Doris Kleisch, „deshalb wollten wir wissen, wo am Körper die Schusswunden waren.“

Jens Rabe ist im „Netzwerk engagierter Rechtsanwälte für Opferschutz“ (Nero) organisiert. Es hat sich selbst Standards verordnet, die es beachten und bundesweit verbreiten will. Ein Punkt lautet: „Opferanwalt zu sein, ist eine bewusste Entscheidung und spiegelt eine innere Haltung wider.“ Diese innere Haltung musste Rabe lernen. Sie wird nicht vermittelt an Universitäten. Er sagt: „Als Jurist weiß man immer alles besser, man hat Paragrafen gepaukt und Strategien gelernt. Aber die wenigsten Anwälte wissen mit traumatisierten Menschen umzugehen.“

Als Rabe frisch von der Uni kam – mit Bestnoten –, erhielt er die Chance, in eine traditionsreiche Kanzlei einzutreten, einst gegründet von Josef Biolek, dem Vater Alfred Bioleks, weitergeführt von Manfred Künzel, der als Pflichtverteidiger der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin zugewiesen war. Heute hat Rabe selbst viele aufwühlende Fälle als Strafverteidiger hinter sich. Folterfälle, Sexualdelikte. Einmal verteidigte er einen jungen Sizilianer, der in Schorndorf gezielt zwei Fußballspieler des örtlichen Vereins mit falschem Blaulicht auf einen Autobahnparkplatz zwang, wo er aus Rache für deren ausländerfeindliche Späße mit einer Pumpgun auf sie schoss. Als Rabe im Gerichtssaal der weinenden Mutter des Opfers gegenübersteht, fällt ihm plötzlich auf: „Ich steh’ auf der Gegenseite.“

Aber das ist nur ein Reflex, den er erst nicht beachtet. Es geht nicht um Gut oder Böse, es geht darum, seinen Job als Strafverteidiger gut zu machen. Dann geschieht Winnenden – und verändert ihn. Wenn er von den Besuchen bei den Familien heimkehrt, „hörte der Fall nicht auf“. Der Fall hat ihn vorsichtiger für Belange des eigenen Lebens gemacht. Er hat keine Begründung dafür, „ist einfach passiert“.

An einem Oktobertag sitzt er mit seinem Kollegen Stephan Lucas in einem Hotel am Savignyplatz in Charlottenburg. Sie warten auf Semiya Simsek. Mit der 25-Jährigen haben sie in Berlin zu tun. Lucas ist Strafverteidiger, er hat ein Buch geschrieben über seine grausamsten Fälle. Es heißt „Auf der Seite des Bösen“. Es geht darum, ob Lucas es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, Schwerverbrecher zu verteidigen. Er schreibt: „Lasse ich diese Menschen zu nahe an mich heran, berühren sie mich oft sehr.“

Als Strafverteidiger, finden beide, sei es einfacher, sich auf das Mandat zu konzentrieren und nur nach rechtlichen Möglichkeiten zu suchen, um die Strafe zu mildern. Lucas findet, er habe gelernt „mit dem inneren Zwiespalt zu leben“. Er freue sich, wenn er sagen kann, „ich habe richtig gut verteidigt“. Lucas betont: „Der Umgang mit Straftätern ist einfacher, als der Laie sich das vorstellt.“ Der Beistand für Opfer dagegen ist viel heikler, als die Anwälte es sich selbst eingestehen. Eigentlich sei man ja „auf der guten Seite“, es könne nichts passieren. Aber dann passiert doch etwas.

Da kommt Semiya Simsek die Hoteltreppe herunter. Sie strahlt. Sie fühlt sich sichtlich wohl an der Seite ihrer Anwälte. Mittlerweile lebt sie überwiegend in der Türkei, sie hat geheiratet und arbeitet als Deutschlehrerin an einer türkischen Schule. Semiya Simsek will in erster Linie den guten Ruf ihres Vaters und ihrer Familie wiederherstellen, die lange zu Unrecht der Tat verdächtigt worden ist. Das ist ihr Motiv, in die Öffentlichkeit zu treten. Dass sie bei der staatlichen Gedenkfeier im Februar neben der Kanzlerin sprach, war ihre Art der Selbsttherapie. Demnächst wird sie ein Buch veröffentlichen.

Semiya Simsek hat, wie die Kleischs, den Gerichtsprozess noch vor sich. Sie sagt: „Ich will Frau Zschäpe in die Augen sehen und fragen, warum mein Vater?“ Rabe wird auch sie darauf vorbereiten, dass alles anders kommen könnte, etwa wenn Zschäpe weiterhin schweigt.

Wenn der Neonazi-Prozess, in dem jetzt Anklage erhoben wurde, im Frühjahr beginnt, wird er für Rabe und Lucas auch eine öffentliche Plattform sein und ihre Namen danach bekannter. Aber die Geschichte der Simseks hat beiden auf sehr ungewöhnliche Weise auch die Sinnhaftigkeit ihres Tuns vor Augen geführt.

Auf der Gedenkveranstaltung im Konzerthaus hatte Semiya Simsek erzählt, wie sie einst in der Türkei in einer Sommernacht im Urlaub ihren Vater im Garten ihres Hauses sitzen sah. „Kannst du nicht schlafen?“, fragte sie ihn, und Enver Simsek antwortete: „Schon, aber ich möchte etwas hören.“ Es war das Geräusch der Glöckchen von den Schafen, die aus den Bergen runter ins Tal kamen. Er wartete auf das Geräusch, weil er es liebte.

Im Sommer saßen Jens Rabe und Stephan Lucas in diesem Garten in einem türkischen Dorf, südwestlich von Antalya gelegen, und kämpften mit ihren Gefühlen. Ihre Mandantin hatte sie zu ihrer Hochzeit eingeladen, die in jenem Haus stattfand, das Enver Simsek einst zu bauen begonnen hatte. Rabe und Lucas überschritten ihre professionelle Grenze, als sie zusagten. Semiya Simsek dagegen fand, dass aus dem Mandat eine Freundschaft geworden sei und ihre Anwälte so etwas wie ältere Brüder.

Erst fühlten sich Rabe und Lucas wie Abgesandte einer fernen Welt, sie sagten sich, wir können die Reise ja auch für Recherchen nutzen. Dann diskutierten sie plötzlich tausende Kilometer entfernt vom normalen Alltag eines deutschen Anwalts mit den Angehörigen, erklärten, stellten selbst Fragen, rissen emotionale Mauern ein. Vor allem aber lernten sie, wie beide betonen, „wer Enver Simsek wirklich war. Und was er allen Menschen in diesem Dorf bedeutet hat“.

In den Standards der Nero-Anwälte heißt es: „Der Opferanwalt hält die Balance zwischen professioneller Distanz und der notwendigen Nähe zum Anliegen des Mandanten.“ Das ist juristisch fein formuliert. Aber manchmal, das hat Jens Rabe nun selbst erlebt, kann es nicht schaden, Nähe zu riskieren.

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