Rassistische Übergriffe Post-Brexit : "Kein polnisches Ungeziefer mehr"

Beschimpfungen, Schmierereien und gallige Häme - nach dem Brexit-Votum mehren sich rassistische Übergriffe in Großbritannien.

Fabian Federl
Alltag in England. Was einigen nicht gefällt.
Alltag in England. Was einigen nicht gefällt.Foto: Oliver Ellrodt/Reuters

Durch das Schaufenster eines Halal-Metzgers nahe Birmingham fliegt eine Brandbombe. Ein polnisches Kulturzentrum in London wird beschmiert. Nahe Cambridge wurden laminierte Zettel unter dem Türschlitz in die Wohnungen polnischer Einwanderer geschoben, auf denen steht: „Die EU verlassen – kein polnisches Ungeziefer mehr“. In einer Londoner Schule singen weiße, britische Kinder „so long, farewell“, als schwarze, britische Kinder das Klassenzimmer betreten. In einer Straße in Hammersmith werden in zehn Autos deutscher Hersteller Hakenkreuze eingekratzt. In Glasgow wird ein Mahnmal für britische Opfer des spanischen Faschismus bestickert mit: "White Zone. National Action." Ein Reporter von Channel 4 steht mit seinem Kameramann in der Fußgängerzone im nordenglischen Hartlepool, innerhalb von fünf Minuten wird nicht-weißen Passanten drei mal „Schickt sie zurück“ zugerufen, einmal einem Kind.

Die Liste wächst stetig. Seit dem Wochenende sind auf True Vision, einer polizeilichen Meldeseite für Hassverbrechen, 57 Prozent mehr Anzeigen eingegangen. Der britische Rat der Muslime hat allein am Wochenende 100 auf das Referendum bezogene, rassistische Beleidigungen auf Social Media gesammelt. Die Facebook-Seite „Worrying Signs“ sammelt Berichte rassistischer Übergriffe. Innerhalb von vier Tagen hat die Gruppe 14000 Mitglieder. Auf Twitter laufen unter dem Hashtag #PostRefRacism minutenweise neue Vorfälle ein.

Der politischen Spaltung des Landes scheint eine soziale zu folgen. Das Thema EU ist aber schon jetzt aus dem Fokus geraten. Oder wie ein Passant dem Channel-4-Reporter gegenüber sagt: „Es geht um Einwanderung. Und nur darum.“

„Diese politische Krise bedroht unteren sozialen Frieden“, sagt Shuja Shafi, Leiter des Muslimischen Rates. Ähnliches hört man von fast allen politischen Seiten. Der walisische Erste Minister Carwyn Jones spricht von einer „hässlichen Atmosphäre“, die die Leave-Kampagne geschürt hat und aus der jetzt Übergriffe gegen Einwanderer resultierten. Die Tory-Politikerin Sayeeda Warsi, die in den letzten Tagen des Brexit-Wahlkampfs aus dem Leave-Lager ausstieg, weil sie den „lügnerischen und fremdenfeindlichen“ Ton nicht ertrug, sagt: „Die Atmosphäre ist nicht gut“. Immer wieder seien migrantisch aussehende Menschen aufgefordert worden, das Land zu verlassen, so habe das Volk schließlich gewählt. „Die sagen das zu Menschen, die teilweise seit drei, vier, fünf Generationen hier sind“, sagt Warsi.

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Die Briten und ihre Beziehungen zur EU (Videografik)
Die Briten und ihre Beziehungen zur EU (Videografik)

Die Leave-Kampagne hat in den Augen vieler eine hasserfüllte Stimmung hinterlassen. Kate Allen, die Direktorin von Amnesty International UK sagt: "Einige Menschen fühlen sich berechtigt, rassistische Äußerungen zu machen - in einer Art, die wir seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben." Die Leave-Kampagne sei geprägt gewesen von einer spaltenden, fremdenfeindlichen Rhetorik und dem Unwillen von Politikern, dem entgegenzutreten. "Wir ernten jetzt, was das Referendum gesät hat", sagt sie. Sogar der UN Hochkommissar für Menschenrechte forderte die Britische Regierung auf, etwas gegen die rassistischen Übergriffe zu tun.

Um der immer dichteren Atmosphäre von Fremdenfeindlichkeit entgegenzutreten, sagt der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, müssen Polizei und Bürger „besonders wachsam“ sein.

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