Nelson Mandela : Tod einer Legende

Eine ganze Nation bangte monatelang um seine Genesung, aber am Donnerstag starb Südafrikas großer Freiheitskämpfer: Nelson Mandela. Er wurde 95 Jahre alt - und war bereits zu Lebzeiten eine Legende. Ein Nachruf.

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Südafrika trauert: Am Donnerstag verstarb Nelson Mandela im Alter von 95 Jahren.
Südafrika trauert: Am Donnerstag verstarb Nelson Mandela im Alter von 95 Jahren.Foto: dpa

Sechs Meter. So hoch ist die Statue auf dem Nelson-Mandela-Platz in Johannesburg – ein Versuch der Südafrikaner, ihrem Nationalhelden schon zu Lebzeiten ein angemessenes Denkmal zu setzen. Sechs Meter Bronze, die alles zu überragen scheinen, selbst die nahe gelegenen „Michelangelo Towers“.

Ein paar Minuten. So lange währte die Begegnung eines jungen Fotografen mit dem alten Mann. Sein Auftrag: ein Porträt, doch die Blitzanlage machte Probleme. Ob der Fotograf eine Tasse Tee trinken wolle, fragte eine Assistentin mit Blick auf ein vor Aufregung aschfahles Gesicht. Da leuchtete Mandela, der schon in einem Sessel Platz genommen hatte und wie so oft eines seiner schillernden Hemden trug, den Raum mit seinem Lächeln aus: „Oder darf es vielleicht etwas Stärkeres sein?“
Nelson Rolihlahla Mandela schrieb Weltgeschichte. Der Größte aber war er, weil er sich eine zärtliche Aufmerksamkeit für solche Kleinigkeiten leistete – der 1,90-Mann stand stets auf, wenn er begrüßt wurde. Jeder, dem Mandela begegnete, kann eine Geschichte darüber erzählen, wie menschlich er gewesen ist. Für manche war es bequemer, ihn zu vergöttern. Doch anders als andere Staatsmänner war er stets darauf bedacht, sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen.
Nur eine Schrecksekunde – und schon zog Mandela den Reporter aus dem Brunnen im Kapstädter Parlamentsgarten. Helmut Kohl, der 1995 auf Staatsbesuch in Südafrika, stand grinsend daneben: Warum musste der Mann auch rückwärts gehen? Doch für den Präsidenten war der stolpernde Reporter nur noch „mein privater Poolfotograf“.

Nelson Mandela: "Teil der DNA unserer Nation"

Als Madiba – so sein Clanname – Anfang 2011 ins Krankenhaus gebracht wurde und alle Welt mit dem Schlimmsten rechnen musste, beschrieb Nic Dawes von der Johannesburger Wochenzeitung „Mail & Guardian“ den früheren Präsidenten als Teil des südafrikanischen Erbguts: „Was wir für Madiba empfinden, ist nicht einfach Zuneigung oder Respekt. Sogar das Wort Liebe reicht nicht aus. Seine Präsenz ist vielmehr Teil der DNA unserer Nation. Wir fürchten, dass wir ohne ihn nicht mehr wir selbst sind.“

Mandela starb im Kreise seiner Familie. Dieses Foto zeigt den früheren südafrikanischen Präsidenten im August 2007.
Mandela starb im Kreise seiner Familie. Dieses Foto zeigt den früheren südafrikanischen Präsidenten im August 2007.Foto: AFP

„Nelson“, so hieß Mandela erst seit seinem ersten Schultag. Seine Lehrerin nannte den Jungen so. „Weiße waren nicht fähig oder nicht gewillt, einen afrikanischen Namen auszusprechen, und hielten es für unzivilisiert, überhaupt einen zu haben“, schrieb Mandela in seiner millionenfach verkauften Autobiographie „Der lange Weg zur Freiheit“. Sein mittlerer Name bedeutet wörtlich „am Ast eines Baumes ziehen“, im übertragenen Sinn „Unruhestifter“.

Seine Geschichte beginnt in einem kleinen Dorf auf dem Land, in der einst von grünen Hügeln geprägten Provinz Transkei. Dass Mandela Zugang zu Bildung gewährt wurde, war eine Ausnahme. Niemand in seiner Familie hatte zuvor eine Schule besucht: Während sein früh verstorbener Vater an den uralten Bräuchen der Volksgruppe Thembe festhielt, wechselte die Mutter nach dessen Tod zum christlichen Glauben und ließ ihren Sohn von den Methodisten taufen. Ein Eintrag in das Kirchenregister aus dem Jahr 1929 ist das erste Dokument, das es über Mandela gibt.
Von der Dorfschule kam er wie damals üblich in die Obhut eines Onkels der Familie, der den Jungen an den Königssitz der Thembe holte. Für Mandela waren es prägende Jahre. Er besuchte die Clarksbury School, die älteste Methodisten-Schule der Region, später das Healtdown College, wo sich ihm die Welt öffnete: Zum ersten Mal lernte er Mitschüler kennen, die nicht aus seinem engeren Clan stammten. Er schloss Freundschaft mit Jungs aus dem 1000 Kilometer entfernten Johannesburg.

