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Rechtsextremismus : Neonazis in Hoyerswerda: Bloß keine Umstände

26.11.2012 14:00 Uhrvon
Da war mal was. In dem DDR-Plattenbau in der Albert-Schweitzer-Straße in Hoyerswerda lebten bis 1991 ausländische Vertragsarbeiter. Nach Ausschreitungen löste man ihr Wohnheim auf.Bild vergrößern
Da war mal was. In dem DDR-Plattenbau in der Albert-Schweitzer-Straße in Hoyerswerda lebten bis 1991 ausländische Vertragsarbeiter. Nach Ausschreitungen löste man ihr Wohnheim auf. - Foto: picture alliance / ZB

Plötzlich steht eine Gruppe Neonazis vor der Wohnungstür. Schlägt dagegen, brüllt. Bedroht wird ein Paar in Hoyerswerda, das rechtsradikale Aufkleber von Laternen gekratzt hat. Und der Staat zeigt sich überfordert. Kein Einzelfall in einer Stadt, in der 30 Radikale den Ton angeben dürfen.

Wie lange sie schon namenlos sind, können sie nicht genau sagen. Irgendwann in der Schulzeit muss das angefangen haben. Jetzt sind sie Mitte 20. Zwei junge Männer, ein langer, ein kurzer, jeder von ihnen trägt eine Kopfbedeckung, und mehr ist an Personalangaben nicht zu vermelden über sie, bitte.

Keine Namen also, und nein, bitte, ernsthaft jetzt. Zwei Männer, keine Namen.

Dafür hat die Stadt, in der sie aufgewachsen sind, der sie den Rücken gekehrt haben und über die es wieder einmal etwas zu erzählen gibt, gleich zwei. Die Stadt heißt Hoyerswerda und Wojerecy, beides steht auf den Ortseingangsschildern. Sie ist gelegen zwischen Cottbus und Dresden, existiert vermutlich seit 900 Jahren und ist nach der deutschen Wiedervereinigung bekannt geworden durch einen beispiellosen Bevölkerungsschwund.

1989 lebten 68 000 Menschen hier, mittlerweile sind es 30 000 weniger.

Noch berühmter indes hat sie ein Ereignis aus dem Jahr 1991 gemacht. Hoyerswerda war der Schauplatz eines tagelangen Großangriffs auf ein Wohnheim für Flüchtlinge und aus dem Ausland stammende, einstige DDR-Vertragsarbeiter. Der Angriff war erfolgreich. Er verbreitete Todesangst. Die Ausländer wurden aus der Stadt gebracht.

Die zwei namenlosen jungen Männer finden, beides, der Angriff von 1991 und der bis heute unentwegt stattfindende Wegzug eines jeden, der dazu in der Lage ist, habe miteinander zu tun. Sie sind selbst auch weggegangen und dies, so sagen sie, vor allem aus Gründen des Stadtklimas. Sie sind Linke und in Hoyerswerda genauso wenig erwünscht wie es die Ausländer vor 21 Jahren waren, und man habe es ihnen auf ähnliche Art und Weise klar gemacht.

Deshalb die Bitte: keine Namen. Die Eltern leben ja noch in Hoyerswerda. Die jungen Männer sagen, sie wollen nicht, dass die auch noch dran sind.

Jüngstes Beispiel dafür, was jemand tun muss, um in der Stadt nicht mehr leben zu können: Nazi-Aufkleber von Laternenmasten kratzen. Nazi-Plakate von Wänden reißen. Das hatten ein Mann und eine Frau, beide 33 Jahre alt, gewagt zu tun. Am Abend des 17. Oktober stürmten 17 oder 18 Neonazis in ein Treppenhaus in der Robert-Schumann-Straße, um sich für derlei Aufräumarbeiten zu rächen. Sie traten und schlugen gegen die Wohnungstür des Paares. Sie brüllten. Zwei Stunden lang. Kurz nach neun rief das Paar die Polizei.

Ein Streifenwagen kam, dessen Besatzung angesichts der Übermacht Verstärkung rief. Schließlich verschwanden die Nazis in Richtung einer Tankstelle, wo die Polizei die Personalien von elf Personen aufnahm.

Einen Monat später wird die Sache öffentlich. Der Mitteldeutsche Rundfunk sendet einen Fernsehbeitrag, in dem der Vorwurf erhoben wird, die Polizei habe dem Paar geraten, die Stadt zu verlassen und sie dann auch tatsächlich herausgefahren. Man könne die beiden nicht schützen. Belegt wird der Vorwurf mit der Aussage eines Polizei-Pressesprechers. „Es ist einfacher, zwei Personen von einem Ort zu einem anderen sicheren Ort zu verbringen, als 30 Personen zu bewachen oder permanent fünf Funkstreifen vor ein Haus zu stellen.“

Sollte das zutreffen – was ist das hier in Hoyerswerda? Das ist Staatsversagen. Ein Staat ist nicht in der Lage, seine Bürger vor Gewalt zu schützen. Er verliert damit einen der gewichtigsten Gründe für seine Existenz.

