Religionen der Welt : Das Kreuz der Christen im Nahen und Mittleren Osten

Die orientalischen Christen werden verfolgt und bedrängt, viele wandern aus. Mancherorts entsteht ein neues Christentum. Es ist jedoch ganz anders geprägt.

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Botschaft. „Frohe Weihnachten aus dem Ghetto Bethlehem“ steht an der israelischen Sperranlage in der heiligen Stadt.
Botschaft. „Frohe Weihnachten aus dem Ghetto Bethlehem“ steht an der israelischen Sperranlage in der heiligen Stadt.Foto: UPI/laif

Der Gottesdienst war fast zu Ende, da explodierte am 11. Dezember in der Kirche Sankt Peter und Paul in Kairo eine Bombe. Ein 22-Jähriger hatte sich in die Luft gesprengt. 25 Menschen starben, 49 weitere wurden verletzt. Es war eine der schwersten Terrorattacken gegen Christen in Ägypten. Pflichtschuldig vermeldeten viele westliche Medien den Anschlag. Empörung und Solidarität hielten sich in Grenzen.

Das Schicksal der Christen im Nahen und Mittleren Osten sollte die Glaubensgeschwister im Westen aber nicht kalt lassen. Denn dort hat das Christentum seine Wurzeln. In der Umgebung von Bethlehem, wo vor 2000 Jahren ein jüdischer Junge namens Jesus geboren wurde, lebten vor 70 Jahren noch mehrheitlich Christen. Heute geraten palästinensische Christen oft von zwei Seiten unter Druck: Palästinensern sind sie nicht palästinensisch genug, Israelis sind sie zu palästinensisch. Wer kann, wandert aus.

Christen sind weltweit am stärksten von Bedrängung und Verfolgung betroffen – auch weil die rund 2,2 Milliarden Christen die mit Abstand größte Religionsgemeinschaft sind. 2016 hat sich die Lage durch Kriege und das Wüten dschihadistischer Gruppen weiter verschlechtert. Die christlichen Gemeinschaften, die Art der Bedrängnis und auch die Motive für die Verfolgung sind aber von Land zu Land unterschiedlich. Ein kleiner Überblick:

ÄGYPTEN

Die ägyptischen Kopten gehören zu den ältesten christlichen Gemeinschaften des Orients. Sie machen etwa zehn Prozent der 89 Millionen Ägypter aus. Seit Jahren klagen sie über Benachteiligungen und fühlen sich als Bürger zweiter Klasse. Nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi 2013 ließen seine Anhänger ihre Rache an den Kopten aus und brannten mehr als 60 Kirchen nieder. Das Militär baute sie wieder auf. Jetzt gelten die Kopten erst recht als Parteigänger des neuen Präsidenten Abdel Fattah al Sisi. Dieses Problem haben Christen auch in anderen Ländern der Region: Als Minderheit sind sie auf ein gutes Verhältnis zu den autoritär regierenden Machthabern angewiesen. Drehen sich die Machtverhältnisse, wird ihnen das zum Verhängnis.

SYRIEN

Vor den Toren von Damaskus soll sich vor 2000 Jahren der Christenverfolger Saulus zum gläubigen Paulus gewandelt haben. Seitdem hat sich in Syrien ein vielfältiges Christentum entwickelt. 2010 machten die Christen zehn Prozent der damals 21 Millionen Syrer aus. Hilfswerke berichten, dass seitdem drei Viertel der Kirchen und Klöster durch Kriegshandlungen zerstört wurden, hunderte Christen wurden von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) vertrieben und verschleppt, Priester und Mönche ermordet. Mehr als 500 000 Christen haben das Land verlassen.

IRAK

„Es geht um unsere Existenz, darum, ob es hier künftig Christen geben wird oder ob die 2000-jährige Geschichte der Christen im Irak nur noch Stoff fürs Museum ist“, sagt Erzdiakon Emanuel Youkhana im nordirakisch-kurdischen Dohuk. 2002 lebten nach Auskunft des US-Außenministeriums 1,2 Millionen Christen im Irak, jetzt sind es schätzungsweise 250 000. Viele sind vor dem IS in die Nachbarländer oder in den Westen geflohen. In Mossul läuten schon seit drei Jahren keine Weihnachtsglocken mehr. Auch wenn der IS vertrieben wird, könnten die Christen nicht mehr nach Mossul zurück, glaubt Erzdiakon Youkhana. Viele muslimische Einwohner hätten den Einmarsch des IS bejubelt und christliche Nachbarn verraten. „Wie sollen wir jemals wieder zusammenleben?“ Iraks Verfassung misst nur Muslimen volle Rechte zu. Lediglich in den Kurdengebieten im Norden hätten Christen die gleichen Rechte, da sich die Kurden nicht über die Religion, sondern über die Ethnie definierten, sagt Youkhana.

