Wladimir Putin : Von Anbiederung bis Abrechnung

Seipel, Gorbatschow, Kasparow, Gannuschkina: ganz verschiedene Perspektiven auf Russlands Präsidenten. Literatur-Überblick und eine Lesung an diesem Donnerstagabend.

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Wladimir Putin.
Wladimir Putin.Foto: dpa

Am Abend seiner Rückkehr in den Kreml erfüllt Wladimir Putin sich einen Kindheitstraum. Im Eishockey tritt der alte und neue Präsident gegen die besten Spieler aus Sowjetzeiten an. „Er darf gewinnen und zwei Tore schießen“, schreibt Hubert Seipel. Der Filmemacher hat Putin für eine Dokumentation lange begleitet. „Der Film war der Beginn meiner Beziehung zum russischen Präsidenten“, betont Seipel nicht ohne Stolz. Die beiden treffen sich regelmäßig. Seipel will „Innenansichten der Macht“ liefern. Die Russlandberichterstattung der deutschen Medien hingegen sieht er kritisch. „Extrem viel Kaffeesatzleserei“ sei dabei, „Kremlinologen“ stellten Theorien auf, „ohne eigenen Zugang zum Machtzirkel zu haben“. Putin werde nach dem Ukraine-Konflikt als „Inkarnation des Bösen“ dargestellt. Dieser Berichterstattung setzt Seipel „den genuinen Blickwinkel Wladimir Putins“ entgegen. Doch die behauptete oder gefühlte Nähe tut dem Buch keineswegs gut.

„Sie feiern und trinken“

Der Autor kommt der Person, über die er schreibt, gedanklich so nahe, dass alles andere drumherum verschwimmt. Was nicht ins Bild passt, blendet er aus oder betrachtet es aus der Kreml-Sicht. Als Zehntausende 2012 gegen Putin auf die Straße gehen, merkt Seipel an, ihre Forderungen – sie wollten Neuwahlen – seien „radikal und illusionär“. Er behauptet auch, im Bundeskanzleramt mache der Begriff „regime change“ die Runde – und suggeriert damit, dort würde insgeheim auf einen Machtwechsel in Moskau hingearbeitet. Das Grundproblem des Buches besteht darin, dass Seipel ein „Putin-Versteher“ ist, ohne Russland-Kenner zu sein. So ist es nicht ohne Ironie, dass er sich an der Berichterstattung in deutschen Medien abarbeitet, diese aber für seine Schilderungen über Putins Russland als Quellen heranziehen muss.

Wer über die Veränderungen Russlands in der Ära Putin etwas erfahren will, wird in Michail Gorbatschows Buch über „Das neue Russland“ erstaunlich fündig. Bisher galt der Mann, der die Sowjetunion gleichsam aus Versehen zerfallen ließ, eher als Unterstützer von Putins Kurs, dem er gegenüber Boris Jelzin den Vorzug gab. Auch in seinem neuen Buch macht er aus seiner Abneigung gegen Jelzin kein Geheimnis. So beschreibt Gorbatschow, wie er zwei Tage nach seiner Rücktrittsankündigung auf der Fahrt in den Kreml einen Anruf erhielt. In seinem Arbeitszimmer säßen bereits Jelzin und einige Getreue. „Sie feiern und trinken.“ In Gorbatschows für deutsche Leser nicht immer verständlichen Abrechnung scheint manchmal seine Ichbezogenheit durch, wenn er etwa mit Dankesbriefen von Bürgern ein ganzes Kapitel füllt.

Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Buch sind Gorbatschows Einschätzungen über das System Putin. Schon als dieser noch Ministerpräsident ist, entdeckt Gorbatschow bei ihm „autoritäre Züge“. Der Ex-Staatschef beschreibt, wie während Putins Präsidentschaft die Medien auf Kreml-Linie gebracht wurden, die Justiz zur Einschüchterung politischer Gegner eingesetzt und „ein unterwürfiges Parlament“ geschaffen wurde. Zugleich betont Gorbatschow immer wieder, dass er sich keineswegs in Opposition zu Putin sieht. Die Zeitung „Nowaja Gaseta“ fasste die Haltung des dialektisch geschulten Politikers einmal so zusammen: „Ich unterstütze den Präsidenten, aber ich möchte ihn auf meine Besorgnis aufmerksam machen.“

Das Tabu eines offenen Angriffs auf Putin bricht er nie – aber seine Kritik ist mehr als deutlich: „Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass es den Regierenden darum geht, Zeit zu gewinnen, um an der Macht zu bleiben und um sich die Vorteile zu sichern, die eine Minderheit aus der aktuellen Situation zieht.“ Durch das System Putin sieht Gorbatschow den von ihm begonnenen Reformprozess in Gefahr. Am Ende bringt er den Wunsch zum Ausdruck, „dass der Präsident versteht, wie wichtig es ist, irgendwann zu gehen“.

Kasparow rechnet auch gleich mit der westlichen Realpolitik ab

Garri Kasparow dagegen will nicht auf den Tag warten, an dem Putin erkennt, dass es Zeit ist für einen Rücktritt. Der frühere Schachweltmeister schloss sich 2005 der Opposition an. Gemeinsam mit anderen bekannten Oppositionellen wie dem Politiker Boris Nemzow und dem Juristen Alexej Nawalny ging er gegen Putin auf die Straße. Im Jahr 2012 demonstrierten Zehntausende, die das abgekartete Spiel um Putins Rückkehr an die Macht empörte. Doch dann wurde das Versammlungsrecht verschärft, Demonstranten wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. Kasparow entschied sich nach mehreren Befragungen, nicht nach Russland zurückzukehren.

Kasparows Buch „Warum wir Putin stoppen müssen“ ist das leidenschaftliche, fast wütende Plädoyer eines Mannes, dessen Warnungen vor Putin im Westen lange als übertrieben abgetan wurden. Tatsächlich klingt sein Urteil über Russland für diejenigen, die mit dem System Putin kaum vertraut sind, überaus drastisch: „Ein Mafiastaat, in dem Putin der capo di tutti i capi ist, hat sich von einer ideologisch agnostischen Kleptokratie in ein Regime verwandelt, das sich unverhohlen faschistischer Propaganda und Taktiken bedient.“

Kasparow rechnet in diesem Buch auch gleich mit der westlichen Realpolitik ab, er wettert gegen „Appeasement- Anhänger und Feiglinge“. Denn nichts anderes als Appeasement ist aus seiner Sicht der Umgang des Westens mit Russland nach der Annexion der Krim und dem russischen Eingreifen in der Ostukraine. Er plädiert für Eindämmung statt Einbindung Russlands und warnt, dass die Untätigkeit der westlichen Staaten Folgen haben würde. „Diktatoren halten nur an, wenn sie aufgehalten werden.“

Eines der lesenswertesten Russland- Bücher dieses Herbstes kommt von einer Frau, die in Deutschland bisher nur wenigen bekannt ist. Die russische Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina kümmert sich mit ihrer Nichtregierungsorganisation seit vielen Jahren um Flüchtlinge, vor allem aus Tschetschenien. Als sie im Jahr 2000 zum ersten Mal nach Grosny fährt, muss sie an Bilder aus Stalingrad denken, so zerstört ist die tschetschenische Hauptstadt. Sie macht es sich zur Aufgabe, denjenigen zu helfen, die alles verloren haben. Wegen ihrer Arbeit hat sie mehrfach Morddrohungen erhalten, ihr Name steht auf einer Todesliste.

Jahrelang sei diese Liste durch das Internet gegeistert, doch das Innenministerium leitete kein Ermittlungsverfahren ein, wie Gannuschkina in ihrem Buch „Auch wir sind Russland“ schreibt. Die Menschenrechtlerin weiß nicht erst seit dem Mord an Nemzow im Februar, wie ernst solche Drohungen zu nehmen sind. Die Journalistin Anna Politkowskaja und die Menschenrechtlerin Natalia Estemirowa waren ihre Freundinnen und ihre Weggefährtinnen in Tschetschenien – beide wurden ermordet. Gannuschkinas Buch ist aber nicht nur eine ernüchternde Zustandsbeschreibung des heutigen Russlands, sondern auch Autobiografie. In den Geschichten ihrer Familie scheint in kurzen Anekdoten das Leben in der Sowjetunion auf.

Michail Gorbatschow: Das neue Russland. Der Umbruch und das System Putin. Quadriga Verlag, Berlin 2015. 560 Seiten, 25 Euro.

Hubert Seipel: Putin. Innenansichten der Macht. Hoffmann & Campe, Hamburg 2015. 368 Seiten, 22 Euro.

Garri Kasparow: Warum wir Putin stoppen müssen. Die Zerstörung der Demokratie in Russland und die Folgen für den Westen. DVA, München 2015. 416 Seiten, 22,99 Euro.

Swetlana Gannuschkina: Auch wir sind Russland. Europa Verlag, München 2015. 432 Seiten, 24,99 Euro.

Kasparow stellt sein Buch am Donnerstag, 10. Dezember, um 18 Uhr 30 in der ESMT European School of Management and Technology (Schlossplatz 1, 10178 Berlin) vor. Die Veranstaltung wird moderiert von Malte Lehming, der Eintritt ist frei.

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