Schule : Ganztags gegen soziale Nachteile

Viele Experten meinen, dass Deutschlands mehrgliedriges Schulsystem soziale Gerechtigkeit und soziale Mobilität behindert. Große Hoffnungen werden darauf gesetzt, dass die Ganztagsschule soziale Benachteiligungen ausgleicht.

Fast 17 Prozent der Schüler besuchen eine Schulform, die unterhalb ihres kognitiven Potenzials liegt, haben Forscher vom Wissenschaftszentrum Berlin und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung festgestellt. Das Risiko, unterhalb des eigenen kognitiven Potenzials eingestuft zu werden, liegt dabei für Kinder aus einem nicht-akademischen Haushalt zweieinhalb Mal so hoch wie für Kinder aus Akademikerfamilien.

Inzwischen ist die Hauptschule in den meisten Bundesländern zwar abgeschafft und zweigliedrige Systeme dominieren. Aber längst nicht alle der aus der Fusion von Haupt-, Real- und Gesamtschulen hervorgegangenen Oberschulen haben eine gymnasiale Oberstufe, die es ihnen erlauben würde, ihre Schüler ohne eine zusätzliche Bildungsschwelle zum Abitur zu führen.

Bildungschancen in Deutschland hängen auch stark vom Bundesland ab. In Berlin, Brandenburg, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern wechselt etwa jeder zweite Grundschüler auf ein Gymnasium. In Bremen, Bayern, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein sind es nur 40 Prozent. In Bayern hat ein Kind aus einer oberen Sozialschicht eine 6,5 Mal höhere Chance auf ein Gymnasium zu kommen als ein Kind aus einer unteren Schicht. In Berlin ist die Chance für Kinder aus einer höheren Schicht nur 1,7 Mal so groß. Fast jeder fünfte Schüler in Deutschland ist ein „Risikoschüler“ – das bedeutet, wegen seines geringen Bildungsniveaus wird gesellschaftliche Teilhabe für ihn sehr schwierig.

Große Hoffnungen werden darauf gesetzt, dass die Ganztagsschule soziale Benachteiligungen ausgleicht. Idealerweise halten sich Kinder und Jugendliche dort von morgens bis nachmittags in einer anregenden Lernumgebung auf und erledigen auch noch ihre Hausaufgaben unter fachkundiger Anleitung. 70 Prozent der Eltern wünschen sich Ganztagsschulen für ihre Kinder. Vor allem in Familien mit einem geringen sozioökonomischen Status empfinden sie die Ganztagsschule als große Hilfe beim Thema Hausaufgaben und sehen sich auch bei der Erziehung unterstützt.

Angestoßen von einem Vier-Milliarden-Euro-Programm des Bundes in den Jahren 2003 bis 2009 wurden die Ganztagsschulen massiv ausgebaut. Mittlerweile macht bundesweit gut die Hälfte der allgemeinbildenden Schulen Angebote am Nachmittag, die allermeisten in der offenen, also freiwilligen Form. Angenommen werden sie denn auch nur von knapp einem Drittel der Schüler – mit großen regionalen Schwankungen. In Sachsen sind es fast 80 Prozent, in Bayern nur elf Prozent.

In Berlin haben 86 Prozent aller Schulen ein Ganztagsangebot, darunter alle 375 Grundschulen und fast alle 118 Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen. Die Hälfte der Berliner Schüler nutzt diese Angebote.

Experten fordern immer wieder, dass möglichst flächendeckend gebundene Ganztagsschulen geschaffen werden, an denen die Nachmittagsangebote verpflichtend sind. Außerdem müsse der Unterricht rhythmisiert sein, Fachunterricht und andere Aktivitäten sich bis in den Nachmittag abwechseln. Bildungsforscherin Natalie Fischer, Koordinatorin der großen Ganztagsschulstudie „Steg“ an der Uni Frankfurt am Main, sagt: „Wichtig ist vor allem, dass die Schüler regelmäßig an möglichst vielfältigen Angeboten über den Unterricht hinaus teilnehmen, dann bessern sich ihr Sozialverhalten und die Schulnoten.“ Jugendliche, die schon in der Grundschule ganztags gelernt haben, seien auch in der Sekundarschule motivierter, freiwillig AGs und Förderstunden am Nachmittag zu besuchen. Generell wirkten Ganztagsschulen der sozialen Selektion entgegen, sagt Fischer: Kinder aus sozial schwächeren Familien nähmen dort an Kunst-, Musik- oder Sportangeboten häufiger teil, als sie es außerhalb der Schule tun würden. (akü/-ry)

Den Haupttext zum Thema Chancenungleichheit "Welche Chancen hat ein Kind in Deutschland?" lesen Sie hier.

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