Nelson Mandela ist tot
Im Alter von 95 Jahren starb am Donnerstag Nelson Mandela, Nobelpreisträger, Südafrikas Ex-Präsident und Kämpfer gegen die Apartheid.Weitere Bilder anzeigen
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06.12.2013 10:26Im Alter von 95 Jahren starb am Donnerstag Nelson Mandela, Nobelpreisträger, Südafrikas Ex-Präsident und Kämpfer gegen die...

Der Student übte sich nicht nur im Dauerlauf, er stiftete auch erste politische Unruhe

1938 wurde Mandela in Fort Hare aufgenommen, der damals einzigen Universität für Schwarze am Kap. Dort benutzte er zum ersten Mal eine Zahnbürste. Bislang hatte er sich die Zähne mit Asche geputzt. Ebenso wichtig wie sein Studium war ihm der Sport. „Beim Laufen war das Training wichtiger als die eigentliche Veranlagung, und so konnte ich einen Mangel an natürlicher Fähigkeit durch Fleiß und Disziplin kompensieren. Diese Lektion half mir bei allem, was ich tat“, schrieb Mandela.

Mandela stiftet erste politische Unruhe

Doch der Student übte sich nicht nur im Dauerlauf, er stiftete auch erste politische Unruhe: Er nahm seine Wahl ins Studentenparlament nicht an, weil wegen eines Boykotts zu wenige Studenten zur Abstimmung gingen. Konsequenzen hatte sein Handeln allemal. Der Rektor schmiss ihn von der prestigeträchtigen Universität, nachdem Mandela ein Ultimatum ungenutzt hatte verstreichen lassen. So unbeugsam der junge Mann auch gewesen sein mag – seine Abreise nach Johannesburg glich eher einer Nacht-und-Nebel-Aktion, sollte er doch auf Geheiß des altersschwachen Clan-Regenten mit der Tochter eines Thembe-Priesters verheiratet werden. Mandela stahl zwei der priesterlichen Preisochsen und verkaufte sie, um sich ein Taxi zum nächsten Bahnhof leisten zu können. Erst Monate später – der Jura-Student hatte sich vom Nachtwächter zur Aushilfe einer kleinen Anwaltskanzlei hochgearbeitet – traf er den Regenten wieder, dessen Zorn inzwischen längst verraucht war.

Wie konnte es dazu kommen, dass aus dem smarten Township-Dandy, ein weltweit gefeierter Freiheitskämpfer wurde?

Anders als bei Mandela: Er entdeckte die Wut langsam für sich als Motor. Diese Wut über einen Haufen vermeintlicher Kleinigkeiten.Wie konnte es dazu kommen, dass aus dem smarten Township-Dandy, der gerne boxte und tanzte, ein weltweit gefeierter Freiheitskämpfer wurde? „Ich hatte keine Erleuchtung, keine einzigartige Offenbarung, keinen Augenblick der Wahrheit“, schrieb Mandela in seinem in 20 Sprachen übersetzten Buch. „Es war eine ständige Anhäufung von tausend verschiedenen Dingen, tausend Kränkungen, tausend unerinnerten Momenten, die Wut in mir erzeugten, rebellische Haltung, das Verlangen, das System zu bekämpfen, das mein Volk einkerkerte.“

Zusammen mit seinem Studienfreund Oliver Tambo leitete er bald darauf die einzige afrikanische Anwaltskanzlei in Johannesburg – täglich belagerten unzählige Mandanten ihr Büro. Ein ideales Duo: Während Mandela die Theatralik bei Gericht liebte, bestach der eher schüchterne Tambo, der später den ANC aus dem Exil führte, durch Wissen und Zurückhaltung. 1944 gründete Mandela mit seinem Freund und Mentor Walter Sisulu sowie Oliver Tambo die Jugendorganisation des ANC, dem African National Congress.

1948 gewann dann die Nationale Partei die Wahlen. Bis 1994 sollte eine kleine Minderheit Südafrika regieren, und mit ihr die institutionalisierte „Rassentrennung“, die Apartheid. Schwarze durften nicht wählen, kein Land besitzen, sie durften weder gute Schulen besuchen, noch ohne Pass auf die Straße gehen. Jede „Rasse“ sollte ihr eigenes Wohnviertel bekommen. So wurden die Schwarzen systematisch aus den Innenstädten verdrängt. Es war eine Politik, unter deren Folgen heute noch Hunderttausende leiden.
Als Chef der ANC Youth League organisierte Mandela um 1950 so genannte Missachtungskampagnen im ganzen Land. Schwarze provozierten gezielt ihre Verhaftung, indem sie beispielsweise zu Hunderten einen Eingang benutzten, der den Weißen vorbehalten war. Die Gefängnisse liefen schnell über, die Kapazitäten reichten nicht, man musste die Aufständischen wieder entlassen.

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