• Rechtsextremismus: Geht nicht für uns auf die Straße! - Die guten Deutschen und die Ausländerfeindlichkeit

Politik : Rechtsextremismus: Geht nicht für uns auf die Straße! - Die guten Deutschen und die Ausländerfeindlichkeit

N. Walid Nakschbandi

So viel Maskerade war selten: Ein Regierungssprecher gründet den Verein "Gesicht zeigen", der junge Ministerpräsident Siegmar Gabriel fordert das NPD-Verbot, Herta Däubler-Gmelin verlangt ein Ende der "klammheimlichen Zustimmung und des Wegsehens", ein Schriftsteller bittet um den "Mut der Mehrheit", der Bundeskanzler ist für gnadenlose Härte der Justiz und Polizei, Otto Schily spricht sich für einen verstärkten Einsatz des Bundesgrenzschutzes, also einer Sonderpolizei, gegen Rechtsextreme aus, der Bundestag wird Mitte Oktober "eine große Debatte" zum Rechtsextremismus führen.

Angela Merkel will den Rechtsextremen am liebsten alles und jedes sofort verbieten: kein Demonstrationsrecht, keine Versammlung, kein Platz im öffentlichen Dienst und kein Arbeitsplatz. Roland Koch hätte gerne den starken Nationalstaat und NRW fordert 190 Provider auf, rechtsextreme Seiten zu entfernen. Die Industrie ist besorgt, die Zeitungen selbstverständlich auch. Sie drucken Rubriken wie "Ich lebe in Deutschland".

Tolle Aktionen, starke Sprüche. Die gute Gesellschaft meint es auch jetzt wieder besonders gut und ernst. Was noch fehlt, ist die Lichterkette. Aber vielleicht kommt es diesmal zu einem Lichtermeer. Und dennoch werden Aktion und Initiativen, die wunderbaren Forderungen nach Härte, Durchgreifen und Verbot nichts bewirken, weil diese Gesellschaft nicht redlich und nicht aufrichtig zu sich selber ist.

Sie hat Angst und ist nicht selbstbewusst. Sie ist belastet und unentschlossen. Deutschland hat nicht den Mut und die Charakterstärke, laut zu rufen, dass Fremdenfeindlichkeit, Ablehnung und Ausländerhass Bestandteile dieser Gesellschaft sind. Kommt jetzt nicht damit, dass kein Land in Europa so viele Menschen aufgenommen hat, dass Euer türkischer Gemüsehändler sich hier wirklich wohl fühlt und gute Geschäfte macht. Denn Ihr meint es nicht ehrlich. Ehrlichkeit liegt Euch nicht.

Wir wissen das. Wir sind mit Eurer Ablehnung, mit Euren lieblosen Blicken vertraut. Aber warum begreift Ihr es nicht? Warum wisst Ihr nicht, wer Ihr seid und weshalb Ihr so seid? Wir wissen, dass wir in Deutschland - Inder hin, Mosambikaner her - mit Euch nicht verlässlich rechnen dürfen. Egal wie lange wir hier leben und wie intensiv unsere Liebe zu Euch und zu diesem schönen Land auch sein mag, wir bleiben Fremde, wir werden nicht gemocht oder gar anerkannt.

Aber wir bringen Euch weiter. Das werdet Ihr sehen. Die Wandlung und Erneuerung der Gesellschaft hin zu einem normalen Umgang wird weder vom feschen Gerhard Schröder noch vom überforderten Buchhalter Friedrich Merz kommen. Sie kommt von uns. Sanft, unbemerkt, dafür aber nachhaltig. Das kostet Opfer, noch mehr Opfer. Wir wissen, dass wir anders sind. Unsere Blicke, unsere Gedanken, unsere Hände, die Bekleidung, das Wissen, die Sensibilität, unsere Zähigkeit und die Zuneigung. Alles ist anders. Das habt Ihr uns beigebracht. Und wir haben es verinnerlicht. Und jetzt wollen wir Euch einpauken, dass Ihr anders werden müsst. Und Ihr habt wenig Chancen zu entkommen oder Euch zu entziehen. Der Prozess ist im Gang, die Beschleunigung erfolgt.

Wir sind Masochisten. Wir leben lustvoll und gerne hier. Wir forschen für Euch intensiv, machen für Euch gute Fernsehsendungen, kochen bezaubernd, schneidern Euch Anzüge und lehren an Euren Universitäten und Schulen. Merkt Ihr denn nicht, dass wir in allen gesellschaftlichen Bereichen Deutschlands aktiv sind, sogar in Eurem Parlament? In der Bundesliga, in den Medien und in der New Economy?

Geht nicht für uns auf die Straße; mit fünf- oder zehntausend Menschen wird es peinlich für Euch. Verbietet nicht die NPD oder den Rest dieser Ideologie, weil es dadurch noch tragischer und unangenehmer wird. Gründet keine Initiativen oder Vereine mehr, denn über Mitmenschlichkeit und Toleranz sollten Menschen einer zivilisierten Umgebung nicht mehr diskutieren. Lasst uns unser Leben und Herz ausleben, und lebt Ihr Euer Leben. Wir ändern Euch schon. Wir machen Euch modern und wirklich international. Und wir wissen, dass wir dabei Menschen verlieren werden. Begreift aber endlich, warum. Gebt diesen Opfern einen Sinn. Aber verzeihen werden wir Euch nichts. Gar nichts!

Der Autor ist Geschäftsführer der Fernsehproduktionsfirma AVE. Er stammt aus Afghanistan. Foto: Andreas Pein

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