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Politik : Rumäniens vergessene Kinder: In der Heimat der wunden Seelen - Nach der Ceausescu-Diktatur dürfen sie wieder leben

07.09.2000 00:00 UhrVon Claudia Lepping

Klarer Fall, Taxi-Fahrer will er werden, sobald er gelernt hat, Autos zu reparieren. "Bei uns muss sich ein Mann selbst helfen", sagt Dan Dan. Er hat die Arme gebeugt und macht das Motorengeräusch nach, dann zieht er mit der Rechten eine fiktive Handbremse und hält mit einer galanten Verbeugung die imaginäre Beifahrertür auf.

Nur noch selten streifen jene kindlichen Züge Dan Dans Gesicht, die ihn noch vor zwei Jahren so verletzlich wirken ließen. Schüchtern hatte er damals in der Tür gestanden und die Szene im Kinderheim lieber beobachtet, als sich einzumischen. Heute, mit 21 Jahren, will er jemand sein. "Wissen Sie, wie schwierig das ist, auf alle Kinder, die Pflegerinnen und die Therapeutinnen aufzupassen?", fragt er.

"Da bin ich abends hundemüde, aber ich darf nicht einschlafen, bis alle das Licht ausgemacht haben." Er hat das Gefühl, ohne ihn läuft hier nichts, das braucht er. 112 Kinder und Jugendliche sind sie in Cighid, jetzt werden sie allmählich erwachsen - ihr größter Triumph, denn sie waren zum Sterben aussortiert.

Cighid. Es gibt Bilder, die jeder kennt und niemand vergisst. Der Name des früheren Jagdschlosses war Synonym für Kindergulag und Todeslager. Der Wartesaal zum Jenseits in abgeblättertem feudalem Ambiente wurde 1989 entdeckt. Man fand eine Kartei mit Namen von mehr als 240 Kindern; sie sollten krepieren, weil es für sie in Rumänien nach der Doktrin des Diktators Nicolae Ceausescu keinen anderen Platz gab als diesen, nahe der Europastraße 671, kurz hinter der Grenze zu Ungarn.

Der Conducator hatte seinem Volk Fruchtbarkeit befohlen und allen Frauen Verhütung und Abtreibung verboten, die weniger als fünf Kinder zur Welt gebracht hatten. Unzählige Kinder wurden behindert geboren, nachdem ihre verarmten Mütter versucht hatten, die Föten mit einer Überdosis Medikamente oder mit rostigen Drähten zu töten. Die verlassenen Neugeborenen wurden in Waisenhäuser gesteckt, im Alter von drei Jahren wurden die Kinder fragwürdigen Intelligenztests unterzogen. Die Starken und Gesunden durften bleiben; sie wurden in Scharen für den Geheimdienst Securitate rekrutiert. Die Schwachen, Behinderten und Zigeuner kamen nach Cighid. Ihre Namen füllten Listen, die überschrieben waren mit dem Wort "irecuperabili". Übersetzt heißt das "unwiederbringlich", für viele war es ein Todesurteil. In Cighid sollten sie sterben, ohne getötet zu werden, einfach dadurch, dass sich niemand um sie kümmerte. Die zuständige Ärztin sparte sich Zeit, indem sie bei ihren seltenen Besuchen vorsorglich Totenscheine für Kinder ausstellte, die noch lebten.

Was ist aus den Kindern geworden? 137 haben nicht überlebt, die übrigen sind geblieben. Denn Cighid, der grausame Ort, ist für sie wohl doch so etwas wie eine Heimat. Mit den internationalen Spendengeldern wurde das Schlossgebäude renoviert, wurden vier weiß getünchte Häuser gebaut. In ihnen wohnen die älteren Kinder, inzwischen 14 bis 24 Jahre alt, fast wie in Familien, nur dass es keine Eltern gibt, dafür ziemlich viele Geschwister. Jene, die es können, gehen im Nachbarort zur Schule.

Im Isolator

Dan Dan wurde vor zehn Jahren aus dem "Isolator" gerettet, einem Verschlag mit vernagelten Fenstern, in dem er und 16 andere Kinder wie Ferkel gehalten worden waren. Er war einer der Kleinsten in dem Raum, den sie jahrelang nicht verlassen hatten. Dan Dan erzählt, wie er einmal eine Ratte erschlagen hat, weil sie ihn beißen wollte. Seine Bewegungen, mit denen er die Szene simuliert, haben etwas Pubertäres, Albernes. Nur so, scheint es, kann er verdrängen. Sein Trauma zeigt sich im Alltäglichen: Bis heute riecht auch Dan Dan an allem, was ihm zum Essen gereicht wird - so wie damals in der Dunkelheit des Isolators, als er erst am Geruch erkannte, ob er Brei oder Kot zwischen den Fingern hatte.

Aber darüber will Dan Dan nicht reden. Er kann es auch nicht wirklich, seine Zunge ist zu weit vorn festgewachsen. Dan Dan spricht lallend und versucht, seinen Sprachfehler durch Lautstärke zu kompensieren. Täglich hat er Unterricht bei Ramona, der Logopädin, aber wirklich helfen könnte ihm nur eine Operation des Zungenbands. Den Hospitalismus dagegen hat Dan Dan überwunden. Viele andere Kinder geben sich nach wie vor diesem rhythmischen Taumeln und dumpfen Gurren hin, wie in Trance. Auf sie, glaubt Dan Dan, muss er aufpassen, weil er sich selbst so stark fühlt.

"Er hat tatsächlich das Zeug, rauszugehen. Er kann lernen, sich in der Stadt durchzusetzen", sagt Pavel Oarcea, der Kinderarzt und Leiter des Heimes. "Taxifahrer, warum nicht?" Niemand kennt die Kinder besser als er. Im Frühjahr 1990, als die Bilder von den verwahrlosten und behinderten Kindern um die Welt gingen, wurde der 52-Jährige von der bedrängten Regierung beauftragt, sich um Cighid zu kümmern. Es gab an diesem Ort kein Kind, das nicht intellektuell und motorisch zurückgeblieben war, zu klein für sein Alter und nach Jahren des Dahinvegetierens kaum des Gehens oder Sprechens fähig. In ihrem Kot wühlten sie nach Nahrung. Das "Personal" bestand aus zehn Bäuerinnen aus der Nachbarschaft. Sie verabreichten den Kindern den immergleichen Brei, dann verriegelten sie die Türen. Sechs Kilometer vom Heim entfernt wurde ein Friedhof für die Toten von Cighid angelegt, heute stehen dort 137 weiße Holzkreuze in zehn Reihen. Die Gitter der früheren Kinderbettchen umzäunen die letzte Ruhestätte.

Sehr schnell, sagt Pavel Oarcea, habe er gespürt, dass er die Überlebenden nicht verlassen kann. Heute ist er "Herr Doktor", "Papa" und "Chef" für 112 Kinder. Wenn er aus seinem Büro kommt oder aus dem Behandlungsraum, vergehen keine zehn Sekunden, bis mindestens fünf Kinder auf ihn zustürzen und von ihrem Tag erzählen. Er lässt sie sprudeln. "Ich empfange mehr, als ich gebe", sagt Oarcea.

Manchmal ist er Arzt, Verwalter, Architekt und Bauherr zugleich. Er beaufsichtigte den Bau der neuen Häuser und sitzt jetzt über den Plänen der neuen Heizung. In der Pause seines Computerkurses berät er sich mit den Psychologen, Logopäden und Physiotherapeuten.

Ohne deren Wissen wäre einer wie Otto heute tot. Vor zwei Jahren mussten die Pfleger die Handgelenke des Jungen noch hinter der Rückenlehne seines Rollstuhls zusammenbinden, damit er nicht ständig selbst auf sich einschlug. Otto ist spastisch gelähmt, er galt als unheilbar aggressiv gegen sich selbst und konnte nur mit schweren Psychopharmaka ruhig gestellt werden. Es fehlte nicht viel, und Otto hätte sich selbst massakriert. Wenn es ihm gelang, sich aus dem Rollstuhl zu stürzen, warf er seinen Kopf bis zur Besinnungslosigkeit gegen das Gestell.

Heute kreuzen Narben Ottos Augenbrauen, die Lippen vor seinen zersprengten Zahnreihen sind verwachsen; wie abgestoßene Hörner ragen Ellenbogen und Kniegelenke grau hervor. Otto lächelt, er muss einmal sehr hübsch gewesen sein. Durch Physiotherapie und mit viel Geduld hat der 22-Jährige gelernt zu stehen. Aus Begeisterung über diesen Erfolg und das Lob, das er dafür bekommt, hievt er sich aus dem Rollstuhl und zieht sich am Hals des Arztes hoch, bis er in dessen Armen liegt. "Medikamente braucht er nicht mehr", sagt Pavel Oarcea. "Zuneigung ist die beste Therapie."

Ein Brief von der Regierung

Was wird aus Otto, was wird aus Dan Dan und den anderen Kindern von Cighid? Pavel Oarcea hat Angst. Vor ein paar Tagen hat er einen Brief von der Regierung bekommen. Was darin steht, mag Oarcea nicht glauben. Den erwachsenen Kindern, heißt es, droht die Psychiatrie. Dazu muss man wissen, dass die Europäische Union Rumänien die Aufnahme in die EU auch deshalb vorerst verweigert hat, weil sich das Land nicht um seine Waisen kümmerte. Jetzt hat Bukarest die Kinderheime besser ausgestattet, um die Kritiker zu besänftigen. Aber die Kapazitäten sind erschöpft, seit die Zahl der Heimkinder auf 150 000 gestiegen ist. Zusätzliches Geld für den Bau neuer Heime kann die Regierung nach eigenem Bekunden nicht zur Verfügung stellen. Deshalb sollen die Über-18-Jährigen den Jüngeren Platz machen und die Heime verlassen. Aber in Rumänien gibt es keine Behinderteneinrichtungen für Erwachsene. Also die Psychiatrie. "Haben sie den Kindergulag überlebt, um in die Anstalt zu kommen?" Pavel Oarcea ist empört über die Post aus Bukarest.

Die Helfer aus Deutschland, der Schweiz und Schweden pochen darauf, dass das "Heimatrecht der Kinder von Cighid" vertraglich gesichert ist - und wollen zur Not Häuser kaufen, in die die Älteren übersiedeln können. Als Gegenleistung sollen die Kommunen die Gehälter der Pfleger und Betreuer bezahlen. Die Verhandlungen verlaufen zäh, und spätestens nach der Wahl im Herbst wird sich zeigen, ob sich die Nachfolgeregierung von Präsident Constantinescu noch an solche Verträge gebunden fühlt. Die Vorzeichen sind schlecht. Schon seit zwei Monaten warten Pfleger und Therapeuten auf ihre Gehälter.

Die Kinder ahnen nichts von alledem. Sie kommen wie an jedem Abend in diesem Sommer vom Baden zurück. Dan Dan achtet darauf, dass der Traktor, der den Anhänger mit den Kindern nach Hause zieht, noch genug Diesel im Tank hat. Im Heim angekommen, hält eine Pflegerin so lange Ottos Hand, bis er ruhig eingeschlafen ist. Und Pavel Oarcea brütet weiter über den Briefen der Regierung. Irgendwann, als Dan Dan die Augen kaum noch aufhalten kann, klopft er an die Tür des Arztes und fragt, ob er noch lange aufpassen muss, bis auch "der Chef" schlafen geht.

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