Vertrag von Versailles : Der misslungene Frieden

In ihrem lesenswerten Buch weist Margaret MacMillan zu Recht darauf hin, dass in Versailles nicht nur über Deutschland verhandelt wurde. Eine Rezension

Herfried Münkler
Die „Großen Drei“. Lloyd George, Georges Clemenceau und Woodrow Wilson (von links) 1919 in Versailles.
Die „Großen Drei“. Lloyd George, Georges Clemenceau und Woodrow Wilson (von links) 1919 in Versailles.Foto: Imago

In Deutschland ist der große Friedenskongress in Paris, der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eine neue politische Ordnung begründen sollte, nur als der Friedensvertrag von Versailles bekannt. Tatsächlich sind 1919 in Paris aber eine ganze Reihe von Friedensverträgen geschlossen worden, und auch um die geht es der kanadischen Historikerin Margaret MacMillan in ihrem Buch über einen Friedenskongress, der die Welt verändern sollte, dem es aber nicht gelungen ist, einen stabilen und allseits akzeptierten Frieden zu schaffen. Nach der Lektüre dieser detaillierten Darstellung des sechsmonatigen Verhandlungsmarathons kommt man zu dem Schluss, dass das auch kaum möglich war, wenngleich manches hätte besser gemacht werden können. Das Bemerkenswerte, ja geradezu Aufregende an MacMillans Darstellung, 2001 erstmals im englischen Original erschienen, ist jedoch, dass nicht der mit den Deutschen in Versailles geschlossene Vertrag, sondern die Verträge zur Neuordnung des mittel- und südosteuropäischen Raums sowie des Vorderen Orients bis in die Gegenwart hineinreichen. Allein deswegen lohnt die Lektüre dieses Buches.

Einen Hitler hätte auch ein großzügigerer Frieden nicht besänftigen können

Die in Versailles den Deutschen auferlegte Last, so MacMillans zusammenfassendes Urteil, sei keineswegs so schwer gewesen, dass die Weimarer Republik zwangsläufig an ihr hätte scheitern müssen. Das mag wohl sein, zumal Deutschland bis 1932 nur einen Teil der ihm auferlegten Reparationen gezahlt hatte und angesichts des angloamerikanischen Interesses an einem wirtschaftlich wieder auf die Beine gekommenen Deutschland wohl auch nicht hätte weiter zahlen müssen. Und was die Bevölkerungsverluste und Gebietsabtretungen anbetrifft, verweist MacMillan darauf, dass diese bei den drei Großreichen, der Donaumonarchie, dem russischen Zarenreich und dem Osmanischen Reich, sehr viel größer gewesen seien. Das ist richtig, nur handelte es sich hier auch nicht um politische Gebilde, die sich als Nationalstaat begriffen, sondern um multinationale Imperien, in denen die Zusammengehörigkeitsvorstellungen der Bevölkerung sehr viel schwächer oder überhaupt nicht ausgebildet waren. Einen Hitler, der auf einen räuberischen Eroberungskrieg aus war, schreibt MacMillan, hätte auch ein für Deutschland großzügigerer Frieden in Versailles nicht besänftigen können. Das mag sein, aber er hätte vermutlich dazu geführt, dass dieser Hitler in Deutschland nicht an die Macht gekommen wäre. Die Passagen über den Friedensvertrag mit Deutschland gehören zu den schwächeren Teilen von MacMillans Darstellung.

Ganz anders stellt sich die Lektüre des Buches jedoch dar, wenn man dessen Gesamtperspektive einnimmt und die Fülle der offenen Fragen Revue passieren lässt, mit denen die Friedensmacher konfrontiert wurden und über die sie sich bis an die Grenze des Scheiterns gestritten haben. Das beginnt bei der Frage, was in Paris eigentlich erreicht werden sollte: Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson war angereist, um eine neue Weltordnung zu schaffen, in der demokratische Staaten einen dauerhaften Frieden sichern würden. Der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau dagegen wollte einen Frieden, der Frankreich gegen Deutschland sicherte, und daneben waren alle anderen Fragen für ihn zweitrangig. Die Briten als dritte große Siegermacht standen irgendwo in der Mitte, und Premierminister David Lloyd George fiel die Aufgabe zu, zwischen amerikanischen Prinzipien und französischen Interessen zu vermitteln. Großbritannien selbst war daran interessiert, dass die Weltwirtschaft wieder in Gang kam, deren Organisator und Profiteur es in den Jahrzehnten vor dem Krieg gewesen war; außerdem ging es ihm um die politische Zähmung Deutschlands, die Verhinderung einer französischen Hegemonie in Europa und die Sicherung der Seewege zwischen den Britischen Inseln und Indien. Allein die „Großen Drei“ hatten hinreichend Stoff für Dissens und Streit.

