Völkermord an den Armeniern : Keine Heimkehr

Die Turkologin und Historikerin Corry Guttstadt hat einen Sammelband zum literarischen Umgang mit dem Völkermord an den Armeniern herausgegeben. Eine Rezension

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Eine Gruppe armenischer Flüchtlinge aus dem osmanischen Reich sitzt 1915 in Syrien auf dem Boden. Foto: Library of Congress/dpa
Eine Gruppe armenischer Flüchtlinge aus dem osmanischen Reich sitzt 1915 in Syrien auf dem Boden. Foto: Library of Congress/dpaFoto: dpa

Deutsche Schriftsteller wie Armin T. Wegner, Franz Werfel oder Edgar Hilsenrath sind einem gebildeten Lesepublikum noch geläufig. Alle drei haben sich mit dem Völkermord an den Armeniern literarisch befasst. Aber wer hat schon einmal etwas von Jacques Der Alexanian gehört? Der armenisch- französische Schriftsteller veröffentlichte in Frankreich zwischen 1988 und 2001 eine Trilogie über Armenien, die den deutschen Leser bis heute nicht erreicht hat. Durch diese Bücher kam Wolfgang Gust, ehemaliger „Spiegel“-Redakteur, auf sein Lebensthema. Gust verfasste die ersten Grundlagenwerke zum Thema in Deutschland: 1993 erschien „Der Völkermord an den Armeniern“, 2005 folgte die voluminöse Dokumentensammlung, die die Beteiligung Deutschlands deutlich machte.

"Sie murmelt etwas, vielleicht eine Wehklage"

Corry Guttstadt hat Passagen aus dem Notizbuch des Vaters von Jacques Der Alexanian zum Abdruck gebracht. Darin wird das Leben armenischer Bauern in einem Dorf Ostanatoliens in den Jahren vor dem Völkermord geschildert. Die Entdeckung in Guttstadts Anthologie sind die vielen unbekannten Schriftsteller mit armenischen Wurzeln. Die Herausgeberin ist Turkologin und Historikerin, viele der Texte hat sie erstmals aus dem Türkischen oder Armenischen ins Deutsche übersetzt.

Da ist zum Beispiel Chavarche Nartouni (1898–1968), der mit 16 Jahren deportiert wurde und als Einziger seiner Familie zurückkehrte. 1923 emigrierte er nach Frankreich und veröffentlichte dort eine autobiografische Erzählung, die auf seinen Tagebuchnotizen beruhte: „Da kommt der Befehl zum Aufbruch“, notiert er im August 1915. „Meine Mutter steht auf … und schließt, warum weiß ich nicht, die Tür unseres Hauses mit dem Schlüssel ab. Dann bekreuzigt sie sich, sie küsst Tür und Wände, sie breitet die Arme aus, als ob sie sie an sich drücken will, als ob sie ihr Haus umarmen und küssen will. Ich sehe, dass sie weint, sie murmelt etwas, vielleicht eine Wehklage.“

Verantwortung der Deutschen

Oder Pailadzo Captanian, die durch verschiedene Zufälle mit dem Leben davonkam. „Ist es möglich, die Hölle unseres Todesmarsches zu beschreiben?“, fragte sie und gab später zur Antwort: „Nein … Allein die Opfer können in ihren Erinnerungen das nachvollziehen, was auf immer unbeschreibbar bleiben wird.“ In ihren Erinnerungen schildert Captanian die Erschießungen und Vergewaltigungen, spricht von Massengräbern, Raub, dem Todesgeruch, von Karren voller Kinder, mehr tot als lebendig. „Arme Kinder Armeniens! Wie eure Eltern wurdet ihr Opfer einer von Deutschland erdachten Vernichtungspolitik, die türkische Grausamkeit so gut in die Tat umsetzte.“ Die Verantwortung der deutschen Politik ist bis heute ein Tabu.

Umrisse einer armenischen Bibliothek werden in dieser Anthologie sichtbar, von der das deutsche Lesepublikum bisher kaum eine Ahnung hatte. Augenzeugenberichte, Tagebücher, Erzählungen – reichhaltiges Material für deutsche Verleger, die die erwähnten und zitierten Zeugnisse als eigenständige Publikation ins Deutsche übertragen lassen könnten. Daneben beeindrucken historische Fotos, die die untergegangene Kultur der Armenier dokumentieren. Auf Übersichtskarten sind Lebensorte und Todesorte verzeichnet.

Den Titel des Buchs entlieh die Herausgeberin Guttstadt einem Zitat von Armin T. Wegner. „Dies ist ein Weg, von dem es keine Heimkehr gibt“, notierte der Schriftsteller im November 1915 in seinem Notizbuch. Als Sanitätsoffizier im Osmanischen Reich war er Augenzeuge des Völkermords an den Armeniern.Vom Historiker Hans-Lukas Kieser ist ein Aufsatz vorangestellt, der die Ereignisse äußerst differenziert, aber leider auch sprachlich schwer verdaulich einordnet. Und warum der Historiker die Vertreibung mit dem hübschen Wort „Verschickung“ ummäntelt, bleibt sein Geheimnis.


Corry Guttstadt (Hg.): Wege ohne Heimkehr. Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen. Eine literarische Anthologie. Verlag Assoziation A, Berlin 2014. 204 Seiten, 19,80 Euro.

Corry Guttstadt (Hg.): Wege ohne Heimkehr. Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen. Eine literarische Anthologie. Verlag Assoziation A, Berlin 2014. 204 Seiten, 19,80 Euro.
Corry Guttstadt (Hg.): Wege ohne Heimkehr. Die Armenier, der Erste Weltkrieg und die Folgen. Eine literarische Anthologie. Verlag...Foto: Assoziation A

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