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Nahost : Die endlose Spirale der Vergeltung

15.11.2012 20:12 Uhrvon
Rauchsäulen in Gaza-Stadt nach einem israelischen Luftangriff.Bild vergrößern
Rauchsäulen in Gaza-Stadt nach einem israelischen Luftangriff. - Foto: Reuters

Raketen auf israelische Städte, Luftangriffe auf palästinensische Ziele - der Konflikt im Nahen Osten eskaliert. Warum kommt die Region nicht zur Ruhe?

Der Angriff ist die beste Verteidigung. Gemäß diesem Motto bekämpfen sich Israel und die islamistische Hamas seit Tagen im und um den Gazastreifen. Israel ist zu seiner alten, bewährten Kampftaktik zurückgekehrt: Obwohl Jerusalem, wo die Regierung sitzt, und Tel Aviv, wo die Armee stationiert ist, in den letzten Tagen mehrfach vernichtende Vergeltungsschläge für die Attacken aus dem Gazastreifen angekündigt hatten, wurde die dort herrschende islamistische Hamas vom Zeitpunkt und der Wucht der israelischen Luftangriffe überrascht. Einen Tag nach dem informellen Waffenstillstand und offenbar unmittelbar vor Abschluss einer Übereinkunft über eine anhaltende Waffenruhe hatte niemand, auch die israelische Öffentlichkeit nicht, mit dem heftigen Doppelschlag – gezielte Tötung des Hamas-Oberkommandierenden Ahmed al Dschabari und massivste Luftangriffe – gerechnet.

Seit vielen Jahren war Dschabari Zielperson Nummer eins der israelischen Geheimdienste und der Armee gewesen. Denn er war weit mehr als nur „Generalstabschef“, Oberkommandierender des militärischen Arms der Hamas: Er war der eigentliche Herrscher im Gazastreifen und Hauptverantwortlicher für unzählige Terroranschläge und Raketenangriffe gegen Israel sowie die Entführung des Soldaten Gilad Shalit. Formell war er nur die Nummer zwei der Essedin-al-Kassam-Kommandos. Doch der schwer behinderte Mohammed Dief führt diese seit seiner Verletzung bei einem israelischen Tötungsversuch nur noch symbolisch an. Dschabari verwandelte den militärischen Hamas-Arm von einem Zusammenschluss vielfach fast unabhängiger Terrorzellen und Raketenkommandos in eine schlagkräftige Miliz, ja, in eine gut ausgebildete und kampfstarke Armee. Diese Milizionäre sind der Stützpfeiler des Hamas-Regimes.

Es gibt einen gravierenden Unterschied bei den gegenseitigen Angriffen zwischen Israel und den Palästinensern: Israels Luftwaffe verfügt offensichtlich über eine überlange Liste von militärischen Angriffszielen und trifft diese mit „chirurgischer“ Genauigkeit – so die eigene Aussage der Militärs. Hamas und die anderen extremistischen Gruppierungen schießen hingegen nur in Richtung ziviler israelischer Ortschaften von Kibbuzim über Kleinstädte bis zu den drei Großstädten Beerschewa, Aschdod und Aschkelon.

Die Grafik zeigt die Ziele der Raketenangriffe von Mittwoch und Donnerstag.Bild vergrößern
Die Grafik zeigt die Ziele der Raketenangriffe von Mittwoch und Donnerstag. - Foto: Bartel

Israel verfolgt mit seinen seit Mittwochnachmittag anhaltenden und wohl noch einige Tage andauernden Luftangriffen das strategische Ziel, die Sicherheit der eigenen Bevölkerung im Südwesten des Landes um den Gazastreifen bis hin in den Großraum Tel Aviv zu erhöhen. Taktisches Ziel ist die unmissverständliche Warnung an alle politischen und militärischen Hamas-Aktivisten, dass sie, unabhängig von ihrer Stellung innerhalb der Organisation, jederzeit und überall gezielt getötet werden können.

Anders als bisher nach einer solchen gezielten Aktion wartete Israel nicht die Reaktion der Hamas in Form von Raketenangriffen ab. Vielmehr war mit den israelischen Luftangriffen von vornherein geplant, die riesigen Arsenale der aus dem Iran stammenden Fajr-5-Raketen mit einer Reichweite bis nach Tel Aviv weitgehend zu vernichten. Wie aus der israelischen Armee verlautete, seien alle bekannten Fajr-Lagerstätten getroffen und vollständig vernichtet worden. Allerdings werden wohl noch kleinere Bestände in geheimen Verstecken, insbesondere in Wohnhäusern, Schulen und Moscheen, vorhanden sein.

Gleichzeitig erweisen sich die mit amerikanischer finanzieller und technischer Hilfe entwickelten neueren israelischen Raketenabwehrsysteme als äußerst effektiv. Von den rund 200 bis Donnerstagmittag abgefeuerten Raketen wurden immerhin 75 abgefangen und in der Luft zerstört. Die Stadt Beerschewa zum Beispiel wurde trotz des Grad-Raketenhagels kaum getroffen, weil die Abwehrsysteme zwischen den einzelnen Raketen differenzieren können: Diejenigen, die außerhalb bewohnter und bebauter Gebiete einzuschlagen drohen, werden nicht abgefangen, gegen Häuser fliegende werden vernichtet.

Es war der Hamas durchaus klar, dass eine von ihnen betriebene Intensivierung der Attacken in Wahlkampfzeiten mit heftigen Gegenschlägen vergolten würde. Erst recht von einer Regierung, die nach Wählern am rechten Rand schielt, wie die von Benjamin Netanjahu und Avigdor Lieberman. In Krisen- und Kriegszeiten profitierte immer Israels „nationales Lager“ bei anschließenden Wahlen. Zudem kann die Regierung in diesen Stunden auf weitgehendes Verständnis bis hin zu absoluter Rückendeckung bei befreundeten Staaten, allen voran der USA, bauen, von denen sie in der letzten Zeit unter spürbaren Druck genommen worden war. Zumindest so lange die israelische Luftwaffe so exakt trifft wie bisher, „chirurgisch“ genau nur militärische Ziele zerstört und die Zahl der zivilen palästinensischen Opfer sehr niedrig bleibt.

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Sie waren zusammen im Afghanistan-Einsatz. Jetzt sitzen sie auf entscheidenden Posten im Ministerium. Sie prägen das Bild, das sich die Ministerin macht. Sie bestimmen Ausrichtung, Struktur und Selbstverständnis der Truppe. Welche Folgen hat das für Deutschlands Sicherheit?
Eine Recherchekooperation des Tagesspiegels mit dem ARD-Magazin "Fakt".

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