Die beiden namenlosen jungen Männer sagen, sie wundere das nicht. Sie können minutenlang ähnliche Erlebnisse aufzählen. Schulfest, ein paar Jahre her, vor den Augen aller Feiernden treffen fünf Neonazis ein, brechen einem der Schüler die Nase, Polizei angerufen, erste Reaktion am Telefon: Na gehen Sie doch einfach weg. Zweiter Anruf, ein Streifenwagen kommt, hält und leuchtet den Schulhof mit seinen Scheinwerfern aus. Dann entfernt er sich wieder.

Die beiden erzählen haufenweise Geschichten von einer unwillig scheinenden Polizei, von gerufenen, aber nicht eintreffenden Beamten, von Wegsehen und Weghören und hochfahrenden Streifenwagen-Seitenfenstern. Sie erzählen vom immer wieder gehörten Rat an Bedrohte, doch besser wegzugehen. Nachprüfen lässt sich all dies nicht, denn entweder ist es schon zu lange her oder es war zu klein, zu alltäglich, um in Protokollen festgehalten zu werden.

„Da fehlt einfach krass Empathie“, sagt einer der beiden. „Und zwar in der Stadt überhaupt.“

Nun ist es im Fall des Paares aus der Robert-Schumann-Straße so, dass die Polizei eine Streifenwagenbesatzung bis zum nächsten Morgen das Haus bewachen ließ. Und der Wunsch, die Stadt zu verlassen, sei von den beiden ausgegangen. Es sei kein Ratschlag der Polizei gewesen, sagt die Polizei.

Die beiden haben bis heute Angst vor weiteren Angriffen, sie sind aus genau demselben Grund auch nicht zu sprechen. Sie halten sich versteckt, sie sind an einem sicheren Ort. Damit das auch so bleibt, lassen sie jemanden, der mit ihnen in Kontakt steht, mit der Bitte um Verständnis ausrichten, dass sie zum Abend des 17. Oktober erst einmal nichts mehr sagen möchten. Sie möchten, dass Ruhe einkehrt und keine Spuren legen zu ihrem Aufenthaltsort und zu den Leuten, die sie dort schützen. Außerdem müssen sie ihren Umzug in eine andere Stadt organisieren.

So bleibt es also fürs Erste dabei, Aussage steht gegen Aussage. Die Polizei hat entweder den Opfern zum Weggehen geraten, oder sie hat eben nicht dazu geraten, sondern die Opfer wünschten dies selbst. Doch auch, wenn die zweite Version stimmt, macht das irgendetwas besser?

Was sich in Hoyerswerda im Oktober ereignet hat, ist Schritt zwei auf dem Weg zur Schaffung eines kleinen Naziparadieses. „National befreite Zonen“ schaffen, wortwörtlich genommen also ausländerfreie Zonen, diese Arbeit ist vielerorts vollbracht. Viele Einwanderer sind weg, aus Hoyerswerda wurden sie 1991 mit Bussen befördert. Seit einiger Zeit sind offenkundig diejenigen dran, die irgendwie links sind wie die beiden namenlosen jungen Männer. Und nun also Leute, die Naziwerbung von Straßenlaternen kratzen. Wer kommt danach? Deren Freunde? Dann Krummgewachsene, dann Brillenträger und Sozialdemokraten? Irgendwann bleiben dann nur noch die übrig, die auf Kommando „Sieg heil“ sagen können.

Hoyerswerda würde dann aus schätzungsweise 30 Leuten bestehen. 30 Leute ungefähr, bestätigen die, die sich damit auskennen, das sei die Zahl der offen neonazistisch auftretenden Stadtbewohner. Das sei vergleichsweise wenig. Auch wenn der Verfassungsschutz davon ausgeht, dass diese 30 in kurzer Zeit hunderte andere aus der Umgebung für Aufmärsche mobilisieren könnten, ist Hoyerswerda damit noch längst keine der sächsischen Nazi-Hochburgen.

Aber diese 30 haben eben mittlerweile die Stadt im Griff. Das zu Hause aufgesuchte Paar wird nicht zurückgehen nach Hoyerswerda, die beiden namenlosen jungen Männer auch nicht. Gelegentlich besuchen sie aber ihre Eltern hier. „Ich versuche das dann immer so kurz wie möglich zu halten“, sagt einer der beiden.

„Die Nazis testen aus, wie weit sie gehen können, seit Jahren. Und weil sie keiner aufhält, gehen sie dann eben immer weiter.“ Die beiden waren dabei, als es im vergangenen Jahr eine Gedenkdemonstration zum 20. Jahrestag des Sturms auf die Ausländerheime zu organisieren galt. „Pogrom 91“ heißt die Initiative, der sie angehören, sie umfasst ungefähr ein Dutzend Ex-Hoyerswerdaer, die mittlerweile in Dresden, Leipzig und Berlin ansässig sind. Sie betreiben eine Webseite, auf der sie rechte Anschläge und rechtes Danebenbenehmen in Hoyerswerda dokumentieren und die Gründe für ihre Unzufriedenheit mit den Reaktionen der Stadtoffiziellen darlegen.

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