Rechtsextremismus : Mutmaßliche Schläger von Bernburg schweigen beim Prozessauftakt

Neun Männer traten im September einen Türken aus Bernburg in Sachsen-Anhalt fast zu Tode. Die Staatsanwalt sieht kein rassistisches Motiv, obwohl Worte wie "Scheiß Ausländer" gehört wurden. Der Prozessauftakt verlief leise.

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Der Prozess beim Landgericht Magdeburg.
Der Prozess beim Landgericht Magdeburg.Foto: dpa

Neun Männer betreten nacheinander den Saal, der Trupp wuchtiger und schmächtiger Typen  könnte als Panoptikum der rechten Szene auftreten. Glatzen, Zickenbärte, ein weißblond gefärbter Scheitelschnitt, Tätowierungen bis zum Hals, schwarze Kapuzenjacken, Turnschuhe, eine Wollmütze der Marke Thor Steinar – es ist fast alles dabei, was selbsternannte Kerndeutschen heute so vorzeigen, von altmodisch kahlrasierten Schädeln über den Rockerhabitus bis zum aktuellen Disco-Style.

Die neun Kerle sind am Dienstag allerdings nicht nach Magdeburg gekommen, um Szenelook von heute und gestern zu präsentieren. Sie sind angeklagt, sich im September 2013 an einem Gewaltexzess beteiligt zu haben, bei dem ein Türke beinahe starb. Mehrere Männer werden in Handschellen vorgeführt.

Keiner der Angeklagten äußert sich

Der Prozess am Landgericht Magdeburg beginnt allerdings leise. Keiner der Angeklagten will sich zu den Tatvorwürfen einlassen, auch zu ihren persönlichen Verhältnissen sagen die Rechten im Alter von 24 bis 33 Jahren nichts. Mit trotzigen Mienen haben sie gehört, was Staatsanwältin Ute Vieweg aus der Anklage vorgetragen hat. Die möglicherweise nicht einmal die volle Dimension der Tat darstellt, was der Staatsanwaltschaft schon heftige Kritik eingetragen hat.

Neun Männer prügeln auf Imbissbesitzer ein

Laut Anklage feiern die Männer am 21. September 2013 den Junggesellenabschied eines Mitglieds der Clique. Am Abend stehen die neun im Bahnhof der Kleinstadt Bernburg, angetrunken und mit einem Kasten Bier in der Mitte. Maik R. pöbelt eine junge Deutsche an. Sie arbeitet im türkischen Imbiss im Bahnhof und schließt die Fenster. Maik R. beschimpft sie als   „Türkenschlampe“, der Betreiber des Lokals eilt seiner Freundin zu Hilfe. Maik R. beleidigt den Türken als „Scheißvieh“ und wirft ihm eine Flasche Bier ins Gesicht. Die acht Kumpane von R. kommen hinzu, jetzt prügeln alle zusammen den Türken.

Als er bewusstlos am Boden liegt, treten Maik R., Patrick S., Marco L. und Michel M. auf den Mann ein. Maik R. und Patrick S. hätten „stampfend von oben auf den Kopf“ getreten, sagt die Staatsanwältin. Der Türke erleidet einen Schädelbasisbruch und weitere, lebensgefährliche Verletzungen am Kopf.

Zwei Rechte attackieren auch die Freundin des Türken, sie geht ebenfalls zu Boden. Ein ausländischer Zeuge, der dem Paar helfen will, wird auch zusammengeschlagen. Dann haut die Clique ab, wird jedoch von der Polizei noch in der Nähe des Bahnhofs erwischt.

Staatsanwaltschaft sieht keinen versuchten Mord

So stellt sich für die Staatsanwaltschaft der Tatablauf dar. Ein rassistisches Motiv erscheint nicht nur nahe liegend, weil Maik R. „Türkenschlampe“ gesagt haben soll. Der ebenfalls verprügelte ausländische Zeuge hat der Polizei berichtet, die Angreifer hätten den Imbissbetreiber  „Scheiß Ausländer“ und „Scheiß Türke“ genannt. Dennoch wertet die Staatsanwaltschaft  die Attacke nicht als versuchten Mord aus Hass auf Migranten.

Dagegen haben der Anwalt des Opfers und die Türkische Gemeinde in Deutschland protestiert, als Ende 2013 die Anklage erhoben wurde. Und die 1. Kammer des Landgerichts hat auch Zweifel an der Sicht der Ankläger. Die Richter haben bereits in ihrem Beschluss zur Zulassung der Anklage den rechtlichen Hinweis erteilt, es komme auch eine Verurteilung wegen versuchten Mordes in Betracht, sollte sich während des Prozesses „Ausländerfeindlichkeit oder – hass als leitendes Motiv eines nachgewiesenen versuchten Tötungsdelikts“ feststellen lassen.

Der Türke und seine Freundin erscheinen am Dienstag nur kurz im Prozess. Beide wirken angespannt, der Blick auf neun Angeklagte macht ihnen offenkundig Angst. Nachdem die Staatsanwältin die Anklage verlassen hat, verlassen die zwei Opfer den Saal.

So ersparen sie sich die lange Liste von Vorstrafen des Angeklagten Francesco L., die ein beisitzender Richter verliest. Francesco L. ist offenkundig ein rechter Intensivtäter – und hat 2006 mit einer grausigen Tat über Sachsen-Anhalt hinaus Empörung ausgelöst. Der Rechtsextremist quälte mit Kumpanen einen zwölfjährigen, dunkelhäutigen Schüler. Mitten im Ort Pömmelte. Dem schreienden Opfer half niemand. Das Amtsgericht Schönebeck verurteilte L. zu dreieinhalb Jahren Haft, auch wegen weiterer Delikte. Und er hätte eigentlich auch am 21. September 2013 in Haft sitzen müssen, wieder war ein Urteil zu einer Gewalttat ergangen.

Doch L. war mutmaßlich bei dem Angriff in Bernburg dabei. Es scheint ihm egal zu sein. Als der Richter die Vorstrafen verliest, zieht L. die Stirn in Falten und blickt gelangweilt an die Decke.