• Neue Details im Pädophilie-Skandal in Großbritannien: Die unglaubliche Verschwörung des Grauens

Neue Details im Pädophilie-Skandal in Großbritannien : Die unglaubliche Verschwörung des Grauens

Das britische Establishment steht unter Generalverdacht, seit Jahrzehnten Pädophile gedeckt zu haben. Der „VIP“-Ring soll Kinder entführt und missbraucht haben. Ein neuer Zeuge spricht sogar von Morden.

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Auf das Wohnquartier "Dolphin Square" in London konzentrieren sich derzeit die Ermittlungen.
Auf das Wohnquartier "Dolphin Square" in London konzentrieren sich derzeit die Ermittlungen.Foto: dpa

Seit Jahren erschüttern immer neue Berichte und Anschuldigungen im so genanten „VIP“-Pädophilenskandal Großbritannien. Es geht um einen Ring von angeblich prominenten Männern, darunter Abgeordnete, Richter, sogar Militärangehörige – der in den 70er und 80er Jahren systematisch Jungen entführt, missbraucht haben – und möglicherweise sogar ermordet haben. Dies zumindest legen neue Zeugenaussagen nahe. Nach der Vernehmung eines ersten Hauptzeugen haben die Ermittler von Scotland Yard zum ersten Mal bestätigt, dass auch wegen drei Morden an jugendlichen Missbrauchsopfern ermittelt wird.

Ein erster Hauptzeuge, ein über 40-jähriger Mann, dessen veränderter Name als „Nick“ angegeben wird, hat nach seiner Aussage bei der Polizei auch der BBC ein Interview gegeben. Erst habe sein eigener Vater ihn missbraucht. Dann habe der ihn „den anderen ausgehändigt“ – mit die „anderen“ meint er eben jenen “VIP“-Ring. „Sie waren mächtige Persönlichkeiten und kontrollierten mein Leben die nächsten neun Jahre lang“, sagt Nick. Der „Daily Mail“ zufolge hat Nick mit eigenen Augen gesehen, wie „ein konservativer Unterhausabgeordneter“ einen 12-Jährigen bei einer „Missbrauchsparty“ 1980 zu Tode würgte. Die Polizei ermittelt, hat aber weder Leichen noch die Namen der Mordopfer.

„Wir sind entschlossen, die Antworten zu finden“, sagt Chefinspektor Kenny McDonald. „Ich appelliere an die Männer, die vor 30 Jahren missbraucht wurden, sich zu melden“. McDonald leitet die „Operation Midland“, die den Pädophilenskandal aufklären soll.

Zu dem Skandal gehören Gerüchte und Berichte über Pädophilen-Bordelle wie das „Elm Guest House“ in London. Dort seien sogar Bischöfe und Menschen mit Verbindungen zum Königshaus aus und eingegangen. Und seit 30 Jahren habe das Establishment in einem Kartell des Schweigens von Politik, Polizei und Presse die Wahrheit unterdrückt. Sogar Verbindungen zu Downing Street Nr. 10 wurden dem Ring nachgesagt.

Zentrum der neuen Polizeiinitiative ist ein Wohngebäude am Dolphin Square in London, ein Wohnblock, in dem wegen seiner Nähe zum Parlament immer Abgeordnete gelebt haben. „Menschen, die damals hier wohnten, erinnern sich vielleicht an Dinge, deren Bedeutung sie erst jetzt verstehen“, sagt McDonald. Aber die Polizei ermittle wegen Kindsmissbrauch in mehreren Gebäuden, auch „in militärischen Einrichtungen“.

Nick: "Man tat ohne Widerspruch, was sie verlangten"

„Sie haben Furcht geschaffen, die mich in jedem Winkel meines Wesens erfasst hat, tagaus, tagein. Man hinterfragte nicht, was sie wollten, man tat ohne Widerspruch, was sie verlangten. Die Strafen waren sehr streng“, erinnert sich Nick. Alles sei gut organisiert gewesen. Die Jungen wurden von Chauffeuren abgeholt, manchmal direkt von der Schule, und in Hotels oder Wohnungen zu „Partys“ oder „Sitzungen“ gefahren. Miteinander sprechen durften die Opfer nicht. Der BBC zufolge hat Nick der Polizei die Namen einiger Beteiligter genannt. Viele der Täter hätten gar keinen Versuch gemacht, ihre Identität zu verbergen.

Die Polizei überprüft nun alle Vermisstenanzeigen von Jugendlichen aus dem betreffenden Zeitraum. Zwei Namen werden mit dem „VIP“-Ring in Verbindung gebracht. So glaubt ein Vater, Vishambar Mehrotra, sein achtjähriger Sohn Vishal sei 1981, am Tage der Hochzeit von Prinz Charles und Prinzessin Diana, im Elm Guest House ermordet worden. Die Polizei, wird immer wieder behauptet, habe damals bei der Vertuschung des Mordes mitgeholfen.

Ermittlungen gegen BBC-Moderator Savile lösten Lawine aus

Seit zwei Jahren geht eine Welle der Ermittlungen von „historischem Kindsmissbrauch“ durch Großbritannien – ausgelöst durch den Skandal um den BBC Pop-Moderator Jimmy Savile. Der hatte wie sich nach seinem Tod herausstellte, in seiner 50 Jahre dauernden Starkarriere Kinder in unvorstellbarer Zahl missbraucht hat. Und diese Ermittlungen gelten nicht nur der Aufklärung der Verbrechen selbst, sondern auch den Institutionen, die sie durch Wegsehen begünstigt haben: der BBC, die Savile und anderen Popstars wie Rolf Harris und Stuart Hall freien Lauf ließ – beide sind inzwischen wegen Sexualmissbrauch zu Gefängnisstrafen verurteilt; dem staatliche Gesundheitsdienst NHS, der Savile unbeaufsichtigt in Krankenhäusern gewähren ließ; dem Schulministerium, das ihm wegen seiner wohltätigen Aktivitäten Zugang zu Schulen gestattete. In der Stadt Rochdale wird untersucht, warum der liberaldemokratische Abgeordnete Cyril Smith fast bis zu seinem Tode 2010 ungestraft Waisenkinder missbrauchen konnte, an die er sich dank seiner politischen Ämter heranmachte. Den Stadtobersten scheinen Smiths Neigungen nicht unbekannt gewesen zu sein. Die Kronanwaltschaft gab zu, dass 1970, 1998 und 1999 Anzeigen gegen Smith vorlagen. Angeklagt wurde er nie.

Details über den Westminster-Pädophilenring waren bereits früh bekannt. 1983 übergab der (verstorbene) Tory Abgeordnete Geoffrey Dickens dem konservativen Innenminister Leon Brittan ein Dossier mit „explosive Details“. Das Dokument ist verschwunden und konnte im Innenministerium auch nach intensiver Suche nicht gefunden werden. Im Juli ordnete Innenministerin Theresa May eine unabhängige Untersuchung an, die übergeordnet berichten soll, wie öffentliche Institutionen mit Missbrauchsfällen umgingen. Einen Vorsitzenden, der das Vertrauen aller, auch der Opfer hat, konnte bisher nicht gefunden werden. Zwei benannte Frauen traten zurück, als man ihnen Befangenheit vorwarf, die letzte, die Rechtsanwältin Fiona Woolf, hatte soziale Kontakte mit dem ehemaligen Minister Leon Brittan.
Für „Nick“ hörte die neunjährige Folter auf, als eines Tages der Fahrer nicht aufkreuzte, um ihn am vereinbarten Ort abzuholen. Die Quäler waren verschwunden. Er sah sie nie mehr wieder.

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