Neuer Parteivorsitzender : Die SPD glaubt an Schulz - und an sich

Rational ist schwer zu erklären, wie Martin Schulz sein Parteivolk in Fahrt bringt - aber er inszeniert sich eindrucksvoll: "Jetzt ist Schulz". Wie ihr Kandidat die SPD zur Euphorie-Maschine macht.

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Was für ein Gefühl: 100 Prozent! Es gab von den Delegierten keine Gegenstimme gegen Schulz, hier mit der saarländischen Spitzenkandidatin Anke Rehlinger und seinem Vorgänger als SPD-Chef, Sigmar Gabriel.
Was für ein Gefühl: 100 Prozent! Es gab von den Delegierten keine Gegenstimme gegen Schulz, hier mit der saarländischen...Foto: Tobias Schwarz/AFP

Wahrscheinlich ist der offizielle Begriff „Parteitag“ nicht ganz ausreichend für das, was die 3.000 SPD-Delegierten und Zuhörer am Sonntag in Berlin-Treptow erleben. In Rockkonzerten gibt es diesen einen Moment, wenn die Stimmung ohnehin schon mächtig aufgeheizt ist, und alle darauf warten, dass die Band endlich ihren großen Knaller spielt.

Martin Schulz nähert sich diesem Moment in seiner Bewerbungsrede in der alten Fabrikhalle der „Arena“ nach einer Stunde und 16 Minuten. Und dann bringt er ihn, seinen „Greatest Hit“, der die Fans völlig aus dem Häuschen bringt. Es ist nur ein Satz. Er hat ihn schon öfter gesagt, aber jetzt hat er eine ganz besondere Wirkung: „Ich will, liebe Genossinnen und Genossen, der nächste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden.“

Es ist der letzte Satz seiner Bewerbungsrede um das Amt des Parteichefs und Kanzlerkandidaten, und auf die Genossen im Saal wirkt er wie eine Erlösung: Sie springen von ihren Sitzen auf, jubeln, pfeifen und klatschen minutenlang. Manche recken rote Schilder in die Höhe „Jetzt ist Schulz“, andere rufen „Martin, Martin“. Sein Ziel hat der Gabriel-Nachfolger erreicht: Die SPD glaubt an seinen Erfolg, die SPD glaubt aber auch wieder an sich.

Schulz wird von der SPD als Erlöser inszeniert

Nur rational ist schwer zu erklären, wie Schulz seit Wochen und auch an diesem Sonntag seine Parteifreunde in Fahrt bringt. Nicht umsonst und nur halbwegs in ironischer Absicht wird er von seinen größten Fans auch als „Messias“ oder „Gottvater“ gefeiert. Und auch die Parteitagsregie spielt mit der Erlöser-Metapher, wenn sie schon beim Einzug von altem und neuem Parteichef, von Sigmar Gabriel und Schulz, den Saal mit den Rockklängen des Lieds „Warten“ der Band von Klaas Heufer-Umlauf und Mark Tavassol in Stimmung bringt. Dessen erste Strophe heißt: „Wenn es dir schon schlecht geht, du nur noch verlierst, und keinen Ausweg mehr siehst, wenn du längst schon denkst, du schaffst das nicht allein, Weil du gar nichts mehr fühlst, dann komm ich.“

Man kann das überzogen finden oder sogar peinlich. Aber es funktioniert. Jetzt kommt eben Schulz, der eine an sich selbst verzagte Partei in wenigen Wochen in eine Euphorie-Maschine verwandelt hat. Und während er redet am Pult, das eingerahmt ist von Bänken, auf denen auf der einen Seite die erweiterte Parteiführung sitzt, auf der anderen einfache Genossen, während er also redet, wird deutlich, dass seine Zuhörer ihn einfach großartig finden wollen. Die brechen auch dann in Jubel aus, wenn er einen wirklich nicht besonders spektakulären Satz sagt wie: „Kunst und Kultur gehören in die Mitte der Gesellschaft.“

Rhetorisches Talent gehört auch dazu - und Emotionen

Der 61-Jährige demonstriert in seiner Rede wieder, wie man Zuhörer anspricht – eben nicht mit einem Katalog von Wahlkampfversprechungen aus dem Instrumentenkasten politischer Maßnahmen, sondern mit Gefühl. Immer wieder lässt er Menschen mit ihren Erfahrungen, ihren Belastungen und Wünschen auftreten – und erst daraus entwickelt er seine Versprechen. Respektvoll mit den Menschen umgehen, die vielen Abgehängten mit ihren Sorgen ernst zu nehmen, ihnen wieder eine Stimme in der Politik zu geben, das ist sein Versprechen.

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Schulz einstimmig zum neuen SPD-Chef gewählt
Schulz einstimmig zum neuen SPD-Chef gewählt

Wie lange kein Spitzen-Sozialdemokrat vor ihm, bedient er die Emotionen der Genossen – den Stolz auf die große Tradition, zu der auch der Widerstand gegen die Nationalsozialisten gehört, das Bekenntnis zu Zusammenhalt und Solidarität sowie der unbedingte Wille, die Welt zu einer besseren zu machen. Wer, wenn nicht wir, das ist sein Schlachtruf.

Die Reihen schließen, die Auseinandersetzung mit Pathos aufladen: Darum geht es Schulz in seiner Rede. Detaillierte Pläne oder konkrete Ansagen gibt es kaum. Neu ist, dass der Kandidat ein Konzept zur Familienarbeitszeit ankündigt, Beitragsfreiheit für jede Form von Bildung – auch die berufliche – verspricht und Investitionen des Bundes in der Schulsanierung und Schulsozialarbeit verlangt. Viel wichtiger ist Schulz‘ gefühliger Überbau. „Gerechtigkeit, Würde und ein neues Miteinander“, das ist sein Versprechen.

Mit Pathos spricht Schulz von Stolz und Anstand

Und wie immer seit Beginn des Schulz-Hypes führt der Kandidat auch seine eigene Geschichte ins Feld. „Ich bin das fünfte Kind einfacher und sehr anständiger Leute“, sagt er. Anstand – der Begriff soll den Anspruch glaubwürdig machen, für die „hart arbeitenden Menschen“ da zu sein. Aber das ist nicht alles. „Ich selbst war echt faul in der Schule und hatte nichts als Fußball im Kopf“, sagt er. „Fast wäre alles in meinem Leben schiefgegangen.“ Schulz weiß: Nicht nur in der SPD lieben sie Geschichten von Menschen, die nach Niederlagen wieder aufstehen.

Auch das erklärt, warum Schulz so starke Gefühle auslöst. Während er redet, ist jedem klar: Gleich wird der „Mann aus Würselen“ (Schulz über Schulz) bei der Wahl zum Gabriel-Nachfolger ein Spitzenergebnis holen. Aber als dann die saarländische Spitzenkandidatin Anke Rehlinger das tatsächliche Ergebnis verkündet, ist der Parteitag nicht mehr zu bremsen. 100 Prozent der abgegebenen Stimmen – ein historischer Rekord. „Ich glaube, dass dieses Ergebnis der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramtes ist“, ruft Schulz.

Gegenüber der „Arena“ macht sich die Junge Union über die Schulz-Euphorie lustig. Auf der Spree hat der CDU-Nachwuchs eine Barkasse vertäut mit einem großen Plakat und der Aufforderung: „Hey Gottkanzler, wenn du über’s Wasser gehen kannst, komm rüber.“ Vieles ist Schulz gelungen an diesem Tag. Das aber hat er dann doch nicht probiert.

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