Rentenpläne der großen Koalition : Familien zahlen drauf

Mit dem milliardenschweren Rentenpaket will Schwarz-Rot unter anderem Familienväter und -mütter besser stellen. Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagen Experten. Wie kommen sie zu diesem Urteil?

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Familien werden im Rentensystem benachteiligt.
Familien werden im Rentensystem benachteiligt.Foto: dpa

Familien werden im bestehenden Rentensystem massiv benachteiligt. So lautet das Resümee einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung, die dem Tagesspiegel vorliegt. Und an diesem Zustand ändere auch die geplante Reform nicht wirklich etwas. Obwohl sie das Rentensystem aufrecht erhielten, trügen Familien in Deutschland während des Aufwachsens ihrer Kinder höhere Belastungen als Kinderlose, heißt es in der Studie.

Eltern hätten in ihrer Familienphase nämlich für den Lebensunterhalt von gleich zwei weiteren Generationen aufzukommen: Sie finanzierten über ihre Rentenbeiträge die Älteren. Und sie investierten Geld und Zeit für ihre Kinder – die später dann wiederum durch ihre Rentenbeiträge das System am Leben erhalten und auch den Kinderlosen aus ihrer Elterngeneration die Altersversorgung bezahlen. Um diese späteren Rentenzahler groß zu bekommen, schränkten Mütter und Väter oft ihre Berufstätigkeit ein, so dass sich nicht nur ihr eigenes Einkommen verringert, sondern auch ihre eigenen Rente am Ende deutlich niedriger ausfällt als die von Kinderlosen.

Rentenversicherung profitiert stark von jedem Kind

„Unser umlagefinanziertes Rentensystem erkennt die Leistungen von Müttern und Vätern nicht angemessen an“, schreibt der Bochumer Volkswirtschaftsprofessor Martin Werding, der auch die Bundesregierung berät. Und er belegt das mit Zahlen. Im Schnitt hätten Eltern für ihre Erziehungsleistung derzeit eine Mütterrente von gerade mal 8300 Euro zu erwarten. Gleichzeitig profitiere die Rentenversicherung von jedem Kind unterm Strich mit einer fast zehnmal so hohen Summe. Laut Werding zahlt ein heute 13-Jähriger im Laufe seines Lebens durchschnittlich 77 000 Euro mehr in die Rentenkasse ein als er später einmal selbst an Rentenleistung zu erwarten hat.

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Auch die vielen familienpolitischen Maßnahmen und staatlichen Bildungsangebote – laut Familienministerium sind es derzeit 156 – wögen die Investitionen von Familien in Kinder nicht annähernd auf, heißt es in der Studie. Zwar komme die Allgemeinheit für die Kosten von Kindertagesstätten, Schulen sowie für Kinder- und Elterngeld auf. Doch im Schnitt zahle jedes Kind im Laufe seines Lebens 50 500 Euro mehr in die Sozialkassen und ins Steuersystem ein als es an staatlichen Zuschüssen für Betreuung und Bildung erhalten habe.

"Familien sollten in der Erziehungsphase entlastet werden"

„Angesichts der Leistung von Eltern und der positiven Effekte, die ein Kind im weiteren Leben für die Gesellschaft erzielt, sollten Familien in der Erziehungsphase finanziell entlastet werden“, findet Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, die das 100-Seiten- Werk in Auftrag gegeben hat. Um das System „demografiefest und familiengerecht“ zu machen, müsse es umfassend reformiert werden – und zwar bevor die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen.

Kinderrente als alternatives Modell?

Damit entspreche man auch Forderungen des Bundesverfassungsgerichts, erinnert Werding. Der Sozialwissenschaftler hat zwei Reformmodelle entwickelt, mit denen sich die aus seiner Sicht bestehenden „Fehlanreize gegen eine Familiengründung“ korrigiert werden könnten. Das eine sieht vor, im Rentensystem Kinderfreibeträge zu installieren, wie es sie bereits für Steuerzahler gibt. Dadurch würden Eltern in der Erziehungsphase geringere Beiträge zahlen – ohne dass sie deshalb Renteneinbußen hinnehmen müssten. Aufwändiger wäre Werdings Modell eines Dreisäulenmodells. Zu einer umlagefinanzierten Basisrente käme eine „Kinderrente“, die sich allein an der Kinderzahl bemisst. Zudem gäbe es eine Pflicht zu ergänzender Vorsorge, von der Eltern je nach Kinderzahl teilweise oder ganz befreit würden.

Eine vierköpfige Familie mit Durchschnittseinkommen hätte dadurch im Jahr etwa 2600 Euro mehr auf dem Konto. Kinderlose mit gleichem Einkommen dagegen verlören 1400 Euro.

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