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Religiöse Beschneidung : Chronik einer beispiellosen Debatte

20.08.2012 00:00 Uhrvon
In Judentum und Islam gehört die Beschneidung zu den religiösen Geboten.Bild vergrößern
In Judentum und Islam gehört die Beschneidung zu den religiösen Geboten. - Foto: dpa

Die herrschende Meinung und die, die sie machten: Wie ein Rechtsprofessor, eine Staatsanwältin und ein Richter die Debatte um Beschneidung steuerten, über die diese Woche auch der Deutsche Ethikrat debattiert.

Sechs Wochen vergehen, ohne dass etwas passiert. Das Kölner Landgericht fällt ein Berufungsurteil. Der Angeklagte wird darin freigesprochen, seine Tat aber sei strafbar, heißt es. Es geht um die rituelle Beschneidung von Jungen.

Das war Anfang Mai. Mitte Juni dann passiert etwas und seither führen Öffentlichkeit, Politik und Strafverfolger eine beispiellose Debatte über die Knabenbeschneidung. Juden und Muslime protestieren, Kliniken stoppten den Eingriff, Deutschlands Botschafter in Israel beruhigte die Knesset, der Bundestag fordert ein neues Gesetz, das den Eingriff erlaubt, in Bundesländern wird über Ausnahmeregelungen nachgedacht.

Am Donnerstag tagt der Ethikrat.

Viel Aufregung für das Berufungsurteil eines Landgerichts, das sonst oft nur Zwischenstation in einem Strafverfahren ist. Aber nicht diesmal. Im Fall der Strafsache Beschneidung entstand der Eindruck, die religiöse Beschneidung sei ab sofort gerichtlich verboten. Und es ist kein Zufall, dass es so gekommen ist. Einige wollten es so. Einer von denen ist Holm Putzke.

Der Professor für Strafrecht in Passau steht im Zentrum der Debatten. Die rituelle Knabenbeschneidung ist Putzkes Lieblingsthema. Er wird als Fachmann in Talkshows geladen und vielfach zitiert. Auch der Tagesspiegel brachte ein Interview. „Es geht nicht darum, das Ritual zu verbieten“, sagte er da und plädiert für eine Verschiebung des Eingriffs in ein Alter, in dem Kinder dessen Tragweite ermessen könnten. Dann wäre der Schnitt keine Körperverletzung mehr. Über das Medienecho sagt Putzke: „Mir war bewusst, dass das ein sehr sensibles Thema ist. Dass das Kölner Urteil zu einer so grundlegenden Debatte führt, habe ich mir nicht vorgestellt.“

Aber vielleicht gewünscht?

Der gebürtige Sachse, Jahrgang 1973, hatte die Beschneidung 2008 in einem langen Festschriftenbeitrag zu Ehren seines akademischen Lehrers Rolf Dietrich Herzberg für sich entdeckt. Eltern könnten in die Beschneidung ihrer kleinen Söhne nur einwilligen, wenn diese medizinisch angezeigt ist, schreibt er. Religiöse Motive genügten dafür nicht. Der Anspruch der Kinder auf ihre Unversehrtheit überwiege. Die jüdische Brit Mila, die muslimische Beschneidung – ein Verstoß gegen das geltende Strafgesetz?

Putzke ließ mehrere Artikel folgen, referierte vor Kinderärzten und Urologen. Über Fachkreise kam die Diskussion kaum hinaus; in der Rechtswissenschaft hatte er eine exotische Diskussion angestoßen, an der sich fast niemand beteiligte. Für die Praxis der Strafgerichte spielte das Thema keine Rolle.

Video-Interview zum Thema Beschneidung:

Video zum Artikel:
Interview zum Thema BeschneidungVideo abspielen
Politik  30.07.2012  MinInterview zum Thema Beschneidung

Putzke hatte eine Leerstelle entdeckt und füllte sie mit seinen Thesen. So konnte seine Ansicht zu dem erstarken, was Juristen „herrschende Meinung“ nennen. Es ist die in der Rechtswissenschaft zu einer Streitfrage vorwiegend vertretene Position. Statistiken werden darüber nicht geführt. Die „herrschende Meinung“ lebt davon, in der wissenschaftlichen Literatur als solche bezeichnet zu werden. Und sie lebt vom Schweigen derer, die anderer Auffassung sind.

Für einen Rechtswissenschaftler ist es das höchste der fachlichen Gefühle, wenn sich seine Ansicht zu einer „herrschenden“ entwickelt oder Gerichte beeinflusst. Wenn sich das eigene Denken in Urteilen niederschlägt, am besten bei den Bundesgerichten. Wenn aus Meinung geltendes Recht wird, weil Gerichte bei ihrer Urteilsfindung auf wissenschaftliche Rechtsstudien zurückgreifen.

Als dem Juraprofessor Putzke Mitte Juni das Urteil des Kölner Landgerichts in die Hände fällt, weiß er, dass dieser Moment für ihn gekommen ist. Ein Gericht ist ihm gefolgt. Kein Bundes- und kein Oberlandesgericht zwar. Aber immerhin hat das Landgericht in Köln ein Urteil im Putzke-Sinn mit Putzke-Argumenten gefällt.

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Sie waren zusammen im Afghanistan-Einsatz. Jetzt sitzen sie auf entscheidenden Posten im Ministerium. Sie prägen das Bild, das sich die Ministerin macht. Sie bestimmen Ausrichtung, Struktur und Selbstverständnis der Truppe. Welche Folgen hat das für Deutschlands Sicherheit?
Eine Recherchekooperation des Tagesspiegels mit dem ARD-Magazin "Fakt".

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