Schule und Erziehung : Schule und Erziehung

Das Transparent an der Münchner Feldherrnhalle verkündete: „Das Kreuz bleibt – gestern – heute – morgen.“ Und wer immer noch nicht verstanden hatte, dem schallte es entgegen: „Erlöse uns, Herr, von Richtern und Politikern, die Dein Hl. Zeichen angreifen“. Darunter übten Kirchenvertreter wie der Münchner Kardinal Friedrich Wetter und CSU-Granden wie Ministerpräsident Edmund Stoiber den Schulterschluss. Aus ganz Bayern waren am 23. September vor 18 Jahren an die 25 000 Menschen dem Ruf der katholischen Kirche gefolgt, um gegen etwas nach ihrem Empfinden Ungeheuerliches zu demonstrieren. Das Bundesverfassungsgericht hatte entschieden, dass die Kruzifixe und Kreuze in bayerischen Klassenzimmern gegen das Gebot der religiös-weltanschaulichen Neutralität verstoßen und damit der Klage eines Vaters Recht gegeben, der seine Kinder im anthroposophischen Sinne erziehen wollte.

Dabei bekräftigte das Karlsruher Urteil die vom Grundgesetz vorgegebene religiöse Neutralität des Staates – was nach Ansicht des kirchenkritischen Religionsverfassungsrechtlers Gerhard Czermak inzwischen auch „weithin akzeptiert“ ist – und stärkt das verfassungsmäßige Recht der Eltern, ihre Kinder gemäß eigenen religiösen Vorstellungen zu erziehen. Vater und Mutter bestimmen dabei lange alles; erst das zwölfjährige Kind kann nicht mehr zum Bekenntniswechsel gezwungen werden, mit 14 Jahren dann darf der Jugendliche frei über Glaube und Religionszugehörigkeit entscheiden.

Die Debatte über das Kölner Beschneidungsurteil hinterfragt nun dieses umfassende Recht der Eltern – und stellt das Recht des Kindes dagegen. Beim Kruzifix-Urteil ging es um eine christlich-konservative Politik, die bestimmte Weltanschauungen auch in Schule und Ausbildung bevorzugt. Da 1950 noch 97 Prozent der Bevölkerung in der BRD katholisch oder evangelisch waren, ist es kein Wunder, dass jahrelang Gesetze, Urteile oder Praktiken oft ganz dem kirchlichen Geist entsprachen. Der bayerische Aufschrei 1995 aber überraschte in seiner Intensität; damals zählten schon nur noch 68 Prozent der Bevölkerung zu einer der zwei großen Kirchen, heute sind es nicht einmal mehr 60 Prozent.

Schule und Religion bleiben dennoch Reizthema. Ende der 90er hatte Baden-Württembergs Schulbehörde der muslimischen Lehrerin Fereshta Ludin das Kopftuchtragen im Unterricht verboten. 2003 bestätigte das Verfassungsgericht das Verbot, mit der Einschränkung, in etwaigen Gesetzen alle Religionssymbole „strikt gleich“ zu behandeln. In der Praxis betrifft dies in konservativ-ländlichen Bundesländern wie Baden-Württemberg, Bayern oder Hessen die christliche Religion aber deutlich weniger als den Islam. Inzwischen haben zwei weitere muslimische Lehrerinnen beim Bundesverfassungsgericht gegen ein Kopftuchverbot geklagt, ein Urteil wird in diesem Jahr erwartet.

Im eher laizistisch geprägten Berlin dagegen stießen religiöse Eltern ein Volksbegehren an, um statt des für alle Schüler verpflichtenden Ethikunterrichts auch einen regulären Religionsunterricht einzuführen. Bei der Abstimmung vor drei Jahren verweigerte die Mehrheit der Berliner „Pro Reli“ aber ihre Zustimmung. Dennoch ist die Schule in der Hauptstadt kein religionsfreier Raum, wie das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig im November entschied. Zwar untersagte das Gericht einem Schüler, in der Schule nach islamischem Ritus zu beten. Aber es betonte den Einzelfall vor dem Hintergrund des religiös aufgeheizten Klimas an dem Gymnasium. Generell sei ein Schüler zum Gebet in der Schule berechtigt, soweit er dabei niemanden stört.

Kruzifixe und Kopftücher können Kinder stören, aber in der Pause

beten dürfen sie. Glaube hat seinen Platz nicht nur im Religionsunterricht

0 Kommentare

Neuester Kommentar