Rassismus und Antisemitismus in Deutschland : Muslime sind die neuen Juden

Egal wie allgegenwärtig Antisemitismus in Deutschland ist, Juden sind nicht mehr die Hauptzielgruppe von Diskriminierung und Hass, sagt Armin Langer, selbst Jude. Muslime würden viel mehr benachteiligt. Juden sollten sich mit deutschen Muslimen solidarisieren. Ein Gastkommentar.

Armin Langer
Auf die Mevlana-Moschee in Kreuzberg wurde vor einigen Wochen ein Brandanschlag verübt.
Auf die Mevlana-Moschee in Kreuzberg wurde vor einigen Wochen ein Brandanschlag verübt.Foto: DPA

Immer wieder höre ich von Juden und Nicht-Juden, als Jude könne ich nicht in die Nähe einer Moschee, schon gar nicht in einem Problemkiez leben. Zur „No-go-Area“ wurde für mich der Berliner Stadtteil Neukölln erklärt, obwohl ich dort gerne und gut wohne seit einem Jahr. Muslime und Migranten schaden meiner körperlichen Unversehrtheit, darf ich immer wieder in Internetforen lesen, in Fernsehbeiträgen hören.

Doch nicht wir Juden müssen im Jahr 2014 Angst haben. Egal wie allgegenwärtig Antisemitismus in Deutschland ist, wir Juden sind nicht mehr die Hauptzielgruppe von Diskriminierung und Hass: Nach der Shoah, einem prägenden Ereignis in der jüdischen Psyche, wurden wir endlich Teil des Mainstreams in Deutschland, in Europa. "Der Jude" ist nicht mehr schwach. Die neuen Juden sind die Muslime

In den meisten Bundesländern ist es Muslimen nicht erlaubt, ihre Toten islamischen Ritualen gemäß zu beerdigen. Der Muezzin darf die Gläubigen nicht zum Freitagsgebet rufen. Muslimische Gemeinden sind vom Privileg der Kirchensteuer ausgeschlossen. Muslime sind in Rundfunkräten nicht vertreten. Und jetzt haben wir noch nicht von alltäglichen Diskriminierungen gesprochen.

Ich genieße, kurzum, in Deutschland mehr Rechte als meine muslimischen Freunde. Trotzdem werde ich, der Jude, noch immer als Opfer behandelt.

Uns kommen die Benachteiligungen, vor denen viele deutsche Muslime stehen, bekannt vor. Einst mussten wir für Anerkennung kämpfen, einst waren viele, zeitweise alle gegen uns, einst war unser Leben in Europa gefährdet. Der Hass gegen Juden wurde immer stärker, schließlich wurde unsere Vernichtung minutiös geplant.

"Der Philosemitismus in Deutschland nervt mich"

Zum Glück haben alle Europäer aus der Geschichte gelernt, aber ich kann den Unmut der Muslime nachvollziehen. Es waren schließlich Muslime, die vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ in Deutschland ermordet wurden.  Wir stehen zwar nicht vor einem "neuen" Holocaust, aber die NSU-Morde haben uns gezeigt, dass bei toten Türken und Muslimen so nicht genau hingeschaut wird. Denn – wenn ein Türke stirbt, dann hat’s doch einer aus der Sippe gemacht. Journalisten,,  Politiker, Polizisten und Geheimdienstler gingen derweil davon aus dass da "Dönermörder" ihresgleichen töteten. Klar, Mohammed ist ja per se kriminell, ist halt so bei "denen". 

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