Schule und Ideologie : Am Humanistentag humanistisch in den Unterricht gehen!

Einige Berliner Schüler dürfen bald am Welthumanistentag zu Hause bleiben. Ihnen empfiehlt unser Kolumnist, an diesem Feiertag darüber nachzudenken, wie wichtig es ist, in die Schule zu gehen. Unterricht ist wichtiger als Weltanschauung. Ein Appell.

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Am Rande einer Aktion kollektiver Kirchenaustritt klebte 2012 vor dem Standesamt in Mainz ein Schild mit der Aufschrift "Humanismus" und "Katholizismus (durchgestrichen).
Am Rande einer Aktion kollektiver Kirchenaustritt klebte 2012 vor dem Standesamt in Mainz ein Schild mit der Aufschrift...Foto: dpa

Berlin hat einen neuen Schulfeiertag, den Welthumanistentag. Ab dem kommenden Schuljahr können sich Schülerinnen und Schüler am 21. Juni beurlauben lassen, sofern sie dem Humanistischen Verband oder einer anderen Humanistenvereinigung angehören. Das gibt es nur in Berlin, der Hauptstadt der Schulreformen, und wir verdanken es unserer Bildungssenatorin Sandra Scheeres. Sie sagt: An diesem Tag sollen die humanistischen Schüler über Zusammenhalt und das Miteinander in unserer Gesellschaft nachdenken.

Eines ist für den Zusammenhalt und das Miteinander in unserer Gesellschaft auf jeden Fall besonders wichtig, dies ist der regelmäßige Schulbesuch. Ich würde den humanistischen Schülern deshalb empfehlen, an ihrem Feiertag darüber nachzudenken, wie wichtig es ist, in die Schule zu gehen, zu lernen und nichts zu verpassen.

Den Humanistentag gibt es erst seit 1986. Der Humanismus ist keine Religion, sondern eine Weltanschauung – übrigens eine, die ich recht sympathisch finde. Die Religionen berufen sich bei den Feiertagen in der Regel auf ihre heiligen Schriften. Wenn der religiöse Mensch den Feiertag nicht ernst nimmt und arbeitet, sündigt er. Ausnahmen sind meistens erlaubt.

Der Feiertag zeigt, dass der Staat Respekt vor dem Glauben hat und seine Bürger nicht in einen Gewissenskonflikt stürzen will, hier das Wort Gottes, dort der Staat. Bei den Humanisten, die an keinen Gott glauben, ist dieser Konflikt nicht annähernd so ausgeprägt. Die Maßnahme betrifft nicht allzu viele Schüler.

Für manche ist Fußball fast eine Religion!

Aber ich finde die Haltung interessant, die sich dahinter erkennen lässt. Die Weltanschauung des Elternhauses ist der Schulsenatorin wichtiger als die Idee „Schule“. Morgen kann die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters kommen und einen freien Tag verlangen, diese Glaubensgemeinschaft gibt es ja auch. Und was ist mit den Veganern, den Freimaurern oder den Fußballfans? Für manche ist Fußball fast eine Religion!

Die Rechte von Minderheiten sollten respektiert werden. Aber es gibt auch noch andere Werte, und man muss immer abwägen. In jeder zweiten Sonntagsrede wird bei uns der Wert von Bildung gepriesen. Aber Bildung entsteht nur, indem man arbeitet, sich anstrengt, zur Schule geht und auch mal auf etwas verzichtet, das man in diesem Moment lieber täte. Auf der einen Seite wird bei uns die staatliche Einheitsschule durchgesetzt, alle sind gleich und sollen gemeinsam unterrichtet werden.

Auf der anderen Seite werden die Klassen, wenn der Humanistentag Schule macht, immer seltener als Gemeinschaft zusammenkommen. Der Unterricht wird schwieriger. Das oberste Gesetz der Berliner Bildungspolitik heißt offenbar: Unterricht ist nicht so wichtig wie Weltanschauung.

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