Also bekamen die Japaner Kiautschou

Es kamen aber noch die Italiener hinzu, die in die Reihe der verhandlungsführenden Siegermächte aufgenommen worden waren und diese Position dazu nutzten, ihre ausufernden Gebietsansprüche zur Geltung zu bringen: auf Tirol bis zum Brennerpass, auf Teile der Italien gegenüberliegenden Adriaküste und auf strategische Positionen in der Ägäis und an der kleinasiatischen Küste. Es war klar, dass dies mit dem von Wilson proklamierten Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht in Einklang zu bringen war. Und dann waren da noch als fünfte verhandlungsführende Siegermacht die Japaner, denen es vor allem darum ging, dass der deutsche Kolonialbesitz Kiautschou an Japan fiel. Das aber widersprach den Interessen Chinas, das 1917, als es auf der Seite der Entente in den Krieg eingetreten war, eine Million Arbeiter nach Frankreich geschickt hatte, die zu Schanz- und Befestigungsarbeiten eingesetzt wurden und so französische Soldaten für den Fronteinsatz freigemacht hatten. Am Schluss setzten sich die Japaner durch, denn sie hatten ein Druckmittel, das Wilson, der eigentlich chinafreundlich und gegen Kolonialpolitik eingestellt war, zum Einlenken zwang: Sie forderten die Aufnahme einer Passage über die Gleichheit der Rassen in die Völkerbundsatzung. Das machte dem Südstaatler Wilson Probleme und war für die europäischen Kolonialmächte inakzeptabel. Also bekamen die Japaner Kiautschou dafür, dass sie auf den Passus zur Rassengleichheit verzichteten.

Auch sonst war es mit der Respektierung des Selbstbestimmungsrechts der Völker nicht weit her: dass es im Elsass eine Volksabstimmung über die Zugehörigkeit zu Deutschland oder Frankreich geben würde, war ebenso undenkbar wie in Südtirol. Hier mussten die Wilson’schen Prinzipien gegenüber den Interessen der Siegermächte hintanstehen. Und auf dem Balkan und in Ostmitteleuropa, wo sich eine gemischte Siedlung der nationalen oder ethnischen Gruppen entwickelt hatte, war das Selbstbestimmungsrecht der Völker kein praktikables Entscheidungsprinzip. Dementsprechend ging der Krieg hier zeitweise weiter, und es kam nicht von ungefähr, dass von den neu entstandenen Staaten dieses Raumes Mitte der 1930er Jahre alle – mit Ausnahme der Tschechoslowakei – Militärdiktaturen waren. Die Zentrifugalkräfte innerhalb dieser neuen Staaten mit ihren zahlreichen nationalen Minderheiten und ihren ungelösten sozialen Problemen waren zu groß, als dass sie mit demokratischen Mitteln bearbeitet werden konnten.

Wir stellen uns die Siegermächte des Ersten Weltkriegs als mächtige Akteure vor

Noch schwieriger war die Neuordnung des Nahen Ostens, nachdem sich Franzosen, Briten und Russen 1916 bereits auf Einflusszonen geeinigt, gleichzeitig ihren verschiedenen Bündnispartnern aber Zusagen gemacht hatten, die mit diesen Einflusszonen unvereinbar waren. Die hier geschaffene Ordnung entsprach am wenigsten den Wilson’schen Grundsätzen und wurde am stärksten durch die herkömmliche europäische Machtpolitik geprägt. Wer heute, da die dortige Ordnung wieder einmal zur Disposition steht, im Vorderen Orient als pazifizierende Macht tätig werden will, tut gut dran, sich MacMillans Darstellung der Probleme, Widersprüche und Verwerfungen bei der Neuordnung dieses Raumes anzuschauen.

Margaret MacMillan: Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte. Aus dem Amerikanischen von Klaus-Dieter Schmidt. Propyläen Verlag, Berlin 2015, 736 Seiten, 34 Euro.
Margaret MacMillan: Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte. Aus dem Amerikanischen von Klaus-Dieter...Foto: Propyläen

Wir stellen uns die Siegermächte des Ersten Weltkriegs als mächtige Akteure vor – und in mancher Hinsicht waren sie das auch. Aber in vieler Hinsicht waren sie es auch nicht, denn sie waren entweder durch den langen Krieg erschöpft, wie die Europäer, oder nicht bereit und willens, ihre Ordnungsvorstellungen notfalls auch in weiteren Kriegen durchzusetzen, wie die Vereinigten Staaten. So kam zu der Reihe fauler Kompromisse noch eine indifferente Haltung gegenüber vielen Problemen hinzu, deren Lösung man dem Lauf der Geschichte überließ. In einigen Fällen war das klug, in anderen Fällen wurde es zum Auftakt für den nächsten Weltkrieg. Der Friedensvertrag von Versailles ist heute Geschichte, weil die deutsch-französische Aussöhnung das zentrale Problem gelöst hat. Aber viele andere in Paris verhandelte Fragen stehen wieder auf der politischen Tagesordnung – vom Balkan bis zum Kaspischen Meer, von der Levante bis zum Jemen. Das macht MacMillans Darstellung so aufregend aktuell.

– Margaret MacMillan: Die Friedensmacher. Wie der Versailler Vertrag die Welt veränderte. Aus dem Amerikanischen von Klaus-Dieter Schmidt. Propyläen Verlag, Berlin 2015, 736 Seiten, 34 Euro.

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