Briefe aus dem Zweiten Weltkrieg : Der Verlust der Menschlichkeit

Der Mensch ist im Krieg zu vielem fähig: Zwei neu erschienene Bücher erzählen unterschiedliche Geschichten, wie mit dem Alltag des Zweiten Weltkriegs umgegangen wurde.

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Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der "Kanzlei des Führers", Martin Bormann (l.), begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg, wo Oberst Stauffenberg am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete, mit der Absicht Hitler zu töten (Archivfoto vom 20.07.1944). Als am 20. Juli 1944 gegen 12.50 Uhr der Sprengsatz in der "Wolfsschanze" detoniert, ging Claus Schenk Graf von Stauffenberg vom Tod des Diktators aus. Für den Attentäter schien das größte Hindernis für den Sturz der Nazis beseitigt. Doch vor Tagesende war "Operation Walküre" gescheitert. Hitler überlebte den Anschlag, Stauffenberg wurde hingerichtet.
Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der "Kanzlei des Führers", Martin Bormann (l.), begutachten die...Foto: picture alliance/dpa

Dem Bomberpiloten Georg F. gefällt es, jede Nacht das belagerte Leningrad anzugreifen. „Ich freue mich riesig darüber, denn mir macht das Spaß“, schreibt er im Herbst 1941. „So manche Nacht hing ich mit meiner guten Heinkel 111 im stärksten Scheinwerferlicht u. Flakfeuer. Aber meine Bomben haben ihr Ziel noch nie verfehlt. Mancher russische Bahnhof ist schon in die Luft geflogen.“ Er ist 25, als er das seiner Schwester schreibt. Zwei Monate später stirbt er beim Abschuss seines Flugzeugs.

Georg F.s Schreiben, abgedruckt im Sammelband „Liebste Schwester, wir müssen hier sterben oder siegen“, ist ein erschütterndes Dokument. Erschütternd, weil der junge Soldat gar nicht erschüttert ist vom Krieg. Damit steht er nicht allein, viele Briefe sind im nassforschen „Wochenschau“-Ton formuliert, nur die Siegesfanfaren fehlen. Die Opfer der Bomben und Maschinengewehre werden oft entweder verschwiegen oder verhöhnt. Fritz P. nennt „Juden und Kommissare“ „Bestien“ und freut sich, dass der ukrainische Selbstschutz unter ihnen „so aufräumt, dass man bald keinen von ihnen mehr sieht“. Kurt S. beschwert sich gegenüber Frau und Tochter über die Lebensmittelpreise in der polnischen Stadt Siedlce („ein Glas Bier 1,50 Mark“) und bemerkt dann lakonisch über russische Kriegsgefangene: „Jeden Tag gehen 50 bis 60 kaputt.“

„Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“

Die französische Historikerin Marie Moutier, die knapp hundert Briefe zusammengestellt hat, will die Menschlichkeit der Soldaten deutlich werden lassen. Nicht um sie sympathisch zu zeichnen, sondern um zu zeigen, „wozu ein Mensch im Krieg fähig ist“. Einen ungefilterten Blick in die Psyche von Armeeangehörigen haben bereits Sönke Neitzel und Harald Welzer mit ihrem Buch „Soldaten“ vermittelt, das auf heimlich mitgeschnittenen Gesprächen aus Kriegsgefangenenlagern beruht. Doch die nun veröffentlichten Briefe, in denen auch Massaker an Juden oder Rotarmisten erwähnt werden, sind in größerer Unmittelbarkeit entstanden. Sie stammen aus der Sammlung des Museums für Kommunikation in Berlin, die 16 000 Kriegsbriefe umfasst. Allerdings entstanden die Schreiben unter Zensurbedingungen. Defätismus war verboten, Orts- und Truppenangaben wurden oft verschleiert.

Schwer zu sagen, was zuerst da war, die Rohheit der Sprache, in der manche Briefe gehalten sind, oder die Rohheit der Taten, von denen sie erzählen. Über die Exekution eines Juden, angeblich ein Partisan, in der Ukraine schreibt Feldwebel Heinz R. im Juni 1941 an seine Frau: „Kurz darauf hörte ich einige Pistolenschüsse.“ Der nächste Satz lautet: „Die Nacht schlief ich im LKW sehr gut.“ Das Nebeneinander von Barbarei und Behaglichkeit gehört zu den Kennzeichen auch dieses Krieges. Doch es gibt immer wieder anrührende Szenen. So schreibt der Obergefreite Rudolf K. von seinen Tagträumen beim Wacheschieben: „In Gedanken habe ich dann Reinhold in der Hand, zeige ihm die Stellungen und erkläre ihm so manches.“ Einige Wochen später fällt er. Wolfgang A. versichert am 6. Juni 1944, dem D-Day, seinen Eltern: „Macht euch keine Sorgen; denn es wird schon gut gehen. Lieber dies, als in Russland kämpfen.“ Er ist erst 17 und stirbt bei der Heckenschlacht in der Normandie, die ihren Namen Wallhecken aus keltischer Zeit verdankt.

Kurz nachdem Wolfgang A. stirbt, entscheidet sich auch das Schicksal von Hans von Dohnanyi. Der Jurist, der sich an Henning von Tresckows gescheitertem Attentat in Hitlers Flugzeug beteiligt hatte, war nach einer Denunziation im März 1943 wegen „Hoch- und Landesverrats“ verhaftet worden. Zusammen mit seinem Vorgesetzten Hans Oster von der Abwehr-Abteilung des Oberkommandos der Wehrmacht gehörte er zu den wagemutigsten und effizientesten Regimegegnern. Joachim Fest nannte ihn den „Mittelpunkt“ des militärischen Widerstands. Als Dohnanyi Anfang 1944 von den Attentatsplänen des 20. Juli erfährt, malt er sich in einem Aquarell als Heiligen Georg im Kampf mit einem Drachen, der Hitler verkörpert. Darunter: „Honi Soit Qui Mal Y Pense“ – ein Schelm, wer Böses dabei denkt“.

Um den Beginn seines Gerichtsverfahrens zu verzögern, infiziert er sich absichtlich mit Diphtherie

„Ich benutze meine Krankheit als Kampfmittel“, schreibt Dohnanyi in einem Kassiber an seine Frau. „Zeitgewinn ist die einzige Lösung. Ich muss sehen, verhandlungsunfähig zu werden.“ Die Zeilen finden sich in einer mustergültigen Edition, die neben Dohnanyis Briefen auch die aus der Haft geschmuggelten Mitteilungen enthält. Anfangs werden die Kassiber in Wäsche- und Lebensmittelbehältern herausgeschafft, später markiert er Buchstaben in Büchern, die er seiner Frau nach der Lektüre zurückgibt. Dohnanyi leidet an Venenentzündungen, die im Gefängnis nur mit Schmerz- und Schlaftabletten bekämpft werden, eine Hirnembolie führt zu Lähmungen und Sprachstörungen, was er lakonisch kommentiert: „Nun muss ich eben von vorn anfangen.“ Um den Beginn seines Gerichtsverfahrens zu verzögern, infiziert er sich absichtlich mit Diphtherie.

In Hans von Dohnanyis Briefen zeigt sich, wie sein Sohn Klaus im Nachwort bemerkt, dass Mut „kein Gegensatz zur Empfindsamkeit des Herzens“ sein muss. Seine Frau Christine, Schwester des Mitverschwörers Dietrich Bonhoeffer, überschüttet Dohnanyi geradezu mit Liebesbekundungen. Er schreibt Gedichte, bekundet, dass er nicht vom „Zweifler“ zum „Menschenfeind“ werden möchte, und gibt sich gegenüber den drei Kindern optimistisch: „Es geht alles vorüber.“

Die Briefe werden von einem Zensor mitgelesen, deshalb kommt Politisches bloß andeutungsweise vor, etwa in der Parole „Mit unserer Kraft ist nichts getan!“. War das nicht das Problem von Deutschland, zu viel Kraft? Oft gehen Dohnanyis Gedanken zurück zu glücklichen Tagen, zu seiner Verlobung oder Abendgesprächen in der Familienvilla in Potsdam-Sacrow. Oft drehen sie sich im Kreis.

Eine Zeit lang sieht es so aus, als ob das Hochverratsverfahren mangels Beweisen eingestellt werden müsste. Verzweifelt ermittelt der Ankläger nun wegen Betrugs und Devisenvergehen. Dann explodiert Stauffenbergs Bombe und mit ihr zerplatzen Dohnanyis Hoffnungen. Im September 1944 entdecken die Gestapo-Fahnder in einem Safe des Oberkommandos des Heeres in Zossen Umsturzpläne, die von ihm abgezeichnet wurden. Himmler hält den Spitzenjuristen nun für das „geistige Haupt“ der Verschwörung. Hans von Dohnanyi wird am 9. April 1945 im KZ Sachsenhausen hingerichtet, am selben Tag, an dem im KZ Flossenburg Wilhelm Canaris, Hans Oster und Dietrich Bonhoeffer sterben. Weil er gelähmt ist, erhängt man ihn von der Bahre aus.

Marie Moutier (Hg): „Liebste Schwester, wir müssen hier sterben oder siegen.“ Briefe deutscher Wehrmachtssoldaten 1939-45. Blessing, München 2015. 384 S., 22,99 €.
Winfried Meyer (Hg): Hans von Dohnanyi. Verschwörer gegen Hitler. „Mir hat Gott keinen Panzer ums Herz gegeben.“ Briefe aus Militärgefängnis und Gestapohaft 1943- 1945. DVA, München 2015. 352 S., 24,99 €.

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