Politik : Pakistan: Finger am atomaren Drücker

Gabriele Venzky

Das FBI hat nach Auswertung erster Spuren mitgeteilt, dass sich die Vermutungen über die Urheber der verheerenden Anschläge vom Dienstag zu bestätigen scheinen. "Wir haben Beweise, dass Anhänger Osama bin Ladens beteiligt waren", hieß es. Der meistgesuchte Top-Terrorist der Welt ließ von einem Versteck in Afghanistan die pakistanische Zeitung "Ausaf" provokativ wissen, er sei nicht in die Anschläge verwickelt, begrüße sie aber. Dann soll er hinzugefügt haben: Obwohl er nicht über Atombomben oder Raketen verfüge, habe er genügend muslimische Wissenschaftler an der Hand, "die ihre Kenntnisse gegen die Ungläubigen einsetzen werden". Das ist die offene Drohung, das nächste Mal mit einer weit tödlicheren Waffe zuschlagen zu wollen: der islamischen Bombe.

Schon seit geraumer Zeit ist genau dies der Alptraum westlicher Regierungen und ihrer Geheimdienste. Denn es bedarf gar nicht mehr des Einsatzes von Osama bin Ladens "Chemikern und Biologen". Die islamische Bombe gibt es bereits, und zwar gleich nebenan, in Pakistan. Schlimmer noch: Pakistan ist dabei, sich rapide in einen Taliban-Staat zu verwandeln, und die Fundamentalisten haben bereits ihren Finger am atomaren Drücker. Denn nicht nur haben längst die islamistischen Gruppen das Regiment im Lande übernommen, die Radikalen haben auch die alles entscheidende Institution unterwandert, die Armee. Der militärische Geheimdienst ISI war für den Aufbau der Taliban-Bewegung in Afghanistan verantwortlich und unterstützt deren Terror-Regime. Da ist selbst der Präsident Pervez Musharraf ohnmächtig, der sich vor zwei Jahren an die Macht geputscht hat und als aufgeklärter Muslim gilt. Mehr als 200 000 "Heilige Krieger", zumeist mit Afghanistan-Erfahrung, versammelten sich kürzlich zum jährlichen Treffen ihrer Dachorganisation Lashkar-e-Tayyba (Armee der Frommen), um für den Jihad zu trommeln. Ein gerade erlassenes Verbot der radikalsten dieser Gruppen durch den General wird sie kaum davon abhalten.

Nach den Terroranschlägen hat Musharraf den USA seine "volle Zusammenarbeit" im Kampf gegen den Terrorismus zugesagt. Der General gilt als letzte Hoffnung des Westens, die totale Islamisierung Pakistans abzuwenden. Nur er könne noch verhindern, dass die Atombombe in die Hände der Fundamentalisten gerät, meint man. Deshalb haben die westlichen Demokratien relativ milde auf seinen Putsch reagiert und sind weiterhin bereit, Pakistan mit Krediten über Wasser zu halten. Denn das Land ist total bankrott. Eine hemmungslose Korruption und die enormen Ausgaben für das Militär - die Entwicklung von Nuklearwaffen und Raketen eingerechnet - sind die Gründe dafür. Selbst die so genannten demokratischen Regierungschefs Benazir Bhutto und Nawaz Sharif haben die von Militärdiktator Zia ul-Haq eingeleitete Islamisierung des Landes aus machtpolitischen und wahltaktischen Erwägungen noch vorangetrieben.

Pakistan ist ein Staat mit über 140 Millionen und wie in Afghanistan überwiegend armen und unwissenden Menschen. Das ist der fruchtbarste Nährboden für jeden Fundamentalismus, ein radikales Sammelbecken, das kurz vor der Explosion steht. 40 000 Schulen fehlen im Lande. Dafür gibt es 60 000 vornehmlich von Saudi-Arabien finanzierte Koranschulen. Dort lässt man die Jungen und Männer den Koran auswendig lernen und bringt ihnen bei: "Der Weg zur Erlösung führt über das Schlachtfeld, das überall da ist, wo Muslime Gefahr laufen, vom Westen vernichtet zu werden." In diesen Koranschulen begann der Feldzug der Taliban, hier werden die Selbstmordattentäter rekrutiert, denen man einredet, ihr "Märtyrertum" sei der direkte Weg ins Paradies. In den afghanischen Ausbildungslagern für den Terrorismus sammeln sich Fanatiker aus der gesamten islamischen Welt. Diese Ausbildungslager werden zu großen Teilen von Osama bin Laden finanziert - und von Pakistan munitioniert.

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