75 Jahre Katyn : Ein aktuelles Verbrechen

75 Jahre Katyn: Thomas Urban und Claudia Weber ordnen in ihren Büchern den Massenmord geschichtspolitisch ein. Eine Rezension

Wolfgang Templin
Gedenkfeiern am 10 April 2015 in Katyn.
Gedenkfeiern am 10 April 2015 in Katyn.Foto: dpa

Katyn, der Name des kleinen westrussischen Ortes unweit von Smolensk, steht für den Versuch Stalins, im Frühjahr 1941 die polnische Führungsschicht auszulöschen. In Katyn wurden rund 4300 polnische Militärangehörige und Zivilisten erschossen, an weiteren Hinrichtungsplätzen im Norden Russlands und der Ukraine über 15 000. Katyn war der erste Ort, an dem die geheim gehaltenen Massengräber entdeckt wurden, und gab dem gesamten monströsen Verbrechen seinen Namen.

Stalin konnte sich das damalige Ostpolen einverleiben

Die Osteuropahistorikerin Claudia Weber und Thomas Urban, der langjährige Osteuropakorrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, stellen in ihren Büchern die Morde im Frühjahr 1940 in den Kontext des Hitler-Stalin-Paktes vom August 1939. Dieser Nichtangriffs- und Freundschaftspakt ermöglichte es Hitler am 1. September1939 mit dem Überfall auf Polen, den zweiten Weltkrieg vom Zaun zu brechen. Während die deutsche Wehrmacht mit überlegenen militärischen Kräften auf Warschau vorrückte, konnte sich Stalin, durch die in den geheimen Zusatzprotokollen festgehaltenen Vereinbarungen, das damalige Ostpolen einverleiben. Unter dem Vorwand, die belarussischen und ukrainischen Landsleute zu schützen, überfielen am 17. September 1939 sowjetische Truppen ohne Kriegserklärung Ostpolen. An der vereinbarten Demarkationslinie trafen sich deutsche und sowjetische Truppen und hielten eine gemeinsame Siegesparade ab. Hunderttausenden gefangen genommenen polnischen Soldaten, aber auch Zivilisten stand in den sowjetisch besetzten Gebieten die Deportation in die Tiefen Sibiriens bevor. Polnische Generäle, Offiziere und Akademiker wurden zunächst in mehrere Lager im europäischen Teil Russlands gebracht.
In der Auswertung älterer und auch neuer Archivmaterialien, Augenzeugenberichte, Dokumentationen und Analysen rekonstruieren Claudia Weber und Thomas Urban das Zustandekommen der Mordbefehle, die im März 1940 an der Spitze des sowjetischen Politbüros von Stalin persönlich gefällt wurden. Der Befehl wurde nur von drei Mitgliedern des Politbüros gegengezeichnet und zählte neben den geheimen Zusatzprotokollen zum Hitler-Stalin-Pakt bis über das Ende der Sowjetunion hinaus zu den am strengsten gehüteten Staatsgeheimnissen.

Zynische und unmoralische Politik

Beide Autoren begrenzen sich nicht auf die Vorgeschichte und die Umstände der Morde, die Verantwortlichen und die unmittelbaren Täter. Sie spüren der mit riesigem Aufwand konstruierten und jahrzehntelang durchgehaltenen sowjetischen Geschichtslüge nach, dass nicht die Erschießungskommandos des NKWD, sondern die ab Sommer 1941 in Sowjetunion eingefallenen Deutschen die polnischen Offiziere auf dem Gewissen hätten. Nach den ersten Leichenfunden im Wald von Katyn durch Angehörige der dort stationierten deutschen Heeresgruppe im Winter 1943, setzt die Goebbels-Propaganda alle Hebel in Bewegung, die Mordtaten der „bolschewistischen Untermenschen“ zu dokumentieren. Internationale Ärztekommissionen werden organisiert, Polen zu den Gräbern ihrer Angehörigen gebracht. Die sowjetische Seite weist alle Schuld von sich und lässt nach ihrem erneuten Vormarsch die Gräberfelder manipulieren. Der angebliche Todeszeitpunkt der Opfer wird vom Frühjahr 1940 auf den Spätsommer 1941 verlegt. So offenkundig zahlreiche Manipulationen und Fälschungen waren, so sehr konnte Stalin auf die stillschweigende Akzeptanz seiner monströsen Geschichtsfälschung durch die Westalliierten zählen. Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt sahen in Stalin einen unverzichtbaren Kriegsverbündeten. Eine in den Augen der Polen zynische und unmoralische Politik beließ nicht nur die Verbrechen von Katyn im Dunkeln, sondern verhalf Stalin in den Konferenzen von Teheran, Jalta und Potsdam dazu, seinen Machtanspruch auf halb Europa auszudehnen.

Tabu und Täuschung

Das flüssig geschriebene und umfangreich recherchierte Buch von Thomas Urban folgt dem Schicksal der Katyn-Lüge in den Jahren der Nachkriegszeit und den Jahrzehnten des Kalten Krieges und beschreibt die Isolierung der polnischen Exilregierung, die an ihrer Forderung nach Aufklärung und Bestrafung der Schuldigen festhält. Es wird ein politischer Thriller, wenn er der sowjetischen Strategie nachgeht, unbequeme Zeugen zu verfolgen und auszuschalten, diplomatische Manöver einzusetzen und in allen politischen Krisen auf die Differenzen im Westen zu zählen. Im Ostblock regieren Tabu und Täuschung und selbst in den Jahren von Glasnost und Perestroika versteckt Michail Gorbatschow die Wahrheit im Panzerschrank des Generalsekretärs.

Thomas Urban: Katyn 1940 – Geschichte eines Verbrechens. C.H. Beck, München 2015. 249 Seiten, 14,95 Euro.
Thomas Urban: Katyn 1940 – Geschichte eines Verbrechens. C.H. Beck, München 2015. 249 Seiten, 14,95 Euro.Foto: C.H.Beck


Es blieb seinem Nachfolger Boris Jelzin vorbehalten, wesentliche Teile der Akten und auch den entscheidenden Mordbefehl selbst an die Öffentlichkeit zu bringen. Ein Eingeständnis von Schuld und Verantwortung war damit noch lange nicht verbunden. Als Donald Tusk, der damalige polnische Premierminister, und Wladimir Putin am 7. April 2010 zusammen der Opfer von Katyn gedachten, sah es so aus, als könnten Schritte zu einer Versöhnung folgen. Eine erneut nationalistisch aufgeladene und die alten Sowjetmythen wiederbelebende Geschichtspolitik von Wladimir Putin bewirkt jetzt das Gegenteil.

Claudia Weber: Krieg der Täter – die Massenerschießungen von Katyn. Hamburger Edition, Hamburg 2015. Seiten, 35 Euro.
Claudia Weber: Krieg der Täter – die Massenerschießungen von Katyn. Hamburger Edition, Hamburg 2015. Seiten, 35 Euro.Foto: Hamburger Edition

Claudia Weber, Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Europa- Universität in Frankfurt (Oder), verfolgt einen ähnlichen Weg wie Thomas Urban, fügt aber noch eine entscheidende geschichtsreflexive Ebene ein. Sie beschreibt die immer stärkere Wirkung eines mit Katyn verbundenen Opfermythos. Eines Mythos, der im Schicksal der Opfer seine Berechtigung hat, der aber, wie sie schreibt, „zu einem transnationalen Opfermythos der osteuropäischen Nationenbildung herangewachsen“ ist. Weber setzt sich damit auseinander, wie der Katyn-Mythos im polnischen Kontext zur geschichtspolitischen Waffe werden konnte. Am 10. April 2010 wollten der damalige polnische Staatspräsident Lech Kaczynski und über 90 Mitglieder der militärischen und zivilen Führungsspitze des Landes an einer in Konkurrenz zur Veranstaltung von Tusk mit Putin anberaumten Trauerfeier für die Opfer von Katyn teilnehmen. Unter dem Druck der Mitarbeiter des Präsidenten setzte die Besatzung der Präsidentenmaschine trotz extrem dichten Nebels zur Landung auf dem Militärflughafen von Smolensk an. Es kam zum Absturz der Maschine, für den nach allen bisherigen Erkenntnissen die Besatzung der Maschine die Verantwortung trug und die russischen Fluglotsen eine Mitverantwortung trifft. Das tragische Unfallgeschehen ist bis heute Gegenstand zahlreicher Verschwörungstheorien und wurde von Jaroslaw Kaczynski und Anhängern der nationalkonservativen Rechten als Attentat eingestuft. Sie bauten am Mythos eines „Katyn-2“, der die innenpolitischen Grabenkämpfe verschärfte und unterminieren damit die Bemühungen um ein gesamteuropäisches Geschichtsnarrativ, in dem die realistische Erinnerung an Katyn ihren angemessenen Platz finden könnte.

Thomas Urban: Katyn 1940 – Geschichte eines Verbrechens. C.H. Beck, München 2015. 249 Seiten, 14,95 Euro.
Claudia Weber: Krieg der Täter – die Massenerschießungen von Katyn. Hamburger Edition, Hamburg 2015. Seiten, 35 Euro.

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