ARABISCHE HALBINSEL

In Saudi-Arabien haben Menschen, die nicht dem reaktionären wahhabitischen Islam angehören, keine religiösen Rechte. Christen dürfen sich nicht als solche zu erkennen geben, keine Gottesdienste feiern, Konversionen vom Islam zum Christentum stehen unter Todesstrafe. Zugleich lebt dort, abgesehen von Ägypten, die größte christliche Gemeinschaft im Nahen Osten. Die schätzungsweise 1,5 Millionen Katholiken, tausende Protestanten, Orthodoxe, Pfingstler und orientalische Christen sind Arbeitsmigranten, viele stammen von den Philippinen und aus Äthiopien. Sie treffen sich unter großen Gefahren an geheimen Orten. In den Vereinigten Arabischen Emiraten hingegen stehen religiöse Minderheiten unter verfassungsmäßigem und rechtlichem Schutz, die Regierung stellt sogar Land für den Bau von Kirchen zur Verfügung. Nach Auskunft der Deutschen Bischofskonferenz gibt es mehr als 40 Gebetszentren, in denen sich jeden Freitag zehntausende Gläubige versammeln. Auch in Kuwait (der einzige Golfstaat, in dem es alteingesessene Christen gibt), Bahrain und Oman feiern Christen ohne größere Probleme Gottesdienste. Allerdings dürfen sie nirgendwo für ihren Glauben werben. Aus dem Kriegsland Jemen sind die meisten Christen geflohen. Wer dableibt, riskiert, entführt und ermordet zu werden.

JORDANIEN

Auch in Jordanien ist der Islam Staatsreligion, und auch hier machen sich islamistische Tendenzen bemerkbar. Aber noch können Christen ziemlich unbehelligt leben, ihren Glauben praktizieren und Schulen und Universitäten betreiben. Die christliche Gemeinschaft besteht überwiegend aus palästinensischen Flüchtlingen, die seit 40 Jahren hier leben, zehntausende Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien sind hinzugekommen.

IRAN

Während die alteingesessenen Gemeinschaften orientalischer Christen schrumpfen, wächst in einigen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens ein neues Christentum heran, das religiös völlig anders geprägt ist. Am deutlichsten wird das bisher im Iran. Evangelikale und pfingstkirchliche Missionare vor allem aus den USA werben fürs Christentum und sind dabei ziemlich erfolgreich. In den Augen vieler Iraner hat die herrschende Klasse der Mullahs den Islam durch Korruption und unbarmherzige Strafen diskreditiert. Das Christentum sei vor allem wegen seiner Botschaft der Liebe und des Friedens attraktiv, sagen geflüchtete Iraner in Deutschland. Da Konversionen im Iran verboten sind, treffen sich die neuen Christen in Untergrundkirchen. Wie viele es davon gibt, lässt sich aber schwer sagen. Das Regime reagiert mit Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Dem International Religious Freedom Report des US-Außenministeriums zufolge saßen 2016 in iranischen Gefängnissen 90 Christen. Auch die Terrormilizen des „Islamischen Staates“ haben in den Augen vieler Muslime den Islam unglaubwürdig gemacht. Experten gehen davon aus, dass es deshalb auch in arabischen Ländern heimliche Konversionen zum Christentum gibt.

TÜRKEI

Offiziell ist die Türkei ein laizistischer Staat französischer Prägung. Allerdings sind die Religionsgemeinschaften der Religionsbehörde unterstellt und somit indirekt dem Präsidenten. In den Anfangsjahren von Präsident Recep Tayyip Erdogan wurde die Türkei nach 100 Jahren Vertreibung und Ausgrenzung aber sogar wieder attraktiv für Christen. Enteignete Grundstücke wurden zurückgegeben, zerstörte Kirchen aufgebaut. Nach dem Putschversuch im Juli wurde der ökumenische Patriarch von Istanbul vorübergehend verdächtigt, Verbindung zur Gülen-Bewegung zu haben, die die Regierung für den Putschversuch verantwortlich macht. Christen fürchten, dass ihnen angesichts der wachsenden Islamisierung des Landes künftig unterstellt wird, keine „echten“ Türken zu sein.

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