Politik : Nichts läuft wie geschmiert

„Wir sitzen auf einem Ozean von Öl“, sagen die Schiiten in Saudi-Arabien, „und trotzdem ist alles schlecht“. Nun begehren sie auf.

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Saudische Schiiten vor einem Teehaus in Qatif im Osten Saudi-Arabiens. Zum Lachen ist ihnen derzeit selten zumute. Foto: Katharina Eglau
Saudische Schiiten vor einem Teehaus in Qatif im Osten Saudi-Arabiens. Zum Lachen ist ihnen derzeit selten zumute. Foto: Katharina...Foto: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

An der Tankstelle der Welt rumort es. Das saudische Innenministerium in Riad spricht „von einer neuen Form des Terrorismus“. Wieder lauerten in der Nacht zu Freitag maskierte Angreifer in der Stadt Qatif im Osten des Landes einer Polizeistreife auf und nahm sie unter Feuer. Drei Beamte wurden schwer verletzt. Drei Wochen zuvor hatten Attentäter die nahe gelegene Ölpipeline zum Verladehafen Ras-Tanura in die Luft gesprengt. Anfang Februar nutzten saudische Schiiten den Geburtstag des Propheten Mohammed zu einem Massenprotest gegen die Monarchie. „Lasst die politischen Gefangenen frei“, skandierten sie und „Schluss mit der Diskriminierung“. Gepanzerte Polizeifahrzeuge versperrten den Weg, Schüsse fielen. Zwei junge Leute starben, 14 wurden verletzt. Insgesamt sieben junge Männer wurden in den letzten Monaten bei Demonstrationen in der schiitischen Unruhestadt im Osten Saudi-Arabiens erschossen.

Seit Beginn des Arabischen Frühlings steigen die Spannungen in Qatif, schon immer die Hochburg schiitischer Unzufriedenheit im puritanisch-wahhabitischen Königreich. Im März 2011 zum Tag des Zorns gab es hier die einzigen größeren Demonstrationen in Saudi-Arabien – wenn auch nicht in den Dimensionen von Ägypten, Jemen oder Tunesien. „Das Volk will Menschenrechte“, stand auf den Plakaten. Für die hellhörigen sunnitischen Machthaber in Riad genug, um sofort hart durchzugreifen. Fast 500 Demonstranten wurden verhaftet, andere flogen von den Universitäten, verloren ihre Arbeit oder dürfen nicht mehr reisen. Und seitdem ist Qatif mit seinen 500 000 Bewohnern wieder durch Straßensperren abgeriegelt.

Denn für das saudische Innenministerium sind die Protestierer vom Ausland gesteuerte Kriminelle, gegen die man mit „eiserner Faust“ vorgehen werde. Auch gebe es „koordinierte Versuche, Aufruhr anzuzetteln“ – eine kaum verhüllte Anspielung auf die Islamische Republik Iran, dem regionalen Gegenspieler am gegenüberliegenden Ufer des Persischen Golfes. Für den seit 36 Jahren amtierenden Innenminister und neuen Kronprinzen Nayef waren die Schiiten im Osten schon immer eine fünfte Kolonne Teherans.

Wer heute in Qatif erfahren will, wo der Schuh drückt, braucht nicht lange zu suchen. Ein Dutzend Männer sitzt am Freitag schwatzend und Tee trinkend auf Holzbänken bei der Hassan Askari Moschee. Das Gotteshaus liegt unterhalb der 500 Jahre alten Festungsruine auf der Tarot-Insel, die von den Portugiesen erbaut wurde. „Unsere Bevölkerung lebt schon 2000 Jahre hier, wir sitzen auf einem Ozean von Öl und trotzdem ist alles schlechter bei uns“, sagen sie. Seit Generationen fühlen sich die saudischen Schiiten als Bürger zweiter Klasse – zu wenig gute Jobs, kaum Aufstiegschancen und zu wenig staatliche Investitionen. Dabei liegen alle wichtigen Ölanlagen im Osten Saudi-Arabiens, einer Region, wo zwei der drei Millionen Schiiten ansässig sind.

Tawfiq Alsaif gilt als wichtigster Vordenker des schiitischen Islams in Saudi-Arabien. Mehr als ein Jahrzehnt hat der Vater von sechs Kindern im Iran studiert, den Doktor machte er über „Islamische Demokratie und ihre Grenzen“ an der Westminster Universität in London. Seine soziologischen Analysen belegen, dass seit Gründung des saudischen Königreichs 1932 praktisch keine Schiiten in höchste politische und wirtschaftliche Ämter aufgestiegen sind. Das Gleiche gilt für die Führungsebenen von Polizei und Militär. Seit 1978 wurde kein Schiit mehr an einer saudischen Offiziersakademie aufgenommen. Und alle religiösen Richter sind Sunniten. Nach den Worten des 53-jährigen Intellektuellen hat König Abdullah zwar schon als Kronprinz das Problem anerkannt und Abhilfe versprochen. Geschehen aber ist bis heute wenig, auch wenn Abdullah den Bau schiitischer Moscheen sowie Ashura-Prozessionen in den Straßen wieder erlaubte.

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