• Präsidentschaftskandidatin der Linkspartei: Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld im Stasi-Dickicht

Präsidentschaftskandidatin der Linkspartei : Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld im Stasi-Dickicht

Beate Klarsfeld wollte im Westen Altnazis enttarnen. Das hat sie mit Bernd Heller gemein, der dasselbe in der DDR versuchte. Damit geriet er mit dem Apparat in Konflikt, der ihr geholfen hat.

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Bildungsreise in den Osten. Beate Klarsfeld besucht am Freitag die Neue Synagoge in Dresden.
Bildungsreise in den Osten. Beate Klarsfeld besucht am Freitag die Neue Synagoge in Dresden.Foto: dpa

Er trug das Blauhemd der Freien Deutschen Jugend mit Stolz, und sie nannten ihn den „Nazi- Fresser“. Jugendfreunde hatten Bernd Heller den Spitznamen gegeben. Schon als Bub hatte er sich alte Nazis vorgeknöpft – und zwar solche, die in der DDR in Ämtern waren. Im Westen gab es mehr von solchen, das wusste er, geflohen dorthin vor der Roten Armee. Umso unverständlicher war ihm, dass es sie auch in der DDR noch Anfang der 60er Jahre geben sollte, in diesem antifaschistischen Musterstaat.

Heller maß die DDR an ihrem eigenen Maßstab. Das ging eine Weile gut, weil er als „proletarisches“ Kind galt. Hellers Großvater war Mitbegründer der SPD in Schlesien gewesen, er hatte in Sachsenhausen eingesessen, so wie auch sein Vater ins KZ musste. Aber dann, eines Tages, war Heller zum Querulanten geworden. Von einem Stasi-Oberleutnant bekam er bei seiner Vernehmung erklärt: „Wer Nazi ist, das bestimmen wir.“

Der Rest der Geschichte ging nicht gut für ihn aus. Heller wurde von denselben Leuten drangsaliert und inhaftiert, die Beate Klarsfeld, die Kandidatin der Linkspartei für das Bundespräsidentenamt, mit Material versorgten. Zum Beispiel zur Nazi-Vergangenheit des damaligen westdeutschen Kanzlers Kurt Georg Kiesinger, dem sie 1968 auf einem CDU- Parteitag eine Ohrfeige verpasste. Sie war die „Nazi-Jägerin“ und auch eine von denen, die keine Ruhe geben wollten.

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Klarsfeld lebt seit 50 Jahren in Paris, wohin sie von Berlin aus als Au-Pair gelangt und wo sie überhaupt erst für die Folgen des Holocausts sensibilisiert worden war. Sie hat die deutsche und die französische Staatsangehörigkeit. Ihre Bewerbung als Bundespräsidentin ist auch der Kampf um späte Anerkennung ihrer Arbeit in Deutschland. Klarsfeld sagt heute, sie habe 1968 mit dem Angriff auf den Bundeskanzler ihr Leben aufs Spiel gesetzt, schließlich hätte sie ja erschossen werden können.

In Dresden wird sie am Freitag als die Einzelkämpferin empfangen, als die sie sich sieht. Die Linke hat ein Tagesprogramm für ihre Kandidatin organisiert. Gerade in Sachsen, wo sie die NPD im Landtag haben, hat die Bewerbung für die Genossen eine besondere Symbolwirkung. Die stellvertretende Vorsitzende Katja Kipping schwärmt Klarsfeld an: „Mit ihrer Ohrfeige haben Sie den Startschuss für die 68er-Bewegung gegeben.“

Es geht um ihr Lebenswerk. Und das erscheint nun in einem sehr viel zweifelhafteren Licht. Nachdem in der „Welt“ zu lesen war, dass sie kurz nach der Kiesinger-Ohrfeige 2000 D-Mark vom SED-Politbüro „für weitere Initiativen“ und getarnt als Honorar überwiesen bekommen hatte, stellte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe schon ihre Eignung als Kandidatin in Frage. Die Diskussion macht die 73-Jährige dünnhäutig. In Dresden platzt ihr der Kragen.

Am Vormittag hat sich Klarsfeld die Neue Synagoge zeigen lassen. Beim anschließenden Pressegespräch liegt ihre 1972 in englischer Sprache erschienene Autobiographie „Wherever they may be“, auf dem Tisch, sie ist also vorbereitet auf das, was unweigerlich kommt. Ein Lesezeichen steckt an der Stelle, an der sie ihre Kontakte zur DDR geschildert hat. Die Botschaft: Es habe darum nie ein Geheimnis gegeben. Doch als sie dann schildern soll, welcher Art die Kontakte waren, verliert sie die Contenance. „Die DDR hat uns die Hand ausgestreckt“, sagt sie gereizt. „Wir haben sie auch angenommen.“ Und lobt sich selbst mit der Bemerkung, „es ist wunderbar, dass es eine Deutsche gibt, die sich so engagiert hat“. Da springt Katja Kipping der sichtlich Genervten bei. Entscheidend sei doch, dass die Bundesrepublik sich der Aufklärung über Nazis verweigert habe, meint Kipping. „Das ist der Skandal